Dieter Zander ist der „Kosakenschubser”

Von: Verena Müller
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Schwups! Schon ist der „Kosak
Schwups! Schon ist der „Kosake” vom Spielfeld geschubst. „Kosakenschubsen” ist eines der historischen Spiele, die Dieter Zander aus Wassenberg wiederbelebt hat. Foto: Verena Müller

Wassenberg. Leicht chaotisch sieht es gerade in der Werkstatt von Dieter Zander aus. Holzreste, Bretter und zugeschnittene Stücke liegen kreuz und quer im hinteren Teil der Werkstatt, wo die Kreissäge steht, im vorderen Teil sind auf einer Arbeitsplatte rund ein Dutzend fertige Spielbretter wie Teller zum Trocknen aufgereiht.

Spiele, das ist das Leben von Dieter Zander. Nicht irgendwelche Spiele, sondern historische. Die tragen so schöne Namen wie „Kosakenschubsen” oder „Magisches Kästchen” und sind in der Form weltweit einmalig.

Gerade war der 42-Jährige noch auf der Spielemesse in Essen, der größten ihrer Art in Deutschland, da bleibt nicht viel Zeit zum Aufräumen. 760 Aussteller waren in Essen vertreten. Nirgendwo ist das Interesse an Brettspielen so groß wie in Deutschland.

Super sei die Messe für ihn gelaufen, sagt der gelernte Schreiner. „An die hundert Spiele muss ich jetzt, nach der Messe, als Vorablieferung an Geschäfte in ganz Deutschland bauen und verschicken”, erzählt der Wassenberger. Kein Problem, meint er, zwischen 80 und 100 schaffe er in der Woche. Noch stolzer als die vielen Bestellungen macht ihn, dass im fünften Jahr seiner Präsenz auf der Messe auch die Fachpresse auf ihn aufmerksam geworden ist und seine Spiele ziemlich hoch bewertet worden seien. „Das ist so etwas wie die Erhebung in den Adelsstand”, sagt der Spielegestalter.

Nicht nur sein Lieblingsspiel, sondern auch der absolute Verkaufsrenner ist im Moment besagtes Kosakenschubsen. Preis: 42,50 Euro.

Die Regeln sind einfach: Die Spielsteine des Gegner müssen vom Brett geschubst werden. Gespielt wird zu zweit, jeder Spieler hat zu Beginn neun Steine, die am Spielfeldrand aufgereiht werden. Stein für Stein wird ins gegnerische Feld geschnippt. Solange es dem einem Spieler gelingt, einen gegnerischen Stein vom Brett zu befördern und seinen eigenen Stein dabei nicht mitzuversenken, bleibt er an der Reihe. Fällt der eigene Steine oder wurde kein gegnerischer Stein vom Feld befördert, ist der andere Spieler dran. Ist eine gegnerische Reihe abgeräumt, geht es in die nächste Runde.

Und jetzt kommt der Moment, in dem jedes Pädagogenherz höher schlägt: Während der Gewinner - ja, der Gewinner! - auf einen Stein verzichten muss, darf der Verlierer wieder die Anzahl der letzten Runde in Formation bringen. „So bekommt der Verlierer auch bei einer Pechsträhne in der nächsten Runde eine neue Chance”, sagt Zander.

Wie alt das Spiel ist, ist unklar. Dass es aus Russland stammt und heute dort noch unter einem anderen Namen geläufig ist, wisse er aber sicher. Der Überlieferung nach war es früher, bevor Zander kam, auch nur eine Spielidee und kein eigenständiges Brettspiel. „Damals wurde Kosakenschubsen auf dem Dame-Feld gespielt”, erzählt Zander. Sein Wissen bezieht er aus unzähligen Büchern über historische Spiele, mit dem Leiter des Genfer Spielmuseums, Ulrich Schädler, tauscht er sich regelmäßig aus. Schädler hatte zuletzt „Das Buch der Spiele” von Alfons X. von Spanien (1221-1284), genannt „der Weise”, übersetzt und kommentiert. Eine wahre Fundgrube für Menschen wie Dieter Zander. An Originale ranzukommen sei schwierig, sagt er, relativ viele seien noch in Großbritannien in Museen ausgestellt. Aber da war er bislang nicht. So behilft er sich mit Abbildungen - etwa von einem Fassdeckel aus dem 13. Jahrhundert, der im Hafen von Riga gefunden wurde und in den verschiedene Mühlevarianten geritzt sind. „Die werde ich auch noch rausbringen”, sagt Zander und zeigt auf rund zehn verschiedene geometrische Formen.

Aber wie kommt man überhaupt auf historische Brettspiele? Dieter Zander stammt ursprünglich aus Hückelhoven und ist gelernter Schreiner und Kunststoffschlosser. 15 Jahre hat er in dem Beruf gearbeitet. „Seit 15 Jahren bin ich jetzt im erweiterten Erziehungsurlaub”, erzählt er. Während seine Frau als Stationsschwester im Erkelenzer Krankenhaus arbeitet, steht er zwischen 8 und 13 Uhr in der Schreinerei und kümmert sich ab dem Mittag um die Kinder. Drei sind, es, der Älteste studiert schon und ist ausgezogen.

Vor rund zehn Jahren sei er mit seiner Familie auf einem Mittelaltermarkt gewesen. Die Atmosphäre dort sei total entspannend gewesen, erzählt der 42-Jährige, also hätten sie sich umgehört und sind schließlich in eine Gruppe aufgenommen worden. Auf mittelalterliche Gerichte habe sich diese spezialisiert, bei den Mittelaltermärkten wird an der offenen Feuerstelle gekocht. Möglichst nah an den Originalrezepten. Nur diese mittelalterliche Fantasiesprache, sagt Zander, die lehne er ab, „das hat mit Mittelalter nichts zu tun”. Deshalb sind auch seine Spielanleitungen in Hochdeutsch verfasst und stelzen nicht auf Pseudomittelhochdeutsch daher.

Bei einem der Märkte stieß Zander schließlich auf alte Spiele, da war die Begeisterung sofort groß. „Gespielt habe ich eigentlich schon immer”, so der Wassenberger. „Ich bin mit Mensch-ägere-dich-nicht und Malefiz aufgewachsen.” Später habe er als Leiter von Jugendgruppen immer Ausschau nach guten Spielen gehalten.

Vor fünf Jahren begann er, gemeinsam mit einem Freund, Spiele zu schreinern. Der Kumpel ist inzwischen ausgestiegen, weil sein Hobby mit dem Beruf nicht mehr vereinbar war. „Im Moment schaffe ich das auch noch alleine, aber vielleicht muss ich in naher Zukunft expandieren”, sagt Zander. 20-mal im Jahr ist er damit alleine als Händler auf Messen unterwegs, fünfmal mit seiner Mittelaltergruppe auf Märkten. Bislang gehören vor allem Privatleute zu seinen Kunden, langsam wenden sich aber auch vermehrt Geschäftsleute an ihn. Die nächste Messe steht schon am kommenden Wochenende in München an.

Fünf neue Spiele bringt er pro Jahr heraus. Das nächste wird das „Königliche Spiel von Ur” sein, eines der ältesten Brettspiele überhaupt. Die Wurzeln reichen bis ins dritte vorchristliche Jahrhundert zurück. „Das ist ein klassisches Nachlaufspiel, so ähnlich wie Mensch-ärgere-dich-nicht für zwei Spieler”, erzählt Zander.

Damit wäre er auch wieder bei seinen eigenen Spielanfängen.
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