Erwartung an Politik: Jugend will pragmatische Lösungen

Von: Naima Wolfsperger
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Politikverdrossenheit? Die „Jusos“ (Junge Sozialdemokraten) im Kreis Heinsberg setzen vor allem auf konkrete Aktionen. Foto: dpa
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Esther Werny ist seit 2016 Vorsitzende der Jungsozialisten im Kreis Heinsberg. Foto: Werny

Kreis Heinsberg. Im Elternhaus von Esther Werny wurde immer viel über Politik gesprochen. Mit 14 „wollte ich mal ein bisschen mehr wissen, als das, was bei uns am Küchentisch diskutiert wurde“, sagt die 22-jährige Arbeits- und Organisationspsychologie-Studentin.

Da habe sie im Internet recherchiert und geguckt, was es für Parteien gibt und welche Werte sie vertreten. „Das Thema soziale Gerechtigkeit war dann ausschlaggebend.“ Seit Januar 2016 ist die Waldfeuchterin Vorsitzende der Jungsozialisten (Jusos) im Kreis Heinsberg. Im Interview mit unserer Zeitung erklärt sie, dass junge Menschen von der Politik vor allem greifbare Politiker und pragmatische Lösungen erwarten.

Eines der gesetzten Ziele der Jusos für das Jahr 2016 war, Schüler konkret auf ihre Kritikpunkte anzusprechen, denn, wenn ich Sie zitieren darf: „Politikverdrossenheit darf nicht die Lösung sein. Es heißt jetzt zuhören, konkrete Handlungsstrategien ableiten und letztlich politischen Druck aufbauen.“ Was haben Sie erreicht?

Werny: Wir haben versucht, junge Menschen über den Bekanntenkreis zu erreichen, weil wir es als schwierig empfanden Schüler direkt auf der Straße anzusprechen. Zweimal hatten wir die Aktion „Nimm ein Teil mehr mit“, bei der Bürger nach ihrem Einkauf Essen an die Tafel spenden konnten. Ziel war es, etwas Greifbares im Kreis zu machen, um dem Bild des unnahbaren Politikers entgegenzuwirken. Wir verfolgen auch die Initiative „Mitfahrbänke“, um über das Thema Mobilität an die Jugendlichen heran zu kommen.

Politikverdrossenheit ist demnach eine Folge des unnahbaren Politikers?

Werny: Das weiß ich nicht genau. Ich beziehe mich dabei auf die Ergebnisse der Sinus-Milieusstudie, die auch schließt, dass Jugendliche Politiker oft für unnahbar halten. Ich kann mir kein Urteil dazu erlauben, ob das wirklich an den Parteien vor Ort liegt oder ob es von dem kommt, was in der Öffentlichkeit über die Parteien bundesmedial verbreitet wird.

Aber die Jugend ist politikverdrossen?

Werny: Ich glaube, das geht an der Realität der Jugendlichen vorbei. Man muss differenzieren zwischen der Verdrossenheit auf die aktuelle Politik oder dem, was damit assoziiert wird, und der Verdrossenheit für die Inhalte. Die Inhalte, die Politik hat, sind für Jugendliche durchaus relevant. Große Themen, wie soziale Gerechtigkeit, sind für die meisten wichtig. Das ist auch ein Ergebnis der Studie, dass Jugendliche oft sagen, dass viele politische Themen wichtig sind und sie sich auch sozial engagieren. Aber eben nicht in einer Partei.

Woran liegt das?

Werny: Früher kannte man sich im Ort und auch diejenigen aus der Partei – ich glaube, dass die Parteimitgliedschaft eher über die Dorfgemeinschaft gekommen ist. Heute erhält man auch viele Informationen über Themen der Parteien, die einen gar nicht direkt betreffen. Da liegt dann der Gedanke nahe: „Ich nehme hier vor Ort eine Ungerechtigkeit war oder das stört mich und was ich jetzt in den Medien höre, worum sich die Politiker eigentlich kümmern, das hat damit gar nichts zu tun.“ Ich glaube, das typische Bild vom Politiker kommt bei jungen Leuten nicht so gut an. Die wollen pragmatische Lösungen.

