Der Limkanter lebt zwischen den Welten

Von: Anna Petra Thomas
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Hochkarätige Gäste konnten Dieter Rehfeld, Vorsitzender der DNG, und die Bürgermeister von Sittard-Geleen, Sjraar Cox, und aus dem Selfkant, Herbert Corsten (v.l.) begrüßen: NRW-Ministerin Angelica Schwall-Düren (2.v.r.) und Theo Bovens, Commissaris van de Koning in de provincie Limburg (Mitte). Foto: Anna Petra Thomas
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Peer Boselie (l.) beim Interview mit dem Zeitzeugen Franz Jütten, der natürlich auch die Geschichten vom Kaffeeschmuggel nicht verheimlichte. Foto: Anna Petra Thomas

Selfkant-Millen. Zum 50. Mal jährt sich am 1. August der Tag, an dem der 1949 durch die Niederlande annektierte Selfkant gegen Zahlung von seinerzeit 280 Millionen Mark wieder an die Bundesrepublik Deutschland zurückgegeben wurde. Grund genug für die Deutsch-Niederländische Gesellschaft zu Aachen (DNG), sich intensiv mit dieser Thematik zu befassen.

So traf sie sich in der Zehntscheune in Millen nicht nur mit Zeitzeugen, sondern auch mit weiteren hochkarätigen Gästen von diesseits und jenseits der Grenze. Nachdem Zeitzeuge Franz Jütten die Gäste durch den historischen Ortskern von Millen geführt hatte, begrüßte Dieter Rehfeld als Vorsitzender der DNG die Gäste in der voll besetzten Zehntscheune.

Ziel der Veranstaltung sei, dem Europa von unten durch die Begegnung von Menschen eine Stimme zu geben, betonte er. Danach stellten sich die Vorstandsmitglieder der DNG vor. Seine dreijährige Forschung zur Identität der Menschen in dieser Grenzregion stellte in einem ersten Vortrag Rüdiger Haude vor. Er ist Privatdozent für historisch orientierte Kulturwissenschaften am historischen Institut der RWTH Aachen.

Im Laufe seiner Arbeit habe sich bei ihm der Eindruck verstärkt, dass es im Selfkant in der Zeit zwischen 1949 und 1963 tatsächlich Fraktionen von Deutschen und Limburgern gegeben und die Trennungslinie ungefähr dem Verlauf des Saeffelbachs entsprochen habe. Diese Hypothese werde derzeit in Kooperation mit der Universität Maastricht überprüft. Wenn es allerdings 1963 zu einer Volksabstimmung gekommen wäre, hätten sich die Menschen für die Niederlande entschieden, so Haude. Auch heute habe die Idee der Nation im Selfkant nur einen Teil der Herzen erobert. Hier lebe man zwischen den Welten.

Die Konsequenzen der historischen Situation des Selfkants für die Staatsangehörigkeit der dort lebenden Menschen beleuchtete Gerard-René de Groot, Professor für Rechtsvergleich und internationales Privatrecht an der Universität Maastricht. Die Menschen im Selfkant seien nach der Annektierung Deutsche geblieben, jedoch behandelt worden, als seien sie Niederländer, „also Status-Niederländer oder halbe Holländer, nicht echt, aber fast.“ Heute sei es für Selfkänter je nach rechtlicher Situation durchaus möglich, Doppelstaatler zu sein.

Nach einem musikalischen Intermezzo mit Toos van der Wal (Gesang) und Yukie Hada (Klavier) interviewten Peer Boselie, Direktor des euregionalen, historischen Zentrums Sittard-Geleen, und die Historikerin Manuela Friedrich den Zeitzeugen Franz Jütten. „Ich bin ein einfacher Einwohner des Selfkants, aber ein Ureinwohner“, stellte er sich dem Publikum vor. Die Niederlande seien den Selfkäntern seiner Zeit nicht fremd gewesen, erzählte er. „Wir sind doch alle Maasländer.“

Der Selfkant habe in dieser Zeit von beiden Seiten profitiert. „Der Selfkant hat die Kuh von beiden Seiten gemolken“, scherzte Jütten, wenn es etwa für den Hausbau Zuschüsse aus den Niederlanden und zinslose Darlehen aus Deutschland gegeben habe. „Der Selfkant hat in dieser Zeit nur gewonnen“, so sein Fazit. Herbert Corsten, Bürgermeister der Gemeinde Selfkant, begrüßte anschließend Angelica Schwall-Düren, NRW-Ministerin für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien. Sein Kollege aus Sittard-Geleen, Sjraar Cox, hieß Theo Bovens, Commissaris van de Koning in de Provincie Limburg, willkommen.

Nirgends auf der Welt seien zwei Länder so eng verflochten wie Nordrhein-Westfalen und die Niederlande, konstatierte Schwall-Düren in ihrer Rede. Das gelte vor allem auf kommunaler Ebene, wenn es etwa um den ÖPNV oder den Tourismus gehe. Aber es gebe auch noch Probleme, zum Beispiel mit Blick auf die Sozialsysteme oder die Notfallversorgung. „Wir wissen, dass noch viel zu tun ist, aber wir befinden uns auf einem guten Weg“, sagte sie. Die Herausforderungen der Zukunft könnten nur gemeinsam bewältigt werden. „Was bisher im Selfkant erreicht wurde, gilt es auszubauen“, blickte sich über die bilateralen Beziehungen hinaus in die Großregion Benelux. Es brauche nicht weniger Europa, sondern mehr.

„Sie sind ein Stück weit unser europäisches Labor“, sagte sie den Selfkäntern. „Sie erleben die Mühen, aber auch den Reichtum der Zusammenarbeit.“ Auch er fühle sich als Maasländer, pflichtete Bovens dem Zeitzeugen Franz Jütten bei. Die Beziehungen zum Selfkant seien besser denn je, und aufgrund vielfältiger familiärer Beziehungen sei eine engere Verflechtung fast nicht möglich, prägte er sogar die Begriffe „Limkanter“ und „Selfburger“.

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