Den Ofen auf die Rur gestellt und gekocht

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Es wird langsam eng im letzten
Es wird langsam eng im letzten noch verbliebenen Wasserloch am Lago Laprello. Die Enten, Gänse und Möwen nehmens gelassen. Begehbar ist die Eisfläche jedoch noch längst nicht, und ob die niedrigen Temperaturen lange genug anhalten, ist fraglich. Das war nicht immer so . . Foto: Rainer Herwartz

Heinsberg. „Wenn de Dag länge, vöngt dr Wenter an de strenge”. Das wussten schon die alten Heinsberger. Und diese alte Volksweisheit hat sich in diesem Jahr wieder einmal bewahrheitet. Der ungewöhnlich kalte Winter, der bislang schon über 300 Todesopfer gefordert hat, ist Gesprächsthema Nummer eins.

Strenge Winter machten Geschichte, verursachten Hungersnöte und Teuerungen. General Winter machte den russischen Eroberungszügen Napoleons und Hitlers ein vorzeitiges Ende. Doch allgemein sind besonders strenge Winter in unserem, vom atlantischen Seeklima beeinflussten Heimatgebiet, eine Seltenheit, so wie der Winter des Jahres 1929. Damals wurde ganz Europa von einer der furchtbarsten Kältewellen der letzten Jahrhunderte heimgesucht. Der damalige Winter, dem die Wettepropheten eine außergewöhnliche Milde vorhergesagt hatten, schickte sich an, ein Jahrhundertwinter zu werden.

Als nach einer längeren, mäßig kalten Frostperiode am Dienstag, dem 5. Februar, Tauwetter einsetzte, wagte man bereits an ein frühes Winterende zu denken. Doch schwand diese verfrühte Hoffnung schnell dahin, als es vier Tage später erneut zu frieren und zu schneien begann. Einen Tag später kam aus Berlin eine alarmierende Meldung. Innerhalb der letzten 24 Stunden war dort die Quecksilbersäule um 17 Grad gefallen, von minus sechs auf 23 Grad unter Null. „Die barbarische Kälte machte sich im Leben der Großstadt stark bemerkbar”, schrieb die Presse. „Die Straßen sind verhältnismäßig leer. Die Fußgänger versuchen, durch Dauerlauf und Armschlagen dem Frost Trotz zu bieten.”

Montags sank die Thermometersäule auf minus 30 Grad, die niedrigste in Berlin gemessene Temperatur seit 1855. Königsberg meldete minus 34 und Landshut in Schlesien sogar minus 45 Grad. Unter der extremen Kälte zerbarst in Breslau eine eiserne Brücke über der Oder. Den absoluten Kälterekord meldete Jakutsk in Sibirien mit 70 Grad unter Null.

Am Fastnachtssonntag erreichte die Kältewelle in etwas abgeschwächter Form auch die hiesige Region und machte dem damals noch üblichen Fastnachtstreiben auf den Straßen ein Ende. „Nur vereinzelt sah man kleine Trupps Maskierter”, schrieb die Volkszeitung, „doch der eisige Wind nahm auch ihnen bald die Lust am Narrentreiben.” In der Nacht zu Aschermittwoch wurden in Heinsberg minus 21 Grad gemessen. In den Eifelwäldern wo Temperaturen bis zu minus 32 Grad herrschten, verendete das Rehwild. Zu Hunderten wurden erfrorene Vögel aufgefunden. Meterdicke Kastanienbäume an der Straße von Wassenberg nach Erkelenz zerbarsten auf einer Länge von mehreren Metern unter der Einwirkung der ungewöhnlichen Kälte, und die Flüsse trugen 40 Zentimeter dicke Eispanzer. Auch die Rur trug eine geschlossene Eisdecke.

Eine wahre Völkerwanderung setzte ein, denn jeder, ob Jung oder Alt, wollte einmal im Leben trockenen Fußes über die Rur gegangen sein. Sensationshungrige Orsbecker Skatspieler droschen ihren sonntäglichen Skat auf dem Eis der Rur. Wieder andere gingen noch weiter, schleppten Öfen und Brennmaterial heran und bereiteten mitten auf der Rur ihr Mittagsmahl.

Bis zum Sonntag hatten die angestauten Eismassen den Rheinstrom auf den seit 150 Jahren nicht mehr gemessenen Niedrigstand von 0,07 Metern schrumpfen lassen. An seiner breitesten Stelle, zwischen Kleve und Emmerich, wurde an diesem Tag der bis zur niederländischen Grenze auf einer Länge von 90 Kilometern zugefrorene Rhein für den öffentlichen Fußgängerverkehr freigegeben.

Doch wurde aus Besorgnis vor etwaigen Katastrophen der Verkehr durch die Ausgabe von Passagierscheinen geregelt. Täglich überquerten etwa 150 000 Fußgänger dort den Rheinstrom, die sich aber nicht über eine glatte Eisfläche bewegen konnten, sonder mühsam über zusammengefrorene Eisschollen und Eisblöcke klettern mussten.

In der letzten Februarwoche war das schlimmste überstanden, obwohl zu Beginn des Monats März hier im Westen noch elf Grad Kälte gemessen wurden. Noch lagen die Felder unter einem Panzer von Eis und Schnee, eine Woche lang. Dann endlich konnten atlantische Tiefausläufer das russische Hoch nach Südosten abdrängen. Drei Wochen nach dem Kälteeinbruch zeigte das Thermometer 14 Grad über Null. Doch sollten noch Wochen vergehen, bis die durch das Tauwetter grundlos gewordenen, unbefestigten Wege passierbar und die Felder soweit abgetrocknet waren, dass die Frühjahrsbestellung erfolgen konnte.
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