Dem Fußballkreis gehen die Schiedrichter aus: Warum?

Von: Jan Mönch
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Sie werden weniger. Und die wenigen werden nicht jünger. Schiedsrichter wie Hubert Küpper sind für einen funktionierenden Basissport unabdingbar. Foto: Karl-Heinz Hamacher (1), stock/Steinach (1)

Kreis Heinsberg. Die Situation ist ernst. Das ist im Grunde nichts ganz Neues. Sie verbessert sich allerdings nicht oder stagniert zumindest, sondern verschlechtert sich und wird dies weiter tun: Dem Fußballkreis kommen mehr und mehr die Schiedsrichter abhanden.

Dass besonders die Mannschaften der Kreisliga C sich weiter darauf einstellen müssen, dass zu ihren Spielen häufig keine Schiedsrichter geschickt werden können, darf als ausgemacht gelten. Bereits in der zurückliegenden Saison war dies bei 90 Begegnungen der Fall. 2014/2015 dürften es noch mehr werden. Das bedeutet: Es müssen Betreuer der Vereine einspringen.

Das ist für die Beteiligten eine unangenehme Situation, weniger wegen möglicher Parteinahme, als vielmehr wegen des Vorwurfs derselben: Denn für die eigene Mannschaft in der 90. Minuten beim Stand von 0:0 einen Elfmeter zu pfeifen, und sei er noch so berechtigt, das muss man sich erst mal zumuten. Erschwerend kommt hinzu: Kann ein Verein nicht genügend Schiedsrichter stellen, muss ein Ordnungsgeld berappt werden.

Dies trifft aktuell auf fast 40 Prozent der 76 Vereine im Fußballkreis zu. Woran aber liegt die Misere? Auf diese Frage gibt es keine einzelne, eindeutige Erklärung. Dafür aber viele kleinere Antworten, die zu dem großen Problem beitragen.

Das sagt die Statistik:

110 aktive Schiedsrichter stehen dem Fußballkreis aktuell zur Verfügung, allein im Seniorenbereich werden jedoch pro Spieltag 72 benötigt. Diese Gleichung kann nicht aufgehen, wenn man sich vor Augen hält, dass längst nicht jeder Schiedsrichter an jedem Spieltag Zeit hat. 39 Prozent von ihnen gelten beim Fußballkreis als „immer“ einsetzbar, 17 Prozent stehen „eingeschränkt“ zur Verfügung, 22 Prozent zwei, höchstens drei Mal im Monat und 22 Prozent weniger als zwei Mal monatlich.

Während die Zahl der neu ausgebildeten Schiedsrichter im Jahr 2006 bei 31 lag, waren es 2013 nur noch 20. Nach oben zeigt nur die Kurve bei den abgemeldeten Schiedsrichtern: 2006 waren es 39, 2013 schon 56. Nur zur Verdeutlichung: Das sind ziemlich genau halb so viele, wie dem Fußballkreis aktuell zur Verfügung stehen. Und auch die Altersstruktur spricht für sich: 36 Prozent der Schiedsrichter sind älter als 45. Was die Erfahrung betrifft, mag das sogar noch gewisse Vorteile mit sich bringen. Doch für Schiedsrichter gilt, was für alle gilt: Man wird nicht jünger.

Das sagen die Vereine:

Hört man sich bei den Vereinen der Region um, klingen die Antworten überall sehr ähnlich: „Das Schiedsrichteramt ist einfach unwahrscheinlich undankbar“, sagt etwa Mike Heidlas-Derichs vom SV 09 Scherpenseel-Grotenrath. „Es ist ja schon schwer genug, die Jugendlichen überhaupt beim Fußball zu halten.“ Leicht vorstellbar also, dass es da noch schwerer fällt, die Schiedsrichterei schmackhaft zu machen.

Zwei Senioren-Teams stellt Heidlas-Derichs Verein aktuell, dementsprechend müssten aus Scherpenseels Reihen auch zwei Schiedsrichter kommen. Es gibt zurzeit jedoch: keinen. 500 Euro latzt Scherpenseel daher pro Quartal an den Fußball-Kreis. Ganz genauso geht es Rhenania Immendorf. Frank Lohmann, Abteilungsleiter Fußball, kann das „normale“ Ordnungsgeld noch nachvollziehen.

Die drohende Verdoppelung nach zwei Jahren hält er jedoch für unangemessen. „Man kann das Ordnungsgeld auch verdreifachen, dadurch finden wir dann aber trotzdem keinen Schiedsrichter“, ärgert er sich. Im Gespräch spürt man, dass Lohmann sich über das Thema einige Gedanken macht. Eine Idee sei, verstärkt an langzeitverletzte oder fußballinvalide Spieler heranzutreten. Schließt eine Verletzung das Kicken aus, muss dies schließlich nicht für die körperlichen Anforderungen gelten, die an einen Schiedsrichter gestellt werden.

Das sagt der Schiedsrichterausschuss:

„Wir haben einige wenige sehr aktive Schiedsrichter, die 120, 130, 140 Spiele in einer Saison pfeifen“, sagt der Ausschussvorsitzende Heiko Wolter. „Das ist wirklich Wahnsinn.“ Diese beeindruckende Leistung bedeutet aber im Umkehrschluss, dass das Problem ohne den enormen Einsatz einzelner schon jetzt noch viel größer wäre als ohnehin. Denn was passiert, wenn einer dieser Leute ausfällt?

