Erkelenz - Alte Mythen mit sehr aktuellen Bezügen belebt

Alte Mythen mit sehr aktuellen Bezügen belebt

Von: hl
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Erkelenz. „Kassandra” - wer denkt bei diesem Wort nicht an die tragische Gestalt aus der griechischen Mythologie, die von Apoll aus Zorn über die Ablehnung seiner Liebe zu ihr dazu verflucht wurde, dass ihre Prophezeiungen der Wahrheit von niemand geglaubt wurden?

Kassandra hieß auch das Theaterstück von Christa Wolf, mit der das Westfälische Landestheater in der Stadthalle gastierte. Die 1929 im Warthegau geborene Christa Wolf ist eine der wenigen „gesamtdeutschen” Schriftstellerinnen, mit zahlreichen Literaturpreisen (West und Ost) ausgezeichnet, angefeindet zu Beginn der Neunziger im Westen als „Heuchlerin und Staatsdichterin” vor allem von Leuten, die offenbar keine Ahnung davon hatten, was es heißt, unter einem totalitären Regime zu leben und sich dabei geistige Unabhängigkeit zu bewahren.

Schließlich gehörte Christa Wolf zu denen, die 1976 gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann protestiert hatten. In ihren über dreißig Romanen und Erzählungen, zum Teil stark biographisch eingefärbt, setzt sie sich vor allem mit den Problemen im geteilten Deutschland, den Konflikten zwischen Gesellschaft und Individuum und denen zwischen den Geschlechtern auseinander. Letzteres ist auch eines der Hauptthemen in „Kassandra”, von Christa Wolf selber als Erzählung bezeichnet und eher zufällig entstanden anlässlich einer Reise nach Griechenland vor jetzt 25 Jahren, nach der sie sich intensiv mit der Person der Kassandra beschäftigte.

1982 hielt Christa Wolf ihre Frankfurter Poetik-Vorlesungen, in denen sie die Entstehung der Figur der Kassandra nachzeichnete. Und diese Kassandra war in der Erkelenzer Aufführung in doppelter Weise bemerkenswert: Einmal als die mythologische Tochter des Priamos, König von Troja, und seiner Gattin Hekabe, die nach dem Ende des Krieges um Troja in griechische Gefangenschaft gerät, auf den Tod wartet und erzählt, was sie in den letzten Jahren mit ansehen musste an Morden, Grausamkeiten und Krieg und nicht verhindern konnte. Zum anderen in der Verkörperung der Kassandra durch Julia Gutjahr, die über achtzig Minuten lang in ihrem Monolog dieser tragischen Gestalt durch eine großartige schauspielerische Leistung Profil verleiht und dabei von der kleinsten Nuance bis zum vulkanischen Ausbruch der Gefühle mit den Augen einer Frau die so genannten Helden der Männerwelt entzaubert.

Wenn es zum Beispiel heißt, dass Krieg nicht Krieg heißen darf, sondern Überfall, dann sind wir mitten in der aktuellen Diskussion um Afghanistan. „Ein Krieg, um ein Phantom geführt, kann nur verloren gehen”, sagt Kassandra. Und diese Übertragung der alten Mythen in das Heute wird an vielen Stellen sicht- und hörbar; allerdings ist es nicht immer einfach, sich in den Verästelungen und manchmal auch undurchschaubaren Zusammenhängen antiker Sagen zurechtzufinden und dabei auch noch deren Bedeutung für die Gegenwart zu erkennen.

In einem riesigen Käfig, mit Stacheldraht überzogen, der die ganze Bühne ausfüllt, spielt Julia Gutjahr überzeugend die Frau aus der Oberschicht, die sich allmählich aus einer egoistischen und einem falschen Heldentum verpflichteten Männerwelt befreit und ihren eigenen Weg geht: „Mit der Erzählung gehe ich in den Tod. Hier ende ich, ohnmächtig, und nichts, was ich hätte tun oder lassen, wollen oder denken können, hätte mich an ein anderes Ziel geführt.” „Kassandra” war ein guter Start ins neue Jahr und wurde zum Schluss zu Recht mit viel Beifall bedacht.
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