Auf Rattenjagd in Wassenbergs Kanälen

Von: Verena Müller
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Nein, das ist kein Gullyangeln
Nein, das ist kein Gullyangeln, hier werden Rattenköder ausgelegt. Zweimal im Jahr führen die Schädlingsbekämpfer - im Bild Azubi André Pay - die sogenannte Kanalbegehung im Auftrag der Stadt Wassenberg durch. Alle Kommunen sind zur Rattenbekämpfung verpflichtet. Foto: Verena Müller

Wassenberg. Kanalbegehung, Ratten, Schädlingsbekämpfer - das klingt nach urbanem Heldentum, nach Männern in Schutzanzügen, die im dunklen, stinkenden Abwassersystem die Drecksarbeit machen, die mit riesigen Taschenlampen von einem Gang in den nächsten leuchten, die ihrem Kollegen über Funk durchgeben „Ich hab hier was, ein riesiges Nest.” So ungefähr.

Waldemar Funk zieht einen Kanaldeckel in einer Nebenstraße in Wassenberg auf den Asphalt, während er sagt: „Du kriegst nie alle Ratten.” Dann hebt er auch den Schmutzfang raus, nimmt eine Taschenlampe, die in der Realität deutlich kleiner ausfällt als erwartet, und leuchtet in den Schacht. „An der Seite, wo die Steine sauber sind, da laufen sie runter”, sagt er. „Und da unten liegt Rattenkot, da drüben Essensreste.” Anhäufungen von Pommes habe er schon gesehen, „das werfen die Leute ins Klo und die Ratten sammeln das.”

Funk ist zusammen mit Azubi André Pay in Wassenberg unterwegs, zweimal im Jahr machen sie hier im Auftrag der Stadt Wassenberg die sogenannte Kanalbegehung. Pro Tag schaffen sie es, bis zu 110 Kanalschächte zu kontrollieren, zwei Wochen dauert ein Durchgang.

Möglichst viele Ratten zu vernichten ist das Ziel, wie viele es gibt, darüber wollen weder die beiden Schädlingsbekämpfer noch ihr Chef Volker Guske spekulieren. Die Zahl von durchschnittlich fünf pro Einwohner in Städten kursierte zuletzt, manche Gesundheitsämter sprechen von einer oder zwei.

„Unseriös” nennt Guske das. Auch Norbert Schiefke, Leiter des Ordnungsamts, hält sich bei solchen Spekulationen bedeckt. Nur zu den Gesetzmäßigkeiten will er sich äußern: „Die Rattenpopulation hat überall, wo Gräben, Bachläufe oder auch Komposthaufen und Kanäle sind, zugenommen. Das Ausmaß hängt davon ab, wie sehr eine Stadt befestigt ist. In Wassenberg gibt es viele Felder, Wälder und Seen, deshalb gibt es dort auch mehr Ratten.”

In der Regel sind es Wanderratten, Hausratten gibt es vielleicht noch in Häfen, sagen die Schädlingsbekämpfer, in der hiesigen Region aber so gut wie gar nicht. „Einmal habe ich eine Bisamratte aus einem der oberen Stockwerke in einem Bürokomplex geholt, das war ein Riesenvieh, die hat sicher zwei, drei Kilo gewogen”, erzählt Funk. Mit einem Casher habe er sie gefangen und an einem Teich ausgesetzt. Bisamratten sind eigentlich keine Ratten, sie gehören zu den Wühlmäusen.

„Keine Ahnung, wie die überhaupt da hingekommen ist. Irgendwer muss sich da einen Spaß erlaubt haben”, meint Funk. Seit Anfang der 90er ist er beim Schädlingsbekämpferteam von Leeser & Will aus Mönchengladbach, davor hat er auf dem Bau gearbeitet.

Azubi André Pay holt einen dicken roten Würfel Rattengift, der an einer langen Schnur hängt, aus dem Kofferraum der Schädlingsbekämpfer. Er lässt das Gift in den Schacht runter und bindet das lose Ende am Schmutzfänger fest. So lässt sich auch kontrollieren, ob Ratten drangegangen sind. Schmutzfänger wieder in den Schacht, Kanaldeckel rübergezogen, fertig - wie? Das wars? Ja.

„Man kann nicht einfach in den Kanal klettern, das ist viel zu gefährlich, man müsste erst den Sauerstoffgehalt messen”, erklärt Guske. Das Team steigt wieder in den kleinen Transporter und fährt zum nächsten Kanaldeckel. Kofferraum auf, Pylone und Warnschild raus, Kanaldeckel und Schmutzfang raus, gucken, Gift legen. So geht es alle paar hundert Meter. Je nachdem, ob Spuren gefunden wurden oder nicht, überspringen die Männer auch schon mal ein oder zwei Stationen.

Frisst eine Ratte von dem Gift, verblutet sie innerlich, da es Gerinnungshemmer enthält. Zu Gesicht bekommen die Schädlingsbekämpfer die Tiere - tot oder lebendig - so gut wie nie. „Die haben viel zu große Angst”, sagt Funk.

Er glaubt, dass es deshalb in Städten mehr Ratten gibt als auf dem Land, weil die Städter mehr Essen in die Toilette kippten - das ist die Hauptursache für wachsende Rattenpopulationen. „Vielleicht leben auf dem Land mehr ältere Menschen und die werfen kein Essen weg”, meint Funk. Oder sie werfen die Reste eben in den Müll.

Der - oder dessen Lagerung - kann aber auch bei der Menge der Ratten eine Rolle spielen. „Als auf den Grünen Punkt umgestellt und der Müll nur noch einmal statt zweimal die Woche abgeholt wurde, gab es mal einen sprunghaften Anstieg”, sagt Guske. Früher waren Ratten vor allem deshalb gefürchtet, weil über den Rattenfloh die Pest übertragbar ist, heute können über die Tiere nach wie vor eine ganze Reihe von Viren und Bakterien übertragen werden. Außerdem gehören sie zu den Nahrungsmittelschädlingen und sind deshalb auch in der Landwirtschaft nicht gerne gesehen.

Die Kommunen als Betreiber von Abwassersystemen sind zur Rattenbekämpfung verpflichtet. In diesem Jahr, meint Funk, gebe es nicht mehr Ratten als sonst. Der letzte Kanaldeckel für heute wird wieder auf das Loch gehievt, Feierabend. Im Frühjahr werden die Schädlingsbekämpfer sehen, was von den ausgelegten Ködern übrig geblieben ist.
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