„Diese Einzelleistungen verwässern auch ein bisschen die tatsächliche Lage“, hat Wolter erkannt. Bei dem Schiedsrichtermangel handele es sich um „ein Problem des Basisfußballs“, also um eines der unteren Ligen. Die Verdoppelung der Ordnungsgelder für die Vereine nach zwei Jahren hält auch Wolter nicht für zielführend. Zumal er weiß, dass die meisten Vereine wirklich ihr Bestes geben, ihren Teil zur Struktur beizutragen.

Dennoch sei diese Lösung immer noch glücklicher als anderswo. Es gibt nämlich Verbände, wo die Strafe Punktabzug lautet. Bei entsprechender Tabellenkonstellation ist es also denkbar, dass es eine Mannschaft den Klassenerhalt oder den Aufstieg kostet, wenn sie keinen Schiedsrichter findet.

Das wird geboten:

Rein monetär, man kann es nicht anders sagen, lohnt sich die Geschichte kaum. 16 Euro gibt es in der Kreisliga pro Begegnung, außerdem werden die Fahrtkosten übernommen. Dafür opfern die Schiedsrichter eine Menge Zeit, die sich ja längst nicht nur auf die 90 Minuten Spielzeit beschränkt.

Der Schiri muss eine halbe Stunde vor Spielbeginn auf der Matte stehen. Rechnet man noch Anfahrt, Rückfahrt, Duschen und den Spielbericht hinzu, sind vier, mindestens drei Stunden Zeitaufwand völlig realistisch. „Und das Problem hat sicher auch mit der Atmosphäre zu tun, die manchmal auf den Sportplätzen herrscht“, glaubt Heiko Wolter. „Es darf nicht sein, dass Schiedsrichter als das notwendige Übel betrachtet werden.“ Nur wenn dies sich ändere, lasse sich das Hobby der Schiedsrichterei attraktiver gestalten.

Wolter ist selbst Mitglied bei der SG Gangelt-Hastenrath und selbst Schiedsrichter. Zwar ist er wegen seiner Tätigkeit im Ausschuss aktuell selbst nicht an der Trillerpfeife aktiv. Dennoch kann er einige Argumente aufzählen, die trotz allem für das Hobby sprechen. Zunächst sei da natürlich der sportliche Aspekt. Noch mehr als beim Kicken fordere die Rolle des Unparteiischen jedoch 90 Minuten totale Konzentration und totale Fokussierung auf das Geschehen.

Eine weitere Herausforderung sei das Übernehmen von Verantwortung und das Entwickeln der notwendigen Durchsetzungsfähigkeit. Diese Qualitäten könnten auch abseits des Grüns Vorteile mit sich bringen. Wolter: „Was man von Schiedsrichtern wirklich oft hört, ist, dass sie von ihrem Hobby auch beruflich sehr stark profitieren.“

Schürt das nicht Konkurrenz?

Hoffentlich nicht mehr. Tatsächlich, so Wolter, sei es vorgekommen, dass die Vereine Konkurrenten deren Schiedsrichter abwarben, um ihr Soll zu erfüllen. Diesem Folgeproblem zumindest sollte jedoch ein Riegel vorgeschoben sein und zwar durch eine geänderte Verwaltungsanordnung.

Wechselt nämlich ein Spieler den Verein, der bereits auf der Schiedsrichterliste stand, so zählt er nicht zum Schiedsrichterbestand des neuen Vereins. Es sei denn, der Schiedsrichterausschuss stellt auf Antrag fest, dass kein Zusammenhang zwischen dem Wechsel und dem sogenannten Schiedsrichter-Untersoll besteht.

Das sagt ein langjähriger Schiri:

Andreas Seidler geht dieser Tage in seine 35. Saison als Amateur-Schiedsrichter. Es wird seine letzte sein. Mindestens 1500, vielleicht sogar an die 2000 Spiele hat er in dreieinhalb Jahrzehnten gepfiffen. Er sagt: „Vor 20, 30 Jahren ein Spiel zu pfeifen, das war etwas ganz anderes als heute.

Der Respekt ist weit geringer geworden.“ Mit seinem eigenen Rücktritt, der am Saisonende bevorsteht, habe das zwar nichts zu tun. Er glaubt aber, dass diese Entwicklung eine Menge damit zu tun hat, dass Jungschiedsrichter so schlecht Fuß fassen. Seidler glaubt, dass Schiedsrichterpaten für die Neulinge etwas bewirken könnten. Und die müssten auch befugt sein, das Fehlverhalten etwa von Trainern niederzuschreiben.

Dieses wiederum müsse mit saftigen Geldstrafen geahndet werden. „Wenn der Verein X sieht, dass die Weihnachtsfeier zwei Nummern kleiner ausfällt, weil der Herr Y sich zum dritten Mal daneben benommen hat, dann würde vielleicht ein Umdenken einsetzen.“ Seidler legt Wert auf die Feststellung, dass es bei den allermeisten Vereinen fair und friedlich zugeht. Daher mache ihm das Hobby auch noch immer so großen Spaß. „Bei neun von zehn Spielen ist wirklich alles in Ordnung. Nach dem zehnten komme ich aber nach Hause und frage mich, warum ich mir das antue.“

Die Antwort bekommt er dann bei den folgenden neun Spielen.

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