Das Leiden der Kinder: Wenn die Eltern nur noch traurig sind

Von: Udo Stüßer
Letzte Aktualisierung:
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Die psychische Erkrankung der Eltern wirkt sich auf die ganze Familie, besonders auf die Kinder aus.
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Sie sucht das Vertrauen der Betroffenen: Britta Müller

Gangelt. Hans Meierstedt (Name geändert) führt ein glückliches Familienleben. Der gelernte Elektriker und Rettungsassistent ist verheiratet und wohnt mit seiner Ehefrau und acht Kindern in einem Haus im Kreis Heinsberg. Wenn seine Kinder mit der Dogge durch den Garten toben, ist er sichtlich glücklich. Doch der Herzinfarkt seines Vaters hat den 38-Jährigen komplett aus der Bahn geworfen.

Zwar überlebt sein Vater den Infarkt, Hans Meierstedt allerdings hat urplötzlich Angst, ebenfalls zu erkranken. Er verfällt in eine tiefe Depression, leidet unter Angst- und Panikattacken. Er klagt über Übelkeit, Schweißausbrüche und Schmerzen am ganzen Körper. „Die Ängste kamen aus heiterem Himmel, ich habe den Ärzten die Praxen eingerannt. Ich hatte Symptome, als müsste ich bald sterben. Doch die Ärzte sagten mir, dass ich gesund sei“, sagt Meierstedt. Zeitweise denkt er an Suizid, nur der Gedanke an seine Familie hält ihn davon ab.

„An einem Samstagmorgen waren die Schmerzen und Panikattacken so stark, dass meine Frau den Notarzt gerufen hat. Doch er konnte nichts feststellen und hat mich nach Gangelt zur Fachklinik für Psychiatrie gebracht. Ich hatte einen psychischen Zusammenbruch.“ Vier Monate lang wird Meierstedt hier stationär behandelt. Heute lebt er wieder bei seiner Familie, ganz gesund ist er noch nicht, aber es geht ihm besser.

Während er sich so langsam erholt, stellt er im Verlauf seiner Krankheit fest, dass sich seine Kinder verändert haben. Sie werden ruhiger, spielen nicht mehr mit Freunden, entwickeln selbst Ängste. Sie betonen immer wieder, ihr Papa sei krank, weil sie selbst zu laut und böse seien. Sie wollen dem Ruhebedürfnis ihrer Eltern entsprechen. Meierstedt erkennt, dass auch seine Kinder Hilfe benötigen. Diese findet er bei „Nepomuk“, ein im Jahre 2009 gegründetes Netzwerk für Kinder und Jugendliche psychisch erkrankter Eltern der Katharina Kasper Voa Nobis GmbH Gangelt.

„Unter einer seelischen Erkrankung leiden nicht nur die Betroffenen, die Erkrankung hat auch persönliche, soziale und finanzielle Auswirkungen auf den Partner und die Kinder“, sagt Britta Müller. Die Elterntrainerin , Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin hat in diesem Jahr bereits 135 Familien mit 409 Kindern und Jugendlichen im Kreis Heinsberg betreut. Derzeit befinden sich 56 Familien mit durchschnittlich zwei Kindern in ihrer Betreuung. Das Projekt wird bisher alleine von Via Nobis finanziert.

„Kinder seelisch erkrankter Eltern haben in unseren Augen einen großen Unterstützungsbedarf. Deshalb sind uns frühe Hilfen für diese Mädchen und Jungen ein großes Anliegen. Leider gibt es jedoch für diese Zielgruppe derzeit keine öffentlichen Fördermittel“, erklärt Karina Wasch, Sprecherin von Via Nobis. Bis Sommer 2016 wurde das Angebot gemeinsam durch den Kreis Heinsberg und die Via Nobis finanziert. Aktuell ist die Via Nobis alleiniger Träger der Kosten. Wasch: „Wir sind in Verhandlungen, um künftig wieder einen Partner zu haben, der das Angebot mit uns zusammen finanziert.“

Auch Britta Müller hofft auf weitere Unterstützung, weil der Bedarf im Kreis Heinsberg größer wird, wie sie versichert. Denn: „Wenn Eltern psychisch krank sind, sind Kinder und Jugendliche eine Hochrisikogruppe für eigene Auffälligkeiten“, sagt Müller. „Diese Kinder haben Angst davor, ihre Mutter oder ihren Vater zu verlieren, Schuld an deren Erkrankung zu sein und Angst vor Trennung und Veränderungen. Das Erleben der psychischen Erkrankung eines Elternteils ist für die Kinder und Jugendlichen oftmals mit Ungewissheit, Verwirrung und einem Wechselbad der Gefühle verbunden“, hat die Sozialpädagogin erfahren.

