Besuch in Borschemich: Tour durch die noch nicht verheizte Heimat

Von: Ingo Kalauz
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Thomas Milika (l.) und Oliver Kanneberg bieten an jedem letzten Sonntag im Monat eine Wanderung rund um die fünf Ortschaften Kuckum, Keyenberg, Ober- und Unterwestrich sowie Berverath, die demnächst dem Tagebau Garzweiler II weichen müssen, an. Die erste Exkursion findet am 26. März statt. Foto: Kalauz
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Thomas Milika (l.) und Oliver Kanneberg bieten an jedem letzten Sonntag im Monat eine Wanderung rund um die fünf Ortschaften Kuckum, Keyenberg, Ober- und Unterwestrich sowie Berverath, die demnächst dem Tagebau Garzweiler II weichen müssen, an. Die erste Exkursion findet am 26. März statt. Foto: Kalauz
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Im Erkelenzer Norden wird momentan das Areal für Keyenberg (neu), Kuckum (neu), Ober- und Unterwestrich (neu) sowie Berverath (neu) erschlossen. Foto: Stefan Klassen
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Wo einst mehr als 1500 Menschen lebten, reißen derzeit Arbeiter mit schwerem Gerät die Mauern nieder: Immerath. Foto: T.M.
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Die Reste von Borschemich. Der Braunkohlebagger frisst sich in Sichtweite heran. Foto: T.M./Stefan Klassen

Erkelenz. Verheizte Heimat? Wer heute noch einmal einen Blick auf die Ortschaft Borschemich werfen will, der sieht ein großes Loch in vielen Braunschattierungen. Wo vor Monatsfrist der Glockenturm von St. Martinus in den Himmel ragte, gähnt heute das große Nichts.

Der Stamm der mehrere hundert Jahre alten Linde am alten Dorfplatz ist längst Opfer der Kettensäge geworden – aber aus dem Stumpf sprießen in diesen Frühlingstagen neue, grüne Triebe. Das zaghafte Aufbäumen der Natur wird freilich nur von kurzer Dauer sein: Die riesigen Schaufeln der Kohlebaggergiganten rücken Stunde um Stunde Zentimeter um Zentimeter näher, fressen sich unaufhaltsam weiter in die Landschaft vor.

Die Braunkohle, die wenige Meter unter der Lößschicht der Erkelenzer Börde lagert, ist für unsere Energie fressende Industriegesellschaft wichtiger als der Erhalt von in Jahrhunderten gewachsenen Ortschaften. Das haben die Politiker in Düsseldorf so entschieden und damit dem Energieriesen RWE grünes Licht für den Abbau gegeben. Das Recht auf Energieversorgung wiegt stärker als das Recht auf Heimat. So steht es im Urteil des Bundesverfassungsgerichtes. Verheizte Heimat.

Während das Schicksal von Borschemich besiegelt, die benachbarte Ortschaft Immerath nur noch ein Geisterdorf ist, das auf den Abriss wartet, sind die Ortschaften Keyenberg, Kuckum, Ober- und Unterwestrich sowie Berverath noch bewohnt. Aber auch die Menschen, die heute hier noch ihr Zuhause haben, müssen weichen, das hat die Landesregierung Nordrhein-Westfalen 1995 so beschlossen. Auch sie verlieren in wenigen Jahren schon ihre heute noch vertraute Heimat, auch diese Dörfer werden vom Energieunternehmen RWE abgebaut und in den nahe gelegenen Kraftwerken verstromt.

Am 1. Dezember vergangenen Jahres begann in Keyenberg die so genannte „Umsiedlungsphase“: Sieben Jahre haben die Bewohner des Ortes jetzt Zeit, das Dorf zu verlassen. Im Norden von Erkelenz, gleich hinter der in wenigen Jahren aus dem Boden gewachsenen Ortschaft Borschemich (neu) in Richtung Rath-Anhoven, kann man dabei zusehen, wie aus dem Nichts auf dem Acker die Grundzüge des neuen Umsiedlungsstandortes für die fünf Dörfer Keyenberg, Kuckum, Oberwestrich, Unterwestrich und Berverath angelegt werden. Von der Bundesstraße 57 zwischen Erkelenz und Rath-Anhoven kann man über den neu angelegten Kreisverkehr schon mit dem Auto das Baugebiet des neuen Großdorfes befahren und die Baufortschritte begucken.

Eine Exkursion der ganz anderen Art, eine Besichtigung der noch bestehenden, aber schon vom Abriss bedrohten Dörfer, einen Rundgang durch die noch lebende und sprießende und blühende Natur rings um die fünf gewachsenen Alt-Dörfer, die am Ortsrand von Erkelenz zu einer Neu-Großgemeinde in naher Zukunft aus dem Boden gestampft werden, bieten Oliver Kanneberg und Thomas Milika jetzt an: „Der Verlust der Heimat ist etwas Endgültiges“, sagt Kanneberg, der als Kuckumer selbst Betroffener der anstehenden Umsiedlung ist. „Ich kann immer wieder an den Ort meiner Kindheit zurückkehren“, sagt Thomas Milika. „Die Menschen, die jetzt noch hier wohnen, werden das nicht mehr können.“

Mit ihren Wanderungen durch die noch intakten Orte und durch die angrenzenden Felder und Äcker wollen die beiden denjenigen Menschen, die nicht von der Umsiedlung betroffen sind, „den Verfall begreifbar machen“; sie wollen bei den Teilnehmern ein Gespür dafür wecken, „was hier mit den Menschen passiert, wie der Braunkohletagebau die Menschen hier verändert“. Nein, das betonen Kanneberg und Milika sehr nachhaltig, sie wollen mit den Wanderungen, die sie anbieten, keine Show veranstalten: „Wir werden den Menschen, die in den Ortschaften noch ihren Lebensmittelpunkt haben, mit der gebotenen Distanz und mit dem nötigen Respekt begegnen. Wir werden die Teilnehmer an den Wanderungen nicht wie im Zoo herumführen.“

Was wollen die beiden mit ihren Exkursionen erreichen, welches „Ziel“ verfolgen sie? „Wenn der ein oder andere nach so einer Wanderung sich fragt, wo er Zuhause noch Strom sparen kann, dann haben wir schon was erreicht“, sagt Oliver Kanneberg. Und Thomas Milika ergänzt: „Wer einen authentischen Eindruck davon bekommen will, wie der Braunkohletagebau die Landschaft zerstört und die Menschen verändert, der kann das nicht über Google Earth oder im Internet erfahren, der muss das hautnah erleben und mit eigenen Augen vor Ort sehen.“

Für Sonntag, 26. März, laden sie um 11 Uhr zum Dorfplatz in Kuckum am Quellenweg zu ihrer ersten Exkursion durch die noch nicht verheizte Heimat ein.

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