50 Tonnen Gurken landen im Container

Von: Andreas Gabbert
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Ab in den Container: Rund 50 T
Ab in den Container: Rund 50 Tonnen seiner Gurkenernte hat Gemüsebauer Helmut von Helden bereits vernichten müssen. Den Kopf will er trotzdem nicht hängen lassen. Foto: Andreas Gabbert

Waldfeucht. Ein Gurkenstrauch reiht sich in den hellen Gewächshäusern an den nächsten. Appetitlich sehen die reifen Früchte aus. Doch ob sie jemals verzehrt werden, ist mehr als fraglich. 50 Tonnen Gurken hat Gemüsebauer Helmut von Helden aus Bocket in der vergangenen Woche wegkippen müssen.

„Es ist ein Drama, das kann ich ihnen sagen”, klagt der 51-Jährige. Rund 100.000 Gurken werden wöchentlich in Bocket geerntet, keine einzige davon wurde in der vergangenen Woche ausgeliefert.

Seit 50 Jahren ist der Betrieb in der Hand der Familie, seit 30 Jahren ist Helmut von Helden der Chef und baut Tomaten und Gurken an. Rund zwei Millionen Gurken verkauft er im Jahr - mehr als alle anderen Gemüsebauern in NRW. Doch seit dem Auftauchen des EHEC-Erregers kämpft er um seine Zukunft. Seine Produkte werden kaum noch nach gefragt. Rund 80 Prozent seines Umsatzes macht die Gurke aus. „Als die ersten Stornierungen kamen, wusste ich, das wird ein Desaster”, sagt von Helden.

So etwas hat er in all den Jahren noch nicht erlebt. Es tut ihm in der Seele weh, die Früchte seiner Arbeit vernichten zu müssen - jeden Tag zehn Tonnen. Mehr als 20.000 Euro hat ihn die Epidemie bislang gekostet, hinzu kommen die laufenden Kosten. Von Helden fühlt sich zu unrecht bestraft. „Wir können doch gar nichts dafür”, sagt er und wischt sich dabei den Schweiß von der Stirn.

Ihm bleibt nur zu hoffen, dass die Ursache bald gefunden wird. Wichtig sei, das Vertrauen der Leute zurückzugewinnen. Das sei aber nahezu unmöglich, solange die Regierung weiter vor Gurken, Tomaten und Salat warne. Da helfe es auch nur wenig, dass inzwischen 250 Proben seines Gemüses als unbedenklich eingestuft worden seien.

Von Helden ist nicht allein. „Alle Gemüsebauern haben zurzeit das gleiche Problem”, sagt Kaspar Bruckmann von der Landwirtschaftskammer im Kreis Heinsberg. Die Verunsicherung in der Bevölkerung bleibe bestehen, bis der Übertragungsweg bekannt oder zumindest deutlich eingrenzbar sei.

Allzu lange sollte es nicht mehr dauern. „Noch eine Woche, dann ist der deutsche Gemüseanbau in der Existenz gefährdet”, meint von Helden. Der Gemüsebauer überlegt bereits Dreiviertel seines Betriebes vorübergehend einzustellen. Dann wäre fünf Wochen lang keine Produktion möglich, aber zumindest die laufenden Kosten würden sich reduzieren.

Neuer Mut

Von Helden ist hin- und hergerissen. Am Montag hat er die ersten Tomaten wegkippen müssen, rund vier Tonnen einfach vernichtet. Doch von Helden ist ein optimistischer Mensch. Am gleichen Tag hat wieder eine kleine Gurkenladung seinen Hof verlassen. Das macht ihm Mut.

Gülle wird immer wieder als möglicher Übertragungsweg des EHEC-Bakteriums genannt. Das ist bei von Helden ausgeschlossen. „In Gewächshäusern wird generell nicht gedüngt”, sagt der Gemüsebauer. Sein Gemüse wird aus einem 50 Meter tiefen Brunnen bewässert, das Wasser wird regelmäßig auf Keime untersucht. In den Treibhäusern wirkt es fast steril. Auf dem Boden liegen weiße Planen, darunter wurzeln die Pflanzen in einem Steinwolle-Substrat. Kleine Schläuche versorgen sie mit Wasser und Nährstoffen.

Von Helden verzichtet auch auf Insektizide, stattdessen werden sogenannte Nützlinge zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt. Er hegt und pflegt seine Pflanzen, umso mehr ärgert ihn für etwas zu büßen, was außerhalb seiner Verantwortung liegt. In Deutschland gebe es einen sehr hohen Standard, nur werde das von den Verbrauchern nicht honoriert. Der Preis sei immer noch das wichtigste Argument. Es macht ihn wütend, wenn Gurken quer durch Europa transportiert werden, während es in Deutschland ein ausreichendes Angebot gibt. „Das ist ökologischer Unsinn.”

Die Machtlosigkeit macht dem 51-Jährigen zu schaffen. Aber noch will er den Kopf nicht in den Sand stecken. Mit Hochdruck arbeitet er daran, seine Gurken als Produkt aus der Region zu etikettieren. Er hofft so einen Teil des verlorenen Vertrauens wettzumachen.

Die Rechnung könnte aufgehen, denn in der Krise gewinnen heimische Produkte wieder an Boden. Auf dem Wochenmarkt in Heinsberg fragen die Kunden bewusst nach der Herkunft des Gemüses. „Wenn die Leute hören, dass es aus der Region stammt, wird auch bei Tomaten und Gurken verhalten zugegriffen”, sagt Gemüsehändler Guido Krings. Auch seine Umsätze sind zurückgegangen - in Heinsberg um rund zehn Prozent. Das sei noch zu verkraften, im Raum Aachen lägen seine Einbußen aber schon bei 70 bis 80 Prozent, sagt Krings. Auf dem Land wüchsen die Menschen eben mit den Produkten auf, man kenne sich, die Wege seien kurz, man wisse wo das Treibhaus stehe.

Am liebsten würden die Menschen wohl direkt beim Erzeuger kaufen, um zu sehen unter welchen Bedingungen ihr Essen produziert wird. Von Heldens Betrieb ist aber für den Großhandel ausgelegt, deshalb gibt es dort auch keinen Privatverkauf.

Für den 51-Jährigen ist klar was jetzt passieren muss: „Die Regierung soll einen Rettungsschirm für den Obst- und Gemüsebau aufspannen, nicht nur für Griechenland.” Was er sich von den Politikern sonst noch wünschen würde, demonstriert er kurzerhand. „Das würde ich auch von unserer Verbraucherministerin gerne sehen”, sagt von Velden, greift in eine Kiste, nimmt eine Gurke und beißt genussvoll hinein.
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