„Das Unrecht soll nicht in Vergessenheit geraten“

Von: hewi
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Wachturm am ehemaligen Untersuchungsgefängnis in Berlin-Hohenschönhausen – einst ein Ort des Schreckens. Heute der Ort, an dem Hartmut Richter an die Vergangenheit erinnert. Foto: Stock/Imagebroker
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Im Hückelhovener Gymnasium konnten die Organisatoren vom VdK Selfkant, Hans Soiron (links) und Franz Lipperts (rechts), den Referenten Hartmut Richter begrüßen. Foto: Koenigs

Hückelhoven. Einmal im Jahr kommt Hartmut Richter auf Einladung des VdK Selfkant in den Kreis Heinsberg, um über das Unrechtsregime der ehemaligen DDR zu referieren. Richter weiß genau, wovon er spricht. Denn er ist in der DDR geboren, landete mit 18 Jahren nach einem ersten dilettantischen Fluchtversuch im Gefängnis.

 Wenig später schaffte er es, indem er durch den Berliner Teltow-Kanal in die Freiheit schwamm. Doch damit nicht genug: 33 Mal gelang es ihm, DDR-Bürger im Kofferraum seines Autos in den Westen zu schmuggeln. Beim 34. Versuch hatte er seine Schwester im Kofferraum – und wurde geschnappt. In der Nacht vom 3. auf den 4. März 1975.

Nach der Verurteilung und fünf Jahren in Bautzen, wo er Möbel für IKEA herstellte, wurde er freigekauft und kam wieder nach Westberlin. Seine Schwester wurde nach einigen Jahren im Gefängnis entlassen, doch ausreisen durfte sie nicht. Richter hat weitergekämpft und sich engagiert. Er stahl sogar eine sogenannte Nagelmatte aus dem Bereich der Grenzanlage. Nach Ansicht der DDR-Oberen trieb er es zu weit, weshalb sie in den 80er Jahren einen Spitzel auf Richter ansetzten, der ihn zur Grenze locken sollte, wo Scharfschützen auf den unbequemen Republikflüchtling warteten. Doch er ließ sich nicht in die Falle locken.

Seine Stasiakte umfasst rund 900 Seiten. Als er sie nach der Wende zu Gesicht bekam, war er erstaunt, wer aus seinem Bekanntenkreis für Mielkes Ministerium gearbeitet hatte und auf ihn angesetzt war.

Hartmut Richter hat es sich zur Aufgabe gemacht, über das Leben in der DDR und die Machenschaften der SED zu berichten. „Das Unrecht soll nicht in Vergessenheit geraten“, betonte er bei seinem Vortrag im Hückelhovener Gymnasium, zu dem die Volkshochschule eingeladen hatte.

Eindeutige Sprache

Wenn man Richter zuhört, kommt man schnell zu der Erkenntnis, dass es schlimm war. Rund 3000 Mauertote, 300.000 politische Gefangene und schätzungsweise 180.000 Stasispitzel im Lande sprechen eine eindeutige Sprache. Das tut Richter auch. Seine Erzählungen leben auch von der besonderen Art, in der er sie erzählt.

Doch der Schrecken wird erträglicher, wenn man humorvoll davon berichtet. Zum Beispiel wie die Stasi ihn aus der Schule abkassierte, um sein zu langes Haar zu stutzen, wofür er zu Hause vom Vater noch 20 Mark für den „ordentlichen Haarschnitt“ bekam. Oder wie er mit zwei Mitschülern das Bild von Walter Ulbricht aus der Schulaula stahl und auf dem Klo in die Pinkelrinne stellte.

Den Bau der Mauer erlebte er von Westberlin aus, denn er war bei Verwandten zu Besuch und wurde nach der Schließung der bis dahin offenen Grenze mit dem Roten Kreuz wieder nach Hause gebracht. „Damals habe ich fest geglaubt, dass ich im Jahr darauf wieder die Ferien bei ihnen verbringen dürfte“, erinnerte er sich. Weit gefehlt.

Richters Erzählungen hatten etwas vom braven Soldaten Schweijk, der alle an der Nase herumführte. Dabei war er anfangs ein durchaus braves Kind, das fest an die Überlegenheit und den „gesetzmäßigen“ Sieg des Sozialismus glaubte, bevor ihm ein Licht aufging. „Bis ich 13 war, war Ulbricht mein Vater und die DDR meine Mutter“, erklärte er freimütig. Mit 14 weigerte er sich dann jedoch, der FDJ beizutreten, und begründete dies gewitzt damit, er fühle sich „noch nicht reif genug, um aus voller Überzeugung für den Sieg des Sozialismus zu kämpfen“.

Sein Kampf gegen das Regime dauerte bis zu dessen Fall. Heute arbeitet Richter als Referent der Gedenkstätte Hohenschönhausen. Ein Gutes hatte die DDR dann aber doch für ihn: Denn durch seine Arbeit bei der Gedenkstätte lernte er Ende der 90er Jahre seine heutige Frau kennen, die als Lehrerin mit einer Schulkasse die Gedenkstätte besuchte.

Der lebendige und lehrreiche Vortrag Richters faszinierte die Zuhörer und machte Lust auf mehr. Gerade an Schulen ist er ein gern gesehener Referent, der es versteht, Geschichtsfakten lebendig rüberzubringen und die Zuhörer bei der Stange zu halten. Vielleicht sollte Hartmut Richter darüber nachdenken, ein Buch über sein Leben zu schreiben.

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