Altersarmut in Oberbruch: Erst geschuftet, dann der Schock

Von: Rainer Herwartz
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Mit dem Wischer in der Hand lässt sich Charlotte Waszak nur der Zeitung zuliebe fotografieren. Sie habe in ihrem Leben schon genug geputzt, mein sie. Foto: Rainer Herwartz

Heinsberg. Die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland klafft immer weiter auseinander. Der jüngste Armutsbericht legt darüber Zeugnis ab. Und während sich Politiker und Wirtschaftler mit- und untereinander darüber streiten, wo die Ursachen liegen und wie der Fehlentwicklung Herr zu werden ist, nimmt die Zahl der Menschen zu, die trotz jahrelanger Maloche mit ihrer kärglichen Rente nicht mal mehr das Nötigste für ihren Lebensabend bestreiten können.

Es sei denn, sie arbeiten immer weiter, um etwas hinzu zu verdienen. Eine dieser unermüdlichen Rentnerinnen ist Charlotte Waszak aus Heinsberg.

Bewegtes Arbeitsleben

Eigentlich stamme sie ja aus Pommern, sagt Charlotte Waszak. In Stettin wurde das kleine Persönchen vor 75 Jahren geboren. Ihr Alter sieht man der quirligen Frau, die schon seit etlichen Jahren in Oberbruch lebt, wahrlich nicht an. Angesichts ihres bewegten Arbeitslebens kaum zu glauben.

Nach der Vertreibung aus Polen begann für Charlotte Waszak der Berufsalltag in Hochneukirch bei Jüchen, wo sie zwischen 1952 und 1961 zur Spinnerin ausgebildet wurde und arbeitete. „Ich bin immer arbeiten gegangen, auch während ich meine Kinder großzog”, erzählt die alte Dame. Und davon hat sie gleich vier an der Zahl - einen Sohn und drei Töchter.

Über eine Zwischenstation in Grevenbroich verschlug es die Familie 1973 nach Wassenberg-Myhl. „Nachts habe ich dort die Zeitung ausgetragen”, erzählt sie. Doch nach nur zwei Jahren mussten die Waszaks wieder raus aus ihrem neuen Zuhause. „Wir sind dann dort weggezogen, weil über Nacht ein Bergschaden das Haus unbewohnbar machte”, erinnert sich die Seniorin an die beängstigenden Ereignisse. „Mein Sohn ist dadurch als Dreijähriger gefallen und hat sich am Arm verletzt.” Zum Glück ging die Sache noch glimpflich aus. Fünf Jahre habe die Familie danach in Wassenberg-Unterstadt am Gasthausbach gewohnt. Fünf Jahre, in denen Charlotte Waszak im Auftrag einer Reinigungsfirma die Wassenberger Hauptschule putzte. Bis dahin lief alles noch in relativ geordneten Bahnen. Eben so, wie bei anderen berufstätigen Müttern auch. Doch als das Haus, in dem die Familie zur Miete lebte, verkauft wurde und sie im Jahr 1978 nach Heinsberg an die Ostpromenade zog, brauten sich dunkle Gewitterwolken über Charlotte Waszak und die Ihren zusammen. „Weil mein Mann schwer krank wurde, habe ich jede Arbeit angenommen, die ich kriegen konnte.”

Und das darf man bei Charlotte Waszak wörtlich nehmen. Wenn die zierliche, gut gelaunte Seniorin ihren Tagesablauf schildert, der damals für sie zur Routine wurde, gerät wohl jeder Zuhörer ins Staunen. „Wenn ich morgens um fünf vom Zeitungenaustragen nach Hause kam, habe ich Frühstück gemacht und die Kinder versorgt. Um 8 Uhr stand ich schon wieder bei Woolworth im Geschäft. Mittags habe ich zu Hause gekocht und um 14 Uhr gings weiter zum Putzen in die Grundschule und danach in den Redaktionsräumen der Zeitung. Zweimal in der Woche habe ich im Anschluss noch bei einem Kieferorthopäden und in den Räumen der Barmer-Versicherung geputzt. Das ging zehn Jahre so, und alles auf Steuerkarte.” Woher sie die Kraft genommen habe, das alles durchzustehen? „Ich habe früher gar nicht darüber nachgedacht, es hat sich einfach alles so ergeben.”

Beinahe vergessen hätte Charlotte Waszak dabei den Schicksalstag im Winter 1983. Es hatte gefroren und die Straßen waren spiegelglatt. „Ich bin auf einer Treppe beim Zeitungenaustragen ausgerutscht und hatte einen schweren Unfall.” Ein halbes Jahr lang litt sie an Lähmungen. Doch es hätte noch schlimmer kommen können. „Mein Sohn hat mich in der Nacht gefunden.” Nicht auszudenken, wenn dies bei der Eiseskälte nicht geschehen wäre . . .

Im Jahr 1984 hatte Charlotte Waszak den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt im Bereich Glas- und Bodenreinigung. Bis 1990 habe sie ihr Gewerbe betrieben. „Dann habe ich fest bei Mobau in Heinsberg als Raumpflegerin angefangen.” Ein Dienstverhältnis, das über das Rentenalter hinaus bis zu ihrem 73. Lebensjahr Bestand haben sollte. „Mobau war für mich wie eine Familie. Da hatte ich Halt, auch als im Januar 2003 mein Mann starb. Schließlich habe ich dann doch gekündigt. Mein Chef wollte mich aber gar nicht gehen lassen”, schmunzelt die 75-Jährige. Bis zum Jahr 2000 hatte sie übrigens zudem noch weiter bei Woolworth gearbeitet.

Als sie aufgrund von Herzpro-blemen und einer Krebsoperation mit 60 offiziell ihren Rentenantrag eingereicht hatte, war die Ernüchterung groß. Jahrelang geschuftet und am Ende schlug dies mit gerade einmal 370 Euro zu Buche. Dazu kommen noch eine Unfallrente in Höhe von 170 Euro und heute die Witwenrente von 370 Euro.

„Seit 2010 komme ich regelmäßig zur Tafel nach Heinsberg, weil ich mir nicht viel leisten kann”, sagt Charlotte Waszak - und wirkt dabei nicht einmal verbittert. „Es hat mich keine Überwindung gekostet. Ich arbeite heute hier als bedürftige Ehrenämtlerin.” Sie kann es wohl nicht lassen und arbeitet eben immer noch. „Ende des Jahres werde ich aber etwas kürzer treten. Ich möchte ja auch noch ein bisschen was von meinem Leben haben.” Wer würde es ihr nicht gönnen . . .

Hat sich nach Ihren Erfahrungen die Zahl der Bedürftigen in den letzten Jahren erhöht?

Kornmesser: Kurz nach unserer Eröffnung im Oktober 2009 haben wir etwa 40 Haushalte mit Waren versorgt, heute sind es etwa 70.

Wo sehen Sie die Ursache?

Kornmesser: Wir sind bekannter geworden, aber auch die Zahl der Bedürftigen hat zugenommen.
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