Als der Schnee bis in den Juni lag

Von: wer
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Heinsberg-Randerath. Der Schnee ist dem Regen gewichen. Und die meisten Menschen quittieren es wohl mit einem Seufzer der Erleichterung. In diesem Winter ist für hiesige Verhältnisse erstaunlich viel Schnee gefallen. Doch ist das gar nichts im Vergleich zu früheren Zeiten.

Der Randerather Apotheker Wilhelm Eckerts (1831-1925) berichtet in seinen „Materialien zur Geschichte Randeraths” über das Jahr 1816, dass der Schnee teilweise noch bis in den Juni hinein lag, was 1816 und 1817 eine schlimme Hungersnot zur Folge hatte.

Die historischen Aufzeichnungen Eckerts sind von Heinz Franken in drei Bänden unter dem Titel „Ein Blick in die Geschichte Randeraths” herausgegeben worden.

Die Erinnerung an die Hunger-Katastrophe ist im Bewusstsein der Menschen unserer Region lange erhalten geblieben. Durch eine beispiellos nasse und unfruchtbare Witterung zeichnete sich das Jahr 1816 unvorteilhaft aus. Der Schnee war im April in solchen Massen gefallen, wie man es selten erlebt hatte. Er lag stellenweise bis in den Juni hinein. Im April und Mai wurde in dem durchnässten Boden der Hafer gesät, was eine komplette Missernte zur Folge hatte. Die Früchte wurden sehr spät, viele gar nicht reif, und mussten teils spät im Herbst im Schnee eingescheuert werden, teils blieben sie auf den Feldern liegen.

„Um Michaelis (29. September) brachte man das schlecht gerathene Heu ein, das Korn war theilweise ausgepflügt, das vorhandene, noch nicht reife Getreide, der Hafer, wuchs bis zum halben October. Am 9. November fiel Schnee, während noch viel Hafer im Feld stand. Die Kartoffeln waren erfroren und wässerig”, berichtet Eckerts. Viele arme Leute gruben diese aus der Not heraus aus, als sie erst die Größe einer Walnuß hatten. Sie wurden unter das Brot gebacken, das eine ungare und ungesunde Masse bildete. Aus allen diesen misslichen Umständen erfolgten am Ende des Jahres 1816 und im Jahre 1817 ein dramatischer Preisanstieg und eine Hungersnot für Menschen und Vieh.

„Das Malter Roggen kostete in Randerath 23 Thaler (69 Mark), so dass ein achtpfündiges Brod zu 15 bis 17 Groschen ( 1 Mark 50 bis 1 Mark 70) verkauft wurde. Drei hundert Pfund (150 kg) Kartoffeln kosteten in Randerath 40 Thaler (30 Mark). Der Haferpreis war pro Malter 5 bis 6 Thaler (15 bis 18 Mark)”, beschreibt Eckerts die Situation. Scharenweise gingen die Leute betteln, erhielten aber ungeachtet vieler Gaben nicht genügend zu ihrem Lebensunterhalt und mussten daher allerhand Futterkräuter, Wurzeln oder Kartoffelkraut essen.

Auch suchten sie bis in den Februar 1817 hinein die erfrorenen Kartoffeln auf den Feldern und kochten dieselben, woraus die Haupternährung bestand. Trotz dieser mangelhaften und scheinbar ungesunden Speisen traten bei den Menschen während dieser traurigen Periode nur sehr wenige Krankheiten auf.

Um Ostern des Jahres 1817 gingen die Leute hinaus, um den Hafer einzuholen, er wurde aus dem Schnee herausgerissen und auf Schlitten nach Hause gefahren. Die Not wurde immer schlimmer.

„Ja, es kam sogar so weit, dass man, um noch einmal etwas Kräftiges zu genießen, Schnecken kochte und samt der Brühe verzehrte.” Nach Ostern gab es wieder Schnee, Frost und schlechte Witterung bis zum halben Juni. „Man aß allerhand Zeug, backte Pfannenkuchen aus Mus und Kartoffeln. Das Vieh erkrankte in Folge des faulen Strohes und des schlechtes Hafers”, berichtet Eckerts.

Um die größte Not in der Rheinprovinz zu lindern, befahl der preußische König Friedrich Wilhelm III. am 15. November 1816 die Zufuhr von Korn aus den Ostprovinzen. Dafür wurden zwei Millionen Thaler ausgegeben. Das Jahr 1818 brachte schließlich die Wende. Es war trocken, warm und fruchtbar, die Getreidepreise sanken merklich.
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