Die Notfallseelsorger: Mit einem Stoßgebet zum Einsatzort

Von: Jan Mönch
Letzte Aktualisierung:
11443109.jpg
Grablichter an einem Baum: Wo immer sich dieser Anblick an deutschen Landstraßen bietet, ist ein Mensch gestorben. Und über seinen Tod mussten die Angehörigen unterrichtet werden. Foto: dpa
11441928.jpg
Diesen Koffer hat jeder Notfallseelsorger dabei: Er enthält unter anderem Kinderspielzeug und Gotteslob, Navigationsgerät und Rosenkranz, Ersatz-Akkus fürs Handy und Kerzen. „Am häufigsten werden aber die Taschentücher gebraucht“, sagt Manfred Jung. Foto: Jan Mönch
11442973.jpg
Zu ihren Aufgaben zählt auch das Überbringen von Todesnachrichten: Pastoralreferent Wolfgang Sybrandi (hinten) und Pfarrer Manfred Jung. Foto: Jan Mönch

Kreis Heinsberg. Ein Kinderpsychologe, der müsste das doch können, glaubte die Frau, die gerade zur Witwe geworden war. Ihr Mann war tödlich verunglückt, die Frau stand selbst noch unter Schock, und nun stand die Frage im Raum, wer es dem Kind sagen sollte, das gerade vier Jahre alt war. Manfred Jung aber riet der Frau davon ab, diese Aufgabe in professionelle Hände zu geben.

„Aus ihrem mütterlichen Herzen heraus können Sie selbst das am besten, vielleicht nicht heute, aber morgen“, war er überzeugt.

Wer gerade vom Tod eines geliebten Menschen erfahren hat, befindet sich in einer absoluten Ausnahmesituation. Notfallseelsorger wie Manfred Jung sind auch dazu da, um die falschen Reaktionen, die der Schock hervorrufen könnte, zu verhindern. Dazu kann ruhiges, sachliches Einlenken wie in der Anekdote von der Mutter und ihrem Kind schon genügen. Und Jung sollte recht behalten, später war die Dankbarkeit der Mutter groß. Denn so einfach der Ratschlag von Manfred Jung war, ohne ihn wäre dieser furchtbar traurige, aber doch kostbare Moment zwischen Mutter und Kind für immer verloren gewesen.

Manfred Jung ist evangelischer Pfarrer und eigentlich schon pensioniert, aber bis heute Koordinator bei der Notfallseelsorge im Kreis Heinsberg. Er zählt zu einem Team von rund 30 Mitarbeitern, etwa die Hälfte davon sind Ehrenamtler. Es handelt sich um ein ökumenisches Projekt, das 2001 startete, Jungs katholisches Pendant ist Pastoralreferent Wolfgang Sybrandi. Ihre Aufgabe besteht unter anderem darin, anderen eine Nachricht zu überbringen, die den jeweiligen Tag vielleicht zu einem der schlimmsten im Leben werden lassen, und das als Wildfremde.

Das klingt dramatisch, und für die Angehörigen ist es das auch. Gerade deswegen wollen die Notfallseelsorger in der Situation so viel Normalität wie möglich erhalten. Verhindern, dass sie entgleitet. „Es geht darum, darauf zu achten, dass nichts in eine falsche Richtung läuft“, sagt Manfred Jung. Zum Beispiel dann, wenn die Angehörigen mit extremen Schockreaktionen reagieren, mit Wut oder Aggression.

Es kann auch vorkommen, dass jemand sich einnässt. Damit umzugehen, das sei auch für die übrigen Einsatzkräfte, also Sanitäter oder Polizei, oft nicht einfach. Etwas zu schnell wird dann für die Begriffe von Jung und Sybrandi zu Beruhigungsmitteln gegriffen – sie versuchen, deren Einsatz zu vermeiden. Denn so emotional die Reaktionen sein mögen, so natürlich bleiben sie doch. Sie sollten daher nicht unterdrückt werden, wohl aber von den richtigen Worten begleitet.

