Kreis Heinsberg - Ärztin: Kein Alkohol in der Schwangerschaft!

Ärztin: Kein Alkohol in der Schwangerschaft!

Von: anna
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Über den Besuch von Dr. Antje Erencin (2. v. l.) freuten sich Dr. Karl-Heinz Feldhoff und Dorothea Krollmann (v. r.) sowie Wolfgang Sommer (l.). Foto: Anna Petra Thomas

Kreis Heinsberg. Ein Gläschen in Ehren in der Schwangerschaft? Dass die Antwort auf diese Frage immer ganz laut „Nein!“ heißen muss, ist allen klar, die an der ersten Fortbildung vom Netzwerk Frühe Hilfen teilgenommen haben.

Für die Idee dazu dankte Dorothea Krollmann, Leiterin der Koordinationsstelle Frühe Hilfen, dem Leiter des Kreisgesundheitsamtes, Dr. Karl-Heinz Feldhoff. Als Referentin begrüßte sie Dr. Antje Erencin, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin am Sozialpädiatrischen Zentrum des Elisabeth-Krankenhauses in Essen.

Sie sei vor einigen Jahren eher aus Versehen zur Expertin für Fetale Alkoholspektrumsstörungen (FASD) geworden, erzählte Erencin zu Beginn ihrer Ausführungen. Mit diesem Fachbegriff würden oft lebenslang bleibende Schädigungen von Kindern bezeichnet, die auf einen Alkoholkonsum der Schwangeren zurückgeführt würden. Leider gebe es immer noch zu wenige Stellen, wo diese Störungen diagnostiziert werden könnten. Selbst sie habe in Essen sogar Patienten aus dem Kreis Heinsberg.

Schätzungen zufolge werden derzeit in Deutschland rund 10.000 Kinder mit FASD geborgen. Etwa 4000 davon würden das sogenannte Vollbild, das Fetale Alkoholsyndrom (FAS) zeigen. Nur zwei von zehn Frauen würden jedoch derzeit in der Schwangerschaft keinen Alkohol trinken. „Einen Grenzwert gibt es nicht“, betonte die Ärztin. „Die Regel muss ganz klar heißen: Kein Alkohol! Denn schon eine kleine Menge kann schaden.“ Das gelte auch am Ende der Schwangerschaft, selbst wenn es auch heute noch Fachbücher für werdende Mütter gebe, in denen dies anders geschrieben stehe. Alkohol sei ein reines Zellgift, das ungehindert durch die Plazenta hindurchdringe und während der gesamten Schwangerschaft das zentrale Nervensystem schädigen könne. „Und diese Schäden bleiben lebenslang!“

Als Symptome bei den betroffenen Kindern nannte Erencin Wachstumsstörungen, Fehlbildungen und funktionelle Probleme durch Schädigungen im zentralen Nervensystem. „Weil einfach Gehirnmasse fehlt!“ Diese Schädigungen könnten sich auf Wahrnehmung, Sprache und Motorik ebenso auswirken wie auf ­Kognition und Verhalten. Kinder mit Vollbild einer FAS würden ganz charakteristische Gesichtszüge aufweisen, wie die Ärztin anhand von Fotos der kleinen Patienten erläuterte. Prägnant sind dabei eine kleine Lidspalte, ein weiter Augenabstand, eine schmale Oberlippe und ein insgesamt flaches Gesicht mit wenig dreidimensionaler Ausformung.

Schnell wurde bei dem Vortrag im voll besetzten großen Sitzungssaal des Kreishauses in Heinsberg deutlich, dass jede Diagnose sehr individuell ist, einzelne Teile eines Puzzles in langwierigen Untersuchungen zusammengefügt werden müssen. „Die Summe macht‘s“, so Erencin. Die Schädigung zu diagnostizieren, habe sowohl Vor- als auch Nachteile, führte sie weiter aus. Vorteile seien die Akzeptanz der Hilfebedürftigkeit, das Verständnis in der Familie, die Möglichkeit, Hilfe in Anspruch nehmen zu können, und nicht zuletzt das Recht auf einen Behindertenausweis. Nachteilig seien die Sorge der Familie um die Zukunft eines Kindes mit FASD und das immer noch mangelnde Verständnis von Fachleuten für diese Diagnose, die sogar so weit gehe, dass diese völlig abgelehnt werde. „Aber das wird sich ändern“, zeigte sich die Ärztin überzeugt.

Thema für Gesundheitskonferenz

Sicherlich gelte es, diese Kenntnisse jetzt auch in das regionale Netzwerk von Experten einzubringen, stellte Feldhoff fest. FASD und FAS hätten sicherlich bisher in der Diagnose nicht die wichtige Rolle gespielt, die ihnen zukomme. Er will das Thema jetzt auch in die regionale Gesundheitskonferenz einbringen.

Wolfgang Sommer, Leiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes im Kreisgesundheitsamt, gab abschließend noch einen Überblick über die regionalen Versorgungsstrukturen in Bezug auf Suchtproblematiken generell.

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