Alzheimer-Gesellschaft: Wie damit umgehen, wenn es zwei Willen gibt?

Von: anna
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Bei der Fachveranstaltung der Alzheimer-Gesellschaft: Dr. Michael Plum begrüßte als Referentinnen Bärbel Schönhof (r.) und Dr. Petra Kutscheid in Unterbruch. Foto: Anna Petra Thomas

Kreis Heinsberg. Zu einer Fachveranstaltung der Alzheimer-Gesellschaft Kreis Heinsberg für Ärzte konnte Dr. Michael Plum als Referentinnen eine Fachärztin und eine Rechtsanwältin im Alten Brauhaus in Unterbruch begrüßen. Plum ist Vorsitzender der Gesellschaft und zugleich Chefarzt und Ärztlicher Direktor der Via-Nobis-Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Gangelt.

„Ethische und rechtliche Fragen am Lebensende bei Patienten mit Demenzerkrankung“, so lautete die Thematik, die aus ärztlicher und aus juristischer Sicht beleuchtet wurde.

Dieses Thema werde die Mediziner immer stärker beschäftigen, da die Zahl der demenziell erkrankten Menschen deutlich zunehme, erklärte Dr. Petra Kutscheid, Fachärztin für Anästhesiologie und Leiterin Medizinethik der Dernbacher Gruppe Katharina Kasper, zu der auch die Fachklinik in Gangelt gehört.

„Horizonte der Freiheit – Demenz und Recht“ hatte sie ihren Vortrag überschrieben. Derzeit gebe es in Deutschland 1,3 Millionen Menschen, die an Demenz erkrankt seien, davon 70 Prozent an Alzheimer-Demenz. Diese zähle zu den sogenannten primären Demenzen, bei denen das demenzielle Verhalten (wie kognitive Veränderungen) direkt auf Gehirnveränderungen zurückzuführen sei.

Im Jahr 2030 werde es bereits mehr als 2,5 Millionen Demenz-Erkrankte geben, so Kutscheid weiter. Schon heute hätten fünf Millionen Menschen ein Familienmitglied mit dieser Diagnose. Demenz sei die vierthäufigste Todesursache in Europa, wenn man die Folgeerkrankungen mit berücksichtige. Einen öffentlichen Umgang mit der Erkrankung gebe es nur selten, nannte die Ärztin als Beispiel den Fall von Rudi Assauer.

„Wie gehen wir damit um, wenn wir zwei Willen haben?“ So fragte sie dann in die Runde der Mediziner, „Einen vorausverfügten und dann einen noch vorhandenen, natürlichen Willen.“ Man spreche dann von advokatorischer Ethik oder auch von dem sogenannten Odysseus-Kontrakt. „Wir sind immer mehr gefordert, die tatsächlichen Wünsche abzulesen“, erklärte sie ihren Zuhörern, denn solange ein Patient noch selbst seinen Willen kundtun könne, gelte dieser Wille.

Dass eine Vorausverfügung, also eine Patientenverfügung, dennoch wichtig sei, betonte auch Bärbel Schönhof, als Rechtsanwältin im Sozial-, Medizin- und Pflegerecht tätig und zugleich zweite Vorsitzende der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft. „Besser jetzt, als wenn es zu spät ist“, erklärte sie. Und sie konnte auch aus eigener Erfahrung berichten, von ihrer Mutter, die im Alter von 48 Jahren erkrankte und die sie 15 Jahre zu Hause gepflegt hat.

Sie erläuterte eindrucksvoll den Fall einer 93-jährigen, an Demenz erkrankten Heimbewohnerin, der quasi ihr Sterben durch immer wieder neue Einlieferungen in immer wieder neue Krankenhäuser und durch eine ausdrücklich nicht gewünschte künstliche Ernährung verweigert habe.

Die Anwältin beleuchtete die in diesem Zusammenhang wichtigne Bestimmungen des Grundgesetzes und des Strafgesetzbuches, darüber hinaus diverse Entscheidungen des Bundesgerichtshofs zum Thema. Wer heute eine Patientenverfügung plane, solle die Textbausteine dazu nicht aus dem Internet herunterladen, sondern diese tatsächlich selbst verfassen und auch seine ganz persönlichen Beweggründe für die Verfügung dort mit aufnehmen, riet sie.

Im Falle des Falles müssten Ärzte und Betreuer die Situation erörtern. Äußern dürften sich in diesem Rahmen auch weitere Angehörige. „Falls es keine Einigkeit darüber gibt, ob die Patientenverfügung anwendbar ist oder nicht, muss das Betreuungsgericht angerufen werden“, so Schönhof. Wie die Ärztin forderte auch sie, auf jeden Fall auf den aktuellen Willen des Patienten zu achten. „Wenn jemand noch selbst einen Hinweis geben kann, gilt sie nicht“, die Patientenverfügung, erklärte sie.

Eine angeregte Diskussion schloss sich an. Darin erklärte Kutscheid auch, dass es derzeit in der Palliativmedizin in Deutschland nur 27 Betten pro eine Millionen Einwohner gebe. „Wir brauchen aber 80.“

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