Kreis Heinsberg - „Am Fuße der Festung“ von Johannes Bühler berührt die Zuhörer

„Am Fuße der Festung“ von Johannes Bühler berührt die Zuhörer

Von: jwb
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Bei der Veranstaltung in der Evangelischen Gemeinde Heinsberg: Superintendent Jens Sannig (links) vom Kirchenkreis Jülich und der junge Schweizer Buchautor Johannes Bühler. Foto: BIndels

Kreis Heinsberg. Der junge Schweizer Autor Johannes Bühler las – auf Einladung der Evangelischen Gemeinde Heinsberg und des Kirchenkreises Jülich mit seiner Erwachsenenbildung – im Gemeindezentrum der Evangelischen Kirche in Heinsberg aus seinem im Schmetterling-Verlag erschienenen Erstlingswerk „Am Fuße der Festung“.

Die Zuhörer folgten den sehr berührenden Erzählungen der Flüchtlingsgeschichten um Ausbeutung, Folter und Missbrauch sowie Auswirkungen der Abwehrpolitik der Europäischen Union. In seiner politischen und mitfühlenden Reisereportage begleitete Bühler die Menschen auf ihren Routen bis zu den Hochsicherheitszäunen in Marokko, indem er ihnen zuhörte und ihre Schicksale festhielt.

„Marokko ist ein Abbild der Weltlage, von den Auswirkungen der Weltpolitik, seiner Instabilität bis zu den Einzelschicksalen mit seinen Hoffnungen und Träumen. Da kann noch was bewegt werden durch unser kirchliches Engagement zusammen mit der marokkanischen Kirche “, beschrieb Superintendent Jens Sannig das Gemeinschaftsprojekt des Kirchenkreises Jülich mit der Partnerkirche in Marokko.

Johannes Bühler hat persönliche Kontakte in Marokko. Über ­einen Zeitraum von acht Monaten verbrachte der damals 25-Jährige im Jahr 2013 mit seinen Recherchen in Marokko. „Ich möchte Ihnen von Moussa berichten, einem 19-Jährigen aus der Stadt Danané im Land Cote D‘Ivoire“, begann Bühler seine Lesung. Er spielte ­einige Fotos schweigend ein, das letzte von einem grünen Golfplatz in der spanischen Enklave Ceuta auf marokkanischem Gebiet. Auf dem Bild waren einige Golfer zu sehen und im Hintergrund ein sehr hoher Hochsicherheitszaun, über den Personen kletternd das spanische Hoheitsgebiet zu erreichen versuchten. Auf dem Weg zum Treffen mit Moussa in einem Café habe er Taha getroffen, der Deutsch wie ein Muttersprachler spreche. Er habe in Germanistik promoviert. Aber er finde in Marokko keine Arbeit, denn Marokko sei kein Staat, es sei nur Kolonisation. Ein kleiner Kreis sehr reicher Leute habe alles an sich gerissen. Und das nicht nur hier, sondern in ganz Afrika, ließ Taha Bühler wissen, bevor er ihn zum Café brachte.

Mit 15 Jahren war Moussa „durch die Wüste gekommen“ nach Marokko, erfuhren die Zuhörer. Da war er schon sechs Jahre lang auf einer nicht gewollten Reise, die in seiner Heimatstadt begonnen hatte, als er neun Jahre alt war. „Ich lebte mit meiner Mutter und meiner kleinen Schwester und ging zur Schule in die dritte Klasse. Wir spielten Murmeln, als auf einmal Schüsse fielen. Alle gerieten in Panik, und ich wurde am Bein getroffen. Ein Mann nahm mich mit, obwohl ich zu meiner Mutter wollte“, so seine Erzähltung. Verletzt, einsam, nicht wissend, wohin der Lastwagen sie bringen würde, auf den die Flüchtlinge gesetzt wurden, begann eine mehrjährige Odyssee durch Mali, Algerien und die Wüste bis nach Marokko.

Sechs Jahre, in denen er ausgebeutet, geschlagen und betrogen worden sei, als Kind so harte Arbeit habe leisten müssen, dass er krank geworden sei. Er habe gesehen, wie Menschen ermordet worden seien. Er habe erlebt, dass das hart verdiente Geld für seinen Traum, nach Europa zu kommen, von der marokkanischen Polizei vernichtet worden sei. Einer Polizei, die im Auftrag der EU die Flüchtlinge schon in Marokko daran hindern soll, nach Europa zu gelangen, so erfuhren die Zuhörer. Schließlich erhielt Mousse in Marokko vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen die Anerkennung als Flüchtling. Er schaffte sogar den Abschluss einer Ausbildung als Hotelfachkraft. „Ich finde hier in Marokko keine Arbeit, und ich habe keine Hoffnung mehr, denn hier komme ich nicht weiter“, erzählte er Johannes Bühler, denn auch in Marokko sei er nicht erwünscht. Und dann fragte er Bühler: „Kannst du mir Europa erklären?“ Und auch die weiteren Fragen Moussas – „Hast du schon mal gelitten? Und liebt deine Mutter dich?“ – ließen auch Bühler eher verstummen.

Bühlers Buch liefert mit seinen Erzählungen eine andere Sicht auf die Flüchtlingsprobleme, aber auch auf die Europäische Union, die Marokko die Grenze zu Europa sichern lasse und „dafür mehr Entwicklungshilfegeld überweist als jedem anderen Land auf der Welt“, so lautete einer der Beiträge aus dem Publikum. Die Festung Europas beginne so schon auf dem afrikanischen Kontinent, zeigten sich Autor und Zuhörer an diesem Abend in der Evangelischen Gemeinde in Heinsberg einig.

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