Wie sehen solche pragmatischen Lösungen aus?

Werny: Die „Mitfahrbänke“-Aktion ist eine. Wir wollen uns auch weiter dafür einsetzen, die Mobilität zwischen den Dörfern zu erhöhen. Wir haben festgestellt, dass es für die Jugendlichen im Kreis ein Thema ist, dass sie am Wochenende nur schlecht mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus ihren Dörfern heraus kommen. Ein zweites großes Thema ist freies Wlan. Wir wollen uns für den Freifunkausbau einsetzen.

Wie groß ist der Einfluss der Jusos in der Mutterpartei?

Werny: Im Kreis läuft das ziemlich gut. Entgegen dem, wie es oft auf Bundesebene läuft, sind wir nicht so konfliktreich mit der Partei und haben einen guten Austausch. Wir haben einen guten Draht zu den Kreispolitikern und werden ernst genommen und nicht nur als Wahlkämpfer abgetan.

Haben die Jusos trotz dieser konkreten Aktionen und ihrer Einflussmöglichkeiten ein Nachwuchsproblem?

Werny: In demselben Umfang, wie es alle Parteien derzeit haben. Wir haben etwa 100 Mitglieder. Das könnten natürlich mehr sein. Aktuell sind wir aber viele, die jung sind. Und einige die sind sehr jung dazu gekommen und sind jetzt 17 oder 18. Wir haben also recht viele aktive Mitglieder – etwa 25. Das ist ein guter Schnitt.

Aber es könnten mehr sein. Viele junge Menschen haben das Gefühl, dass ihre Stimme in der Politik nicht gehört wird. Wie kann die Politik wieder attraktiv werden?

Werny: Ich würde sagen es gibt genug Einflussmöglichkeiten, um gehört zu werden, aber nicht genug Information darüber, wie man sich genau einbringen kann. Außerdem müssen wir es schaffen, unsere Inhalte direkt an die Jugendlichen heranzutragen. Und auch die Jugend dazu bringen, sich für Politik zu interessieren. Das heißt auch, Politik nicht so abstrakt wirken zu lassen, dass sie völlig am Leben vorbei geht – ich glaube, wir alle wünschen uns Politiker, die nicht dem Stereotyp entsprechen.

Und wie erreichen die Jugendlichen die Jusos?

Werny: Im Regelfall steht am Anfang die Parteimitgliedschaft. Dann kommt man mit den Jusos in Kontakt. Der Vorteil bei den Jusos ist, dass sie ungefähr im gleichen Alter sind und dadurch eine andere Austauschplattform bieten, als der Ortsverein. Da ist man am Anfang vielleicht auch ein bisschen gehemmt, auch wenn das nicht so gewollt ist.

Das heißt ihr geht gar nicht so richtig auf Mitgliederwerbung, sondern wer sich entschieden hat, der wird dann mitgenommen?

Werny: Meistens leider schon. Wir erreichen auch einige über Aktionen, wie „Nimm noch ein Teil mit“, oder bei einem Fußballturnier.

Online sind die Jusos im Kreis gut erreichbar. Wie wichtig sind die sozialen Medien für junge Parteien?

Werny: Ich glaube, das Problem, das wir bei Facebook sehen, ist die Art der Reichweite. Wir erreichen viele, die bereits bei den Jusos sind. Soziale Medien sind wichtig. Aber wir müssen versuchen, die tatsächliche Reichweite zu erhöhen. Außerdem nehmen junge Menschen unsere Aktionen bei Facebook vielleicht gar nicht so präsent wahr, wenn sie sich nicht vorher schon damit beschäftigt haben, einer Partei beizutreten. Die Onlinepräsenz ist wichtig, gerade wenn man uns sucht. Aber ich glaube nicht, dass sie ein ausschlaggebender Punkt bei der Mitgliederwerbung ist.

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