Eine „Jugendherberge“ für Klimaaktivisten

Von: Daniel Gerhards
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Beim Klimacamp in Erkelenz-Lützerath eint die Teilnehmer ein Ziel, sie wollen den Braunkohleabbau stoppen. Manche versuchen das mit Worten, andere wollen am Wochenende Bagger lahmlegen. Foto: D. Gerhards
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Anarchisten, Aktivisten und Ökoradikale: Beim Klimacamp in Erkelenz-Lützerath eint die Teilnehmer ein Ziel, sie wollen den Braunkohleabbau stoppen. Manche versuchen das mit Worten, andere wollen am Wochenende Bagger lahmlegen. Foto: dpa

Erkelenz-Lützerath. Es wirkt ein wenig wie ein Ferienlager. Hunderte Iglu-Zelte stehen auf einer Wiese, mittendrin sind Bierzeltgarnituren aufgebaut, dort stehen auch ein Trampolin und ein Planschbecken. Man macht es sich bequem. Kaum einer liegt um 9.30 Uhr noch im Zelt, das Frühstück ist abgeräumt. Das Programm startet: Workshops zu Kohleabbau, Kritik an ökonomischem Wachstum und zivilem Ungehorsam. Ein Besuch im Klimacamp.

Rund 1000 Aktivisten von allen fünf Kontinenten campieren auf der Wiese eines Bauern im 37-Einwohner-Ort Lützerath. Das Dorf wird seit 2006 umgesiedelt, weil es ab 2017 dem Tagebau Garzweiler weichen soll. Ein symbolträchtiger Ort. Was die Teilnehmer des Camps dort wollen, lässt sich wohl kaum kurz auf den Punkt bringen. Protestieren, ihre Meinung zur Schau stellen, die Welt verbessern – wohl von allem etwas.

Alles beginnt in Kopenhagen

Der Anstoß zum Klimacamp kam 2009, beim Klimagipfel in Kopenhagen. Ziel des Treffens von Politikern aus aller Welt war damals, die 2007 vereinbarte Absicht, eine Nachfolgeregelung für das Kyoto-Protokoll zu beschließen. Dieses Ziel haben sie nicht erreicht. Stattdessen einigte sich die Politik, eine unverbindliche Vereinbarung zur Kenntnis zu nehmen.

Eine „Endtäuschung“ für die Lützerather Aktivisten, von denen einige auch schon damals in Kopenhagen protestierten. „Wir haben gemerkt, dass es nichts bringt, sich an die Politik zu wenden. Uns wurde klar, dass wir Klimaschutz selber machen müssen – jenseits einer Hoffnung oder Erwartung an die Politik“, sagt Tadzio Müller, ein Sprecher der Aktivisten im Klimacamp.

Das Klimacamp in Erkelenz-Lützerath ist mittlerweile das fünfte im Rheinland. Weitere maßgebliche Akteure sind in diesem Jahr die wachstumskritische Degrowth-Sommerschule aus Leipzig und die Aktion „Ende Gelände“, die am Wochenende die Braunkohlebagger im Rheinischen Revier besetzen will. Deshalb unterscheidet sich der Hintergrund der Teilnehmer genauso wie ihre Ziele. Die einen wollen sich persönlich weiterbilden, den anderen geht es um ein öffentliches Statement gegen die Kohle.

Ohne Öffentlichkeit hätte eine Aktion wie „Ende Gelände“ kaum eine Wirkung. Dabei wollen rund 1000 Aktivisten aus 40 Nationen in den Braunkohletagebau Garzweiler eindringen und die Bagger von RWE Power lahmlegen. Das ist einen neue Dimension des Protests gegen den Kohleabbau. „Wir hatten keinen Bock mehr auf kleine Aktionen“, sagt Müller, 39 Jahre, der den zivilen Ungehorsam seit 17 Jahren als Mittel wählt, seine Meinung zu Ausdruck zu bringen. „Wenn wir viele sind, dann überwältigen wir die Polizei und den RWE-Wachdienst kraft unserer Menge“, sagt er.

Dass die Aktivisten ihre Aktion in aller Öffentlichkeit ankündigen, heißt aber noch lange nicht, dass sie selbst in die Öffentlichkeit wollen. Fotografieren lassen sich die meisten nicht. Deshalb ist es im Camp auch nicht ganz einfach, Fotos zu machen. Irgendwo steht immer jemand, der vielleicht etwas dagegen haben könnte, später auf einem Bild zu sehen zu sein. Und dann darf man eben kein Foto machen. So ist die Regel.

