Die diktatorische Allgegenwart

Von: hl
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Eine beeindruckende Theaterauf
Eine beeindruckende Theateraufführung über „Furcht und Elend des Dritten Reiches” hat der Literaturkurs inszeniert. Foto: Koenigs

Hückelhoven. Zum 67. Jahrestag des missglückten Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 erinnerte der Literaturkurs 2010/2011 des Gymnasiums Hückelhoven in der Aula an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte.

„Furcht und Elend des Dritten Reiches” von Bertolt Brecht wurde in der beeindruckenden Inszenierung von Peter Rohe von gut drei Dutzend Schülerinnen und Schülern aufgeführt. Eine zweite Aufführung gab es einen Tag später.

Fürs Soufflieren und die Organisation war Anike Sieben zuständig, für die Technik Marc Winkens und fürs Programmheft Florian Blümel.

Im Unterschied zu herkömmlichen Theaterstücken gibt es keine fortlaufende Handlung. In 24 Szenen, denen 22 Mal jeweils ein kurzes Gedicht voraus geht, wird der Nationalsozialismus im deutschen Alltag dargestellt, wie Brecht ihn seit 1934 im Exil bis 1937 als Material gesammelt hat.

In Anlehnung an Heinrich Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen” wollte Brecht sein Stück ursprünglich „Deutschland - ein Greuelmärchen” nennen. Und dieser geplante Titel macht augenfällig und bedrückend deutlich, wie der nationalsozialistische Faschismus alle Lebensbereiche der Menschen durchdringt.

Diese diktatorische Allgegenwart zeigt sich auch in den Überschriften der einzelnen Akte, wie Dienst am Volke, Die Berufskrankheit, Physiker, Rechtsfindung, Die Stunde des Arbeiters, Winterhilfe, Zwei Bäcker, Der Bauer füttert die Sau, Die Bergpredigt, Arbeitsbeschaffung, Volksbefragung.

Während der gesamten 70-minütigen Aufführung liefen im Hintergrund der Bühne auf einer riesigen Leinwand in einer Endlosschleife Filmaufnahmen aus dem Zweiten Weltkrieg.

Ein aufwändiges Programmheft mit Artikeln der Mitwirkenden zum Stück, zum Leben und Werk von Brecht, zur Winterhilfe und zu den Konzentrationslagern und ihrer Geschichte, mit einem Essay von Milan Kundera („Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins”) über dessen Erfahrung mit dem Nationalsozialismus und mit Fotos der Beteiligten trug sehr zum Verständnis des Stückes bei.

Bemerkenswert in diesem Heft ist auch der vielseitige Beitrag von Peter Rohe unter dem Titel „Eine kleine ,Ethik der Kehrseite oder Brecht nicht mit der Aufklärung”, worin der Autor mit Rückgriffen auf Kant, Camus, Sartre, Nietzsche, Freud, Böll und andere Denker der Aufklärung philosophisch-psychologisch versucht, den Zeitgeist zu analysieren. „Will eine Aufklärung der Zukunft die ,Zeiten des Kopfes neu erzählen, müsste sie wohl einmal die Grundfrage der Zukunft klären: Kopf oder Zahl.” Womit letztere meint, alles in Geldwert zu beschreiben und nur danach für Wert zu halten.

Wenn eine Kritik erlaubt ist, dann die, dass die Stimmen der Darsteller nicht immer auf allen Plätzen der gut gefüllten Aula zu verstehen waren. Und als Trost und Hoffnung für die Völker, die heute (noch) unter Diktaturen zu leiden haben, mag ein Wort von Brecht gelten: „Furcht und Elend eines ganzen Volkes können auf Dauer keine Basis für ein Gemeinwesen sein; der permanente Terror muss Gegenwehr und Widerstand erzeugen.”
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