Die Lebenshilfe baut auch auf kreative Tüftler

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Ein Tastendruck reicht: Peter Dijcks erläutert Kimberley Slickers den von ihm entwickelten vollautomatischen Schrauber. Dieser kann von einem Menschen mit schwerer körperlicher Beeinträchtigung bedient werden.

Kreis Heinsberg. Die Werkstatt­betriebe der Lebenshilfe im Kreis Heinsberg stellen sich den industriellen Herausforderungen mit professionellen Tüftlern im eigenen Haus und in Form von Kooperationen mit Hochschulen.

Kann man einen Pressluft-Schrauber mit einem Finger oder nur mit dem Kopf bedienen? Ist es möglich, einen Bolzen in ein Rohr zu schlagen, obwohl die Kraft fehlt, einen Hammer zu halten? „Klar“, sagt Peter Dijcks. „Wenn man sich intensiv mit den technischen Herausforderungen und den Fähigkeiten und Einschränkungen des Arbeiters beschäftigt, dann findet man immer eine Lösung“, erklärt der ausgebildete Sondermaschinentechniker.

Dijcks ist einer von drei fest angestellten Vorrichtungsbauern der Lebenshilfe-Werkstattbetriebe im Kreis Heinsberg. 1100 Menschen mit Behinderung erhalten da einen Arbeitsplatz. Sie erledigen Zu- und Auftragsarbeiten für eine Vielzahl von Unternehmen und Firmen in unterschiedlichen Bereichen.

Die technischen Herausforderungen sind in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. „Es sind nicht nur einfache Handarbeiten und Arbeitsschritte, die wir für andere Firmen übernehmen. Heute fertigen wir auch komplexe Teilserien mit hohen Stückzahlen in vielen unterschiedlichen Bereichen der Montage, Elektromontage oder in der Konfektionierung und Verpackung“, erklärt Dirk Voß, Leiter Arbeit und Technik, und betont: „Wir arbeiten für die freie Wirtschaft, bei uns müssen die Qualität und die Zuverlässigkeit jeden Tag stimmen.“

Damit auch Menschen mit schwerer Behinderung und körperlichen Einschränkungen diese Arbeiten ausführen können, investiert die Lebenshilfe nach eigener Darstellung in „eine individuelle, barrierefreie Arbeitsplatzgestaltung mit modernen Sicherheits- und Qualitätsanforderungen“.

Als Vorrichtungsbauer muss man kreativer Tüftler sein und sich auf dem Gebiet der Mechatronik und der Elektrotechnik, aber auch im den Bereichen Ergonomie und Arbeitssicherheit sehr gut auskennen. Man muss sich aber auch in die körperlichen Bewegungseinschränkungen des Arbeitnehmers einfühlen können, um einen Arbeitsplatz so zu gestalten, dass ein Mensch mit Behinderung jeden Tag seiner Arbeit nachgehen kann. Mittlerweile kooperiert die Lebenshilfe intensiv mit Ausbildungsstätten wie Berufskolleg oder Universität und entwickelt gemeinsam mit Studierenden individuelle Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung.

So auch, als ein Wegberger Händler für Katzenzubehör bei der Lebenshilfe anfragte, ob Kratzbaumstämme in einer hohen monatlichen Auflage gefertigt werden könnten. Gemeinsam mit den Studierenden im Bereich der Maschinenbautechnik am Berufskolleg für Technik und Medien Mönchengladbach schauten sich die Vorrichtungsbauer die bisherige Produktionsweise an.

„Bisher spannte man die Rollen auf einer Drechselbank ein, überzog sie mit Leim und drehte das Sisal-Seil mit der Hand auf“, erläutert Peter Dijcks. „Mit dieser Vorgehensweise bei hohem manuellem Einsatz schafft man nur geringe Stückzahlen, außerdem ist die Bedienung nicht einfach und die Vorrichtung entspricht nicht unseren hohen Anforderungen an die Arbeitssicherheit. Also haben wir uns neue Wege überlegt.“

Entstanden ist in vier Monaten Entwicklungszeit eine speicherprogrammierbare Vorrichtung, die auch von Menschen mit körperlicher Einschränkung bedient werden kann. Die Entwicklung der neuen Maschine wird im Hinblick auf Unfallgefahren und technischer Sicherheit von hauseigenen Fachkräften für Arbeitssicherheit begleitet. Sie soll nach intensiven Tests im Frühjahr in Kleinserie gebaut werden, damit die Kratzbäume in geforderter Stückzahl und Qualität produziert werden können. „Auf manche unserer selbst entwickelten Vorrichtungen könnte man ein Patent anmelden“, sagt Dirk Voß.

Doch der Aufwand lohne sich nicht. Die Hauptsache sei, dass man mit solchen innovativen Neuentwicklungen moderne, individuell angepasste Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung realisieren könne und sich zu einem zukunftsfähigen Partner für die Industrie in der Region entwickelt habe. „Die Werkstatt bietet auch Menschen mit schwerer Behinderung eine echte Teilhabe am Arbeitsleben, sagt Lebenshilfe-Geschäftsführer Edgar Johnen und betont: „Darauf wollen wir auch in Zukunft setzen und mit einem Ausbau der beruflichen Förderung in unterschiedlichen Bereichen des Handwerks, der Technik, aber auch in neuen Berufsfeldern wie der Gastronomie Menschen mit Behinderung ausbilden.“

Durch die berufliche Förderung in den Werkstätten und die intensive Zusammenarbeit mit vielen Firmen in der Region wachse zudem die Vermittlungsquote betriebsintegrierter Arbeitsplätze. „In dieser Kombination kann gelebte Inklusion auch im Arbeitsleben in unserer Region realisiert werden.“

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