Dabei läuft im Camp nichts Illegales. Aber an so einem Punkt wird doch deutlich, wie fließend der Übergang zwischen Klimacamp und „Ende Gelände“ ist. Im Zeltlager halten sich auch Leute auf, die seit Jahren Steine aus Gleisbetten graben, um Castor-Transporte zu stoppen, den Hambacher Forst besetzen oder sich der Polizei in Menschenketten entgegenstellen. Das sind die radikalen Teilnehmer des Klimacamps, die auch Bagger besetzen wollen: die Interventionistische Linke, die Besetzer des Hambacher Forstes. Dazu kommen Antifa, Attac und viele weitere Bündnisse. Radikale Ökos und Althippies sind auch da.

Viele Teilnehmer der Degrowth-Sommerschule kommen aus dem universitären Umfeld. Ihnen geht es wohl eher um die Diskussion im Camp als um den Protest im Tagebau. „Es sind viele junge Leute hier. Die sind gerade mit der Schule fertig oder studieren. Die stellen sich die Frage nach Zukunft“, sagt Klimaschützer Müller. Klar, Müller findet, es kann nicht so weiter gehen wie bisher. Man dürfe das Klima nicht mehr so stark schädigen, man müsse mit den endlichen Ressourcen besser umgehen. Und überhaupt: Der Meeresspiegel steige, der Braunkohleabbau habe schädliche Folgen für die Gesundheit. Über solche Dinge diskutieren die Teilnehmer des Camps.

Oben-ohne-Bereich

Um das Gefühl, das die Teilnehmer ins Camp treibt, zu beschreiben, bemüht Müller Sigmund Freud. Der habe vor 85 Jahren ein Buch geschrieben, dessen Titel den Antrieb vieler Menschen beschreibe: „Das Unbehagen in der Kultur“. Das kann man vielleicht so deuten: Die Aktivisten sind nicht mit der Gesellschaft einverstanden.

Welche Teilnehmer lieber über Makroökonomie diskutieren und welche lieber auf Bagger klettern, ist für Außenstehende erstmal schwer zu erkennen. Aber für das Leben im Camp haben sie sich gemeinsame Regeln gegeben. Die sind in einem Programmheft zusammengefasst. Dort steht dann nicht einfach, dass man nicht mit freiem Oberkörper herumlaufen soll. In diesem Heft ist der Vorschlag formuliert, doch lieber ein T-Shirt überzuziehen.

In Kurzform lautet die zugehörige Begründung so: Wenn Männer oben ohne herumlaufen dürfen, müssten das auch Frauen dürfen. Der freie Oberkörper der Frau werde aber „sexualisiert“. Und männliche nackte Oberkörper könnten Betroffene an sexuelle Übergriffe in der Kindheit erinnern. Deshalb sollen doch bitte alle ein T-Shirt tragen, dann werde auch niemand diskriminiert. Die Krux an der Sache: Die nackte Brust einer Frau könne auch als emanzipativer Akt verstanden werden. Deshalb gibt es im Camp Oben-ohne-Bereiche.

Denn Mann und Frau sollen doch bitte frei entscheiden, welche Kleidung sie tragen und welche nicht. Ähnliche Regeln gibt es zum Beispiel zu den Themen Alkohol und Sicherheit. Am Ende brauchen auch die Menschen Regeln, die eigentlich lieber in einer Anarchie leben wollen. Deshalb gibt es Schilder an den Toiletten, die auf die Frühstückszeiten hinweisen.

Es gibt eine Liste, in die man sich eintragen kann, wenn man eine Aufgabe übernehmen möchte. Denn das Leben im Camp bedeutet auch Arbeit: Das Küchenteam kocht täglich zweimal für 1000 Leute. „Irgendwie ist das hier eine Mischung aus Universität, Aktionscamp und Jugendherberge“, sagt Müller.

Anketten und Zivilrechtsklage

In den großen Zelten im Klimacamp sitzen Teilnehmer bei Workshops und hören zu. Ein Referat streift Themen „Von A wie Anketten bis Z wie Zivilrechtsklage“, später diskutiert man die Frage, was das „Leben an der Kante“ mit der Psyche von Menschen macht. Es geht um Karl Marx, „Klimagerechtigkeit“ und die richtige Zubereitung von Karottensaft.

An mancher Stelle sind die Ökos unter sich, an anderer sind die Grenzen zur Baggerbesetzung nicht so klar. Es gibt „Aktionstrainings“. Das ist ein „Basistraining“ für die „Massenaktion des zivilen Ungehorsams“ am Wochenende. „Wir wollen die Leute, die noch keine ungehorsame Aktion gemacht haben, in die Lage versetzen, so etwas zu tun“, sagt „Ende Gelände“-Sprecher Müller.

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