Das Rennpferd des kleinen Mannes fliegt

Von: Nicola Gottfroh
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Um eine Brieftaube zu werden,
Um eine Brieftaube zu werden, bedarf es jeder Menge Training. Die Tier im Schlag von Willibert Jansen machen ihrem Namen alle Ehre. Sie haben schon viele Preise gewonnen. Foto: Nicola Gottfroh

Heinsberg-Lieck. Für manche Menschen gelten sie als die Ratten der Lüfte. Doch über solche Vorurteile kann Willibert Jansen nur den Kopf schütteln. „Das ist quatsch”, sagt er und erklärt: „Tauben sind die Rennpferde des kleinen Mannes.” Sein eigener „Rennstall” ist groß. Rund 80 Tauben leben in seinem Schlag, unzählige Preise haben sie für ihn bei den sogenannten Preisflügen schon „eingeflogen”

Inzwischen betreibt Willibert Jansen nun schon seit fast 50 Jahren Taubensport. Und die kleinen Flieger begeistern den ehemaligen Fleischer mehr, als es ein großes Rennpferd jemals könnte. Ihn fasziniert vor allem der ausgeklügelte Orientierungssinn der Tiere. „Eine Brieftaube braucht kein Navigationssystem, sie ist selbst eins”, sagt der 74-Jährige. „Zumindest den Weg nach Hause findet sie immer wieder.”

Wie genau die Tauben sich orientieren, ist noch nicht vollständig erforscht. „Das Magnetfeld der Erde spielt auf jeden Fall eine große Rolle”, sagt Jansen. Zudem würden Landmarken wie Autobahnen und Flussläufe oder der Stand der Sonne wichtige Orientierungspunkte für die Tauben bilden. „Und der Drang nach Hause, in den eigenen Schlag und zum Partner zu kommen, ist bei den Tieren riesig”, sagt er.

Die besonderen Fähigkeiten der Taube setzen Züchter wie Willibert Jansen in Wettflügen ein. Genau genommen geht es darum, welche Taube vom Startort - dem sogenannten Auflassort - am schnellsten wieder nach Hause in ihren Schlag fliegt. Selbst bei Langstreckendistanzen, mehr als 1200 Kilometer von ihrem Heimatschlag entfernt, finden die Tiere den Weg zurück nach Hause.

Dabei sind die Tauben zwar noch lange nicht so schnell wie ein Flugzeug, an ein Auto kommen sie aber locker ran: „Sie erreichen Geschwindigkeiten von durchschnittlich 70 bis 80 Stundenkilometer - bei günstigem Wind sogar bis zu 120 Stundenkilometer”, sagt Jansen.

Einen echten „Raser” hat auch Willibert Jansen in seinem Schlag: Von den 14 Preisflügen, die im Jahr stattfinden, hat seine Lieblingstaube (die leider keinen Namen hat, dafür eine Nummer) 13 Preise errungen. „Eine tolle Leistung”, sagt er. Doch wenn sich die Züchter mit den Leistungen der Tauben schmücken, die Kilometer um Kilometer durch Hitze oder Kälte, Wind und Wetter fliegen, ist das dann nicht ein Schmücken mit fremden Federn?

Überhaupt nicht, ist Jansen überzeugt. Denn trotz des außergewöhnlichen Orientierungs-Talents - eine Brieftaube braucht jede Menge pflege. „Man kann eine untrainierte Taube nicht einfach irgendwo in die Luft lassen und hoffen, dass sie zurückkommt. Es gehört sehr viel Arbeit, Schweiß und Training zur Aufzucht der Brieftauben dazu”, sagt Willibert Jansen.

Wenn die Tiere gerade einmal 40 Tage alt sind, ist die Kindheit vorbei und sie werden von der Mutter abgesetzt. „Dann beginnen das Training und die Erziehung der Tiere”, sagt Jansen. Das erste Mal setzt der Züchter des Jungtier aus, wenn es zwei bis drei Monate alt ist. „Man fängt zuerst klein an: Der Auflassort ist dann nicht weiter als zwei Kilometer vom Schlag entfernt”, erklärt Jansen.

Anschließend steigert man die Entfernung auf bis zu 300 Kilometer. „So bauen die Tiere nach und nach Kondition auf”, sagt Jansen. Mit einem Jahr dann dürfen die Tiere an den richtigen Wettkämpfen teilnehmen und bis zu 500 Kilometer zurücklegen. Die Routiniers unter den Fliegern machen sich am Ende ihrer Karriere auf die Altreise. „650 Kilometer werden dann bei einem Preisflug zurückgelegt”, sagt Jansen.

Dass die Tauben wieder Heimkehren und den Schlag dem wilden Leben in Freiheit auf dem Markusplatz in Venedig oder am Potsdamer Rathaus vorziehen, habe seinen Grund, sagt Jansen. „Die Tauben wissen schon, dass sie es in ihrem Schlag gut haben”, erklärt er. Und das All-Inclusive-Paket bei Jansen ist groß: Täglich wird der Schlag gereinigt, er schützt vor schlechtem Wetter und natürlichen Feinden.

Und es gibt mehrmals am Tag eine Mahlzeit - nach penibel festgelegten Uhrzeiten. „So stellt man die innere Uhr der Tauben”, sagt Jansen. Die innere Uhr sei wichtig, denn Tauben würden jeden Tag für genau eine Stunde freigelassen, damit sie ihre Runde durchs Heinsberger Land fliegen können. „Das heißt, sie müssen ein Gefühl dafür bekommen, wie lange eine Stunde ist, wenn sie sich auf den Heimweg machen sollen”, sagt er.

Doch der strikte Tagesplan, der für die Tauben gilt, gilt auch für den Züchter. Er muss sein eigenes Leben dem Rhythmus der Tauben anpassen.

„Praktisch dreht sich das ganze Leben um die Taube”, sagt Willibert Jansen. Und das hat Konsequenzen für die ganze Familie. Gemeinsame Familienurlaube, die waren bei den Jansens der Tauben wegen nie drin - allerhöchstens Tagesfahrten waren möglich, damit Willibert Jansen am Abend wieder bei den Tauben sein konnte.

Doch wenn die Tiere dann während der Wettflugsaison einen Preis nach dem anderen einfliegen, dann weiß Willibert Jansen, dass sich der Einsatz gelohnt hat.
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