Fotos des Verstorbenen

Was aber sind die richtigen Worte? „Das lässt sich so pauschal nicht sagen“, weiß Wolfgang Sybrandi. „Sicher ist, dass zu viel Gequatsche bloß stört.“ Auch staatstragende, pathetische Worte seien nicht das Richtige, ganz im Gegenteil: Manchmal helfe völlig Banales viel mehr, und sei es nur die Frage nach einem Glas Wasser. „Das bringt ein kleines Stück Normalität“, hat Sybrandi herausgefunden. Manchmal lassen er und Jung sich auch ein Foto des Toten zeigen. Oder man betet gemeinsam. Eine Beruhigungspille kann man den Betroffenen ja immer noch da lassen, wenn sonst gar nichts helfen sollte.

Wenn Jung und Sybrandi in Bereitschaft sind und ihr Handy klingelt, kann das die unterschiedlichsten Ursachen haben. Vielleicht wurde irgendwo ein Mensch durch einen Autounfall aus dem Leben gerissen. Oder es gab einen Suizid. Am häufigsten werden sie aber bei Todesfällen im häuslichen Bereich gebraucht. Gemein ist den Fällen in der Regel nur eines: Der Tod kam für die Angehörigen aus heiterem Himmel, es gab keine Möglichkeit, sich vorzubereiten.

Niemanden drängen

So wie vergangenes Jahr im April, als am Lago Laprello ein junger Asylbewerber von der Elfenbeinküste ertrank: Die geschockten Freunde des 19-Jährigen waren noch vor Ort, als Jung eintraf, spontan vollzog er mit ihnen eine kleine Abschiedszeremonie. Die Trauer mag sich dadurch nicht in Luft auflösen, aber die Möglichkeit zum Abschiednehmen ist ein wichtiger Schritt beim Prozess der Verarbeitung.

Darum würde Jung einem Angehörigen auch nicht davon abraten, wenn dieser sich wünscht, den Leichnam ein letztes Mal zu sehen, auch dann nicht, wenn ein schwerer Unfall die Todesursache war. „Meistens ist der Anblick weniger schlimm als erwartet“, weiß Jung aus Erfahrung. Allerdings sollte man umgekehrt auch niemanden hierzu drängen.

Vorbereitung ist auch für die Notfallseelsorger kaum möglich. In einer knappen SMS werden Adresse und Anlass mitgeteilt. Nach einem kurzen Telefonat geht es dann ins Auto. „Dann richtet man auch schon mal ein Stoßgebet an den Himmel“, sagt Jung. Mit der Zeit wird man erfahrener, aber eine wirklich Routine stellt sich nie ein.

Immer dabei ist der Notfallkoffer, der Inhalt lässt sich grob in drei Kategorien einteilen: in Zweckmäßiges, in Spirituelles und in Kindliches. Straßenkarte, Navigationsgerät und Ersatz-Akkus fürs Handy befinden sich darin, Gotteslob, Rosenkranz und Kerzen, aber auch zwei Teddys, ein großer und ein kleiner, und Kinderbücher. „Hanna und der Unfall“ heißt das eine. „Papa ist tot“ das andere. Dann kramt Jung eine Handvoll Spielzeugautos und Buntstifte hervor. „Kinder verarbeiten oft spielerisch“, erklärt er. Außerdem gibt es einen Umschlag mit Einsatzprotokollen, die ausgefüllt werden müssen: Ort, Anlass und Dauer des Einsatzes, Reaktion der Betroffenen.

Mit der Zeit hat Manfred Jung auch gelernt, dass bei den unterschiedlichen Anlässen unterschiedliche Vorgehensweisen angezeigt sind. Suizide beispielsweise seien „sehr schambesetzt“, auch wenn sie durch die Kirche nicht mehr so geächtet würden wie früher. Nur sehr selten kämen natürlich Fälle von Mord und Totschlag vor. Dann gelte, dass auch die Polizei ein besonderes Interesse am Gespräch mit den Angehörigen hat, da habe er mit seiner Aufgabe im Zweifel zurückzustehen.

Das richtige Auftreten müsse man ebenso lernen, wie wieder zu gehen. Anderthalb bis zwei Stunden verbringe man in der Regel vor Ort, sagt Jung, dann werde es allmählich Zeit, sich zurückzuziehen. Man dürfe nicht vergessen, an das eigene Wohlbefinden zu denken. „Aber einen Teil des Leids lädt man sich immer auch selbst auf.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert