Kreis Heinsberg - Digitale Revolution: Gehirnforscher kritisiert Computergebrauch

Digitale Revolution: Gehirnforscher kritisiert Computergebrauch

Von: anna
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Im Dialog mit den Zuhörern: Nach seinem Vortrag stand Professor Dr. Dr. Manfred Spitzer noch für persönliche Gespräche zur Verfügung. Foto: Anna Petra Thomas

Kreis Heinsberg. Manfred Spitzer spricht schnell, und doch ist seinen Ausführungen gut zu folgen. Es sind glasklare, deutliche Argumente. Dabei geht es ihm nicht um Meinungsmache, sondern um Aufklärung, bei der er jede seiner Thesen gegen die digitale Welt für Kinder mit mehr als nur einem wissenschaftlichen Studienergebnis belegt.

Nicht zuletzt als Autor des Buches „Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“ war der renommierte Gehirnforscher und Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm prädestiniert als Redner für die fünfte Reihe der Sparkassen-Gespräche unter dem Titel „Digitale Revolution – Nutzen und Risiken“.

Multiplikatoren

Nach der Begrüßung, bei der sich Thomas Pennartz, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Heinsberg, in der Erkelenzer Hauptstelle der KSK einer mehr als voll besetzten Kundenhalle gegenübersah, appellierte Professor Dr. Dr. Manfred Spitzer schon vorab an seine Zuhörer, sich als Multiplikatoren seines Vortrags zu engagieren.

„Denn wo es Wirkungen gibt, da gibt es auch Risiken und Nebenwirkungen“, erklärte er und hatte dabei schon Ansichten verschiedener Gehirne per Beamer auf die Leinwand geworfen. In amüsanter Form vermittelte er den Gästen an diesem Abend die wichtigsten neurologischen Zusammenhänge, auf denen er dann seine Argumentation aufbaute.

„Sie wissen ja, unser Hirn geht elektrisch, mit Impulsen an diesem Knubbel, man nennt das Ding Synapse“, ging er ans „Eingemachte“. 100 Milliarden Nervenzellen würden in nur einem Gehirn über diese Synapsen miteinander kommunizieren, erklärte er und dokumentierte dann für sich und seine Zuhörer eine etwas andere Definition von Lernen: „Lernen ist die Herstellung neuer Verknüpfungen im Gehirn dadurch, dass sie Ihr Gehirn nutzen“, betonte Spitzer.

Und auch das „soziale Gehirn“ wachse mit seinen Aufgaben, fügte er hinzu. Dazu brauche es aber den persönlichen Kontakt von Menschen und vor allem die Empathie. Und die sei genau für junge Menschen ganz wichtig. „Es gibt eine Phase, da muss das Lernen passieren. Wenn Sie das verpassen, dann war‘s das“.

Die Zeit vor dem Bildschirm korreliere aber negativ mit der Empathie. „Vor dem Bildschirm können Sie kein Sozialverhalten lernen“, so Spitzer weiter.

„Sie ja. Kinder nicht!“, lautete schlussfolgernd sein Dogma für die Nutzung von Facebook. „Dass eine Umschulung heute umsonst ist, der Kindergarten aber was kostet, ist neurowissenschaftlich falsch rum“, ergänzte der Wissenschaftler und erntete dafür lauten und lang anhaltenden Applaus.

Das Gehirn sei jedoch keine Festplatte, fuhr er fort. Also: „Je mehr schon drin ist, desto mehr passt rein.“ Heißt am Beispiel erklärt: Je mehr Sprachen jemand schon gelernt hat, desto leichter fällt es ihm, noch eine dazu zu lernen, auch in späteren Jahren, denn: „Je höher Sie anfangen, desto länger dauert es, bis sie unten sind.“ So viel also zur Demenz, dem „geistigen Abstieg“.

„Vorlesen ist gut“

Kein Wunder, dass digitale Produkte für Babys, wie sie unter dem Namen „Baby Einstein“ bekannt sind, Spitzer überhaupt nicht begeistern. „Baby Einstein ist doppelt so schlecht für die Sprachentwicklung wie Vorlesen gut ist!“ Und wenn Politiker heute mit Tablet-Computern in den Kindergarten gehen würden, hätten sie gar nichts begriffen. „Die Politiker fragen die Computerexperten, aber nicht die Pädagogen.“

„Computer machen Kinder schlechter. Alles andere ist Lobbyarbeit großer Firmen.“ In der Pädagogik gebe es keine Ethikkommission. Einer Initiative wie „Eltern-LAN“, die Eltern und Lehrern einen Einblick in die Welt der Computerspiele geben soll und für die 2009 der damalige NRW-Kinder- und Jugendminister Armin Laschet die Schirmherrschaft übernommen hatte, erteilte er eine klare Absage. „Als Professor kann man da nur noch ein Buch schreiben“, erklärte er und schloss seinen Beitrag.

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