Detlef Tanz hat die Elbphilharmonie ins rechte Licht gerückt

Von: Ingo Kalauz
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Von Detlef Tanz kreiert, im tschechischen Novy Bor produziert: die Lampengläser für die Elbphilharmonie. Fotos (3): Ingo Kalauz Foto: Ingo Kalauz
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Bemerkenswerte Architektur auch von außen: die Elbphilharmonie in Hamburg. Foto: imago/Manngold
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Erleuchtung im großen Saal: So sieht‘s im Innern des Konzerthauses aus.
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Das Glas ist mit allergrößtem Können gefertigt.

Wegberg-Tüschenbroich. Nein, er ist nicht dabei, wenn am 11. Januar die geladenen und illustren Gäste in den 2100 dicken, grauen Polsterstühlen im Großen Saal mit großem Zeremoniell Platz nehmen, um den ersten Tönen des NDR-Sinfonieorchesters unter Leitung von Chefdirigent Thomas Hengelbrock in Hamburgs neuem Wahrzeichen zu lauschen.

Und: Nein, er hat sich auch nicht um eine der 1000 Freikarten, die für die beiden Eröffnungskonzerte in dem Jahrhundertbauwerk, das direkt über dem Hamburger Hafen thront, beworben. Aber: Ja, der in der alten Ölmühle in Tüschenbroich bei Wegberg lebende und arbeitende Detlef Tanz hat nicht ganz unwesentlich dazu beigetragen, dass die Elbphilharmonie nach fast 14 Jahren Plan- und Bauzeit und sechseinhalb Jahre nach dem ursprünglich geplanten Eröffnungstermin ein neues, magisches Licht auf die Hansestadt an der Elbe werfen kann: Detlef Tanz hat für die richtige Innenbeleuchtung auch im großen Konzertsaal des von vielen schon als „magischer Ort“ bezeichneten Bauwerkes, das auf 1745 in den Elbgrund gerammten Pfeilern 110 Meter hochragt, gesorgt.

„Die 1250 Lampen in diesem Saal, einem Weinbergsaal, in dem die Publikumsränge terrassenförmig um die Bühne in der Mitte angelegt sind und kein Platz weiter als 30 Meter vom Dirigentenpult entfernt ist, diese Lampen in diesem wunderschönen Saal stammen von mir“, sagt er. Da klingt der Stolz wie in einer Sonate in D-Dur heraus.

Wie immer, wenn etwas einfach aussieht oder simpel klingt, steckt dahinter freilich jede Menge Arbeit und Energie, jede Menge Ärger und Enttäuschung und vor allem auch jede Menge Zeitaufwand. „Eigentlich sollte ich bei der Elbphilharmonie Glasfacetten für die Innenfassade machen“, erzählt der in Fachkreisen je nach kulturellem Hintergrund „Glaspapst“ oder „Eric Clapton des Glases“ genannte Detlef Tanz. Die Architekten seien von seinen Entwürfen dafür „begeistert“ gewesen. Aus Kostengründen – am Ende hat die Elbphilharmonie das Zehnfache des anfangs Kalkulierten gekostet, aber darüber regt sich heute in der Hansestadt kein Mensch mehr auf – habe man sich dann aber dagegen entschieden.

„Im Rausgehen hat mich der Architekt Philipp Loeper zurückgerufen: Es gebe noch eine Besprechung wegen der Beleuchtung“, erinnert Tanz sich. Er hörte sich die Idee der Lichtführung an, die den Architekten vorschwebte, und fertigte daraufhin Prototypen von Gläsern, die dazu passen könnten. Und siehe da: „Bei der Beleuchtungsprobe funktionierte es: Form, Farbe und Funktion waren stimmig.“ Den Auftrag bei diesem schlussendlich 789-Millionen-Projekt hatte Tanz aber noch lange nicht: „Bevor ich den 2006 in der Tasche hatte, gab es bestimmt noch 20 Meetings, in denen ich verschiedene Muster vorlegte“, sagt Tanz.

Virtuose an der Glaspfeife

Rund sechs Jahren der Entwicklung der Leuchten folgten zwei Jahre der Produktion – und auch das ist eine Geschichte für sich. „Ich denke, es waren gut 22 Glashütten in Deutschland, Slowenien und auch in Shanghai, die ich besucht und darauf abgeklopft habe, ob sie die schwierigen Vorgaben für das Glas und die Lichtführung für den Bau in Hamburg erfüllen können.“ In Novy Bor in Tschechien, etwa anderthalb Autostunden von Dresden entfernt, wurde Tanz schließlich fündig: „Die Familie Cerveny hat im zweiten Anlauf ein Glas geblasen, das besser war als alles, was ich bis dahin in die Hand bekommen hatte.“ Das war‘s: Tanz hatte den Virtuosen an der Glaspfeife gefunden, den er für die Realisierung des Auftrages für das rechte Licht auf Hamburgs neuen Präsentierteller am Fluss brauchte.

Die Hälfte Ausschuss

Zwei Jahre lang wurden in Novy Bor fortan jeden Tag 20 bis 30 Kugeln einzeln mit dem Mund geblasen, die später in den Konzertsaal eingebaut wurden. „Für mich bedeutete das jede zweite Woche rund 1600 Kilometer Autofahrt.“ Denn die Feinarbeit wollte Tanz dann doch mit eigenen Augen überwachen: Jede Kugel musste am Hals aufgebohrt werden, um das Licht so wie gewünscht leiten zu können; jede Kugel wurde einzeln mit der Hand geschliffen, poliert und von innen mit Splitterschutzlack beschichtet. Auch bei allerhöchstem glasmacherischem Können: Etwa die Hälfte der geblasenen Kugeln waren Ausschuss. Kein Wunder, wenn man um die Ansprüche weiß, die die Macher der Elbphilharmonie an die Handwerker stellten: „Geld und Zeit waren beim Bau der Elbphilharmonie ein Problem“, hat Tom R. Schulz, Sprecher der Elbphilharmonie Betriebsgesellschaft gesagt, „die Qualität durfte es nie werden.“

Lohnt sich dieser enorme Aufwand dann überhaupt? „Die großen Aufträge haben sich für mich finanziell nie gelohnt“, sagt Detlef Tanz. Was reizt ihn dann? „Die Herausforderung. Der Kitzel, etwas zu machen, was du noch nie vorher ausprobiert hast. Geht nicht gibt’s nicht. Und natürlich reizt mich das Befriedigende im Ergebnis: Die Leuchten in der Elbphilharmonie sehen einfach gigantisch aus.“

Wer sich selbst davon überzeugen will, braucht vor allen Dingen Geduld. Für die meisten der mehr als 200 Termine im ersten Halbjahr 2017 sind alle Plätze bereits vergeben. Bis zum Saisonende im Juli 2017 sind allenfalls noch rund 1000 der insgesamt 450.000 Tickets verfügbar, sie gehen nach und nach in den Verkauf. In der Saison 2017/18 gibt es dann ungefähr 650.000 Karten. „Ich hätte es schon irgendwie passend gefunden, wenn man zur Eröffnung auch an die vielen Handwerker gedacht hätte, die an der Elbphilharmonie mitgearbeitet und sie zu dem Vorzeigeobjekt gemacht haben, das sie jetzt ist, und Karten für sie reserviert hätte“, sagt Detlef Tanz. „Klingt zu schön, um wahr zu sein“ – so wirbt die Hamburger Elbphilharmonie in diesen festlichen Tagen für sich selbst.

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