Kreis Heinsberg - Dem Hamster zuliebe: Landwirte leiden unter Unkraut

Dem Hamster zuliebe: Landwirte leiden unter Unkraut

Von: Rainer Herwartz
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Putzig sind sie allemal, die kleinen Feldhamster. Ihnen wird ein wahres Paradies geschaffen. Foto: stock/people
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Die riesige Ampferpflanze, die Kreislandwirt Hans-Gerd Joeris in Händen hält, ist nur eine von vielen Unkrautarten, deren Samen den Landwirten zu schaffen macht. Beseitigt werden darf das Unkraut auf den „Hamsterflächen“ nämlich nicht. Fotos (2): Rainer Herwartz Foto: Rainer Herwartz
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Auf der Karte sieht Hans-Gerd Joeris alle Ausgleichsflächen, die durch die B 56n entstanden sind, auf einen Blick. Foto: Rainer Herwartz

Kreis Heinsberg. Es sind nicht unbedingt seltene Pflanzen, die auf den Ackerflächen zwischen der niederländischen Grenze bei Selfkant-Millen und Janses Mattes in der Nähe der Autobahnauffahrt A46 Blüten treiben. Den Bauern machen sie dennoch zu schaffen, wie Kreislandwirt Hans-Gerd Joeris beklagt.

Allesamt wachsen und gedeihen sie prächtig auf den Ausgleichsflächen, die im Gegenzug zum rund 17 Kilometer langen Stück der Bundesstraße 56n geschaffen werden mussten. Und das im Wesentlichen zum Schutz der Feldhamster. Das Kuriose daran, so Joeris: „Ich werde in diesem Jahr 62, habe aber seit meinem zehnten Lebensjahr in dieser Region überhaupt keine Feldhamster mehr zu Gesicht bekommen. Und ich bin da kein Einzelfall.“

Ursprünglich, so der Kreislandwirt, habe die Politik ja eigentlich mit einer Autobahntrasse geliebäugelt, doch am Ende sei man ja schon froh gewesen über die Verkehrsanbindung im Range einer Bundesstraße. „Um die Straße überhaupt zur Entlastung der Ortslagen genehmigt zu bekommen, trotzte noch Bärbel Höhn als damalige Umweltministerin den politisch Verantwortlichen die Ausgleichsflächen im Umfang von 48 Hektar ab. Die gesamte Fläche wurde als Hamsterschutzgebiet ausgewiesen.“

In der Tat heißt es im entsprechenden Maßnahmenverzeichnis zur Begründung: „Durch den Neubau der B56n werden hauptsächlich Ackerflächen in Anspruch genommen und die an diesen Lebensraum angepassten Arten beeinträchtigt. Die Ackerstreifen sollen den Lebensraum dieser Arten entlang der Trasse verbessern und dadurch die Beeinträchtigungen ausgleichen. Insbesondere der Bestand des Feldhamsters als Leitart der offenen, kleinstrukturierten Agrarlandschaft der Börden soll in dem jetzigen Zustand erhalten bzw. verbessert werden.“

Heute gehört der Feldhamster zu den am stärksten bedrohten Wildtieren in Deutschland. Der nachtaktive Nager lebt in Ackerbauregionen und leidet unter dem Einsatz von Chemie und modernen Erntemaschinen, die extrem gründlich arbeiten.

Der Feldhamster schafft es heute oftmals nicht mehr, einen ausreichend großen Futtervorrat für den Winter zu sammeln. Im Sommer ist der Mähdrescher auf den Getreidefeldern schneller als er. Und nach der Ernte werden die Stoppelfelder meist sofort umgepflügt, so dass der Feldhamster keine Ähren- und Körnerreste finde, erläutern Umwelt- und Tierschützer. Der Hungertod im Winter sei damit programmiert, sagen die Tierschützer.

Die grundsätzlich gut gemeinte Idee habe nur einen Haken, sagt Joeris: „Das Hauptproblem, das wir sehen, liegt in den immensen Mengen an Unkrautsamen, die auf den Ausgleichsflächen entstehen und sich auf die anderen Nutzflächen durch Verwehung übertragen.“

Der Grund für das Unkrautwachstum liegt in einer Verpflichtung, die den Landwirten per Vertrag auferlegt wird. Unter anderem heißt es da zu den Bewirtschaftungsmaßnahmen unter Punkt Allgemeine Pflegebestimmungen: „Pflanzenschutzmittel, Düngemittel, Gülle, Klärschlamm oder Wachstumsregulatoren dürfen nicht ausgebracht werden . . . Jegliche Art der Unkrautbekämpfung ist auf den Ackerstreifen verboten.“

Nicht einmal mit der Hand dürfe demnach das Unkraut ausgerupft werden. Wirklich nachvollziehen kann Joeris diese Regelung nicht, denn : „Diese Fläche wird dann ausgespart und nebenan muss der doppelte Aufwand betrieben werden. Ob das im Sinne des Erfinders ist?“

Für die Landwirte kann die Ausgleichsfläche naturgemäß nicht mehr genutzt werden. Dafür erhalten sie laut Joeris pro Hektar 1900 Euro im Jahr für die durchzuführenden Pflegemaßnahmen. Finanziell entstünde den Bauern in soweit kein allzu großer Schaden. „Die Ausgleichsfläche fehlt aber den Tierhaltern als Futterfläche und den Ackerbauern zur Lebensmittelproduktion.“ 48 Hektar entsprächen im Kreis Heinsberg immerhin der Bewirtschaftungsfläche von einem durchschnittlich großen Veredelungsbetrieb. Das sei kein Pappenstiel.

Auf den Ausgleichsflächen müssen laut Bestimmungen Luzerne, Klee, Getreide und Sonnenblumen angepflanzt werden. Innerhalb kürzester Zeit wucherten jedoch auch Ampfer, Disteln, Melde oder Klettenlabkraut. Und das halte sich nicht an die behördlich vorgegebenen Wachstumsbeschränkungen – zum Leidwesen der Landwirte.

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