„Ist ein Elternteil psychisch krank, spielen Ängste in der Familie eine große Rolle. Die Eltern haben Angst, dass ihre Kinder in Obhut genommen werden und Angst, dass die Nachbarn etwas erfahren“, sagt sie und betont, dass eine psychische Erkrankung jeden treffen könne. „Lebensereignisse wie eine Erkrankung, Trennung vom Partner oder Tod eines Angehörigen können Depressionen auslösen.“

Diese psychische Erkrankung hat im Gegensatz zu somatischen Erkrankungen in der Familie keinen Namen, man schweigt, schließlich will man die Kinder nicht belasten. „Weil die Kinder keine Erklärung haben, suchen sie die Schuld bei sich. Ist der Vater krank, haben sie Angst, als letzte Bezugsperson auch die Mutter zu verlieren. Sie stellen die eigenen sozialen Kontakte zurück, die älteren Kinder kümmern sich um die jüngeren.“

Die „Traurigkrankheit“

Britta Müller hat mit der ganzen Familie Gespräche geführt, zu den Kindern Vertrauen aufgebaut, ihnen beim Malen von Bildern erklärt, wie es ihrem Papa geht. Sie spricht nicht über Depressionen, was kein Kind versteht. Sie erklärt die „Traurigkrankheit“. Die Fragen haben nachgelassen, die Schuldgefühle sind im Laufe der Zeit gewichen.

Trotzdem sind die älteren Kinder in einer Kindergruppe, die sich einmal in der Woche trifft. Wie wichtig das ist, zeigt auch das Beispiel von Käthe Meiersberg (Name geändert) aus dem Kreis Heinsberg: Im Jahre 2013 hat sich ihr Mann von ihr getrennt. Plötzlich steht sie mit ihren drei Kindern alleine da. Käthe Meiersberg ist mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert. In Phasen der tiefen Depression verzieht sie sich in ihr Schlafzimmer, soziale Kontakte hat sie keine mehr, die Kinder verwahrlosen.

Käthe Meiersberg schlägt immer wieder ihre Kinder. „Ich war ständig gereizt. Ich war überfordert und habe mich selbst ans Jugendamt gewandt“, berichtet sie. Meiersberg besucht von nun an die Via Nobis-Tagesklinik, ihre Kinder werden in Dalheim stationär untergebracht. Heute leben die Kinder wieder bei ihrer Mutter. „Anfänglich wollte der 14-Jährige die Rolle des Mannes im Haus übernehmen, er wollte der Chef, der Beschützer sein. Er wollte alles für seine Mutter tun. Dabei hat er all seine Freunde vernachlässigt und Probleme in der Schule bekommen. Das ist einfach zu viel Verantwortung für ein Kind“, sagt Müller.

Das kann auch Verena Maier (Name geändert) bestätigen. Die Mutter der 19-Jährigen ist mehrfach krebskrank und leidet unter Depressionen, Persönlichkeitsstörung und Sucht. Sie hat eine gesetzliche Betreuerin und wird von der Eingliederungshilfe der Via Nobis GmbH unterstützt. „Ich habe vier Geschwister und während der Krankheit sozusagen die Mutterrolle übernommen“, sagt die junge Frau. Das ging so weit, dass sie selbst psychisch krank wurde. Sie leidet ebenfalls unter Depressionen und Persönlichkeitsstörungen. Britta Müller hat sich der Familie angenommen und mit Hilfe des Jugendamtes weiterführende Hilfe initiiert.

Das Jugendamt bietet im Rahmen seiner Hilfe zur Erziehung auch Unterstützung für junge Volljährige. Verena wohnt heute noch bei ihrer Mutter und ihren Geschwistern. Aber sie möchte so schnell wie möglich ein eigenes Leben führen, mit einer Ausbildung und einer eigenen Wohnung. „Ich bin so lange für die Familien da, bis weiterführende Hilfe greift“, sagt Müller, die sich als „Türöffner“ zwischen Familien und Institutionen sieht. Sie sagt auch: „Wir spannen mit den Familien einen Schutzschirm für die Kinder auf. Der soll möglichst breit und stabil sein.“

Leiden auch Sie an Depressionen und brauchen Hilfe? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Hier finden Sie - auch anonyme - Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen.

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