Vor den Baggern kommen die Archäologen nach Pier

Von: Simone Dolfus
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Mit Warnweste und Bauhelm erkunden Wissenschaftler die frühe Siedlungsgeschichte des Dorfes, dass bald zum Tagebau wird. Foto: Simone Dolfus

Pier. Die Straßenschilder sind längst abmontiert, ein öffentlicher Weg führt nicht mehr durch den Ort und die meisten Häuser hat das Abrisskommando schon dem Erdboden gleich gemacht. Langsam frisst sich bereits ein Braunkohle-Bagger durch Pier. Das mahlende Geräusch ist ständig präsent. Die Spuren der Dorfbewohner sind bis auf einige Straßenzüge fast beseitigt. Zumindest die Spuren jener Einwohner, die zuletzt dort gelebt haben.

Ganz andere Nachweise menschlichen Lebens aber interessiert eine kleine Gruppe von Menschen mit Warnweste und Bauhelm, die sich seit 2011 Tag für Tag durch den Boden arbeitet. Es sind Archäologen der Universität Bonn, die hier in Kooperation mit dem Landschaftsverband Rheinland, am Forschungsprojekt „Von der Spätantike zum Hohen Mittelalter. Landschaftsarchäologische Untersuchungen im Raum Inden-Pier“ arbeiten. Die wissenschaftliche Leitung haben Professor Dr. Jan Bemmann und Timo Bremer.

Dabei geht es nicht darum, spektakuläre Schätze zu bergen, sondern mit Hilfe von Funden aus dem Erdreich und interdisziplinären Forschungsansätzen möglichst viel darüber herauszufinden, wie sich Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft in Pier und Umgebung seit der Spätantike entwickelt haben. „Denn Haufendörfer mit einem zentralen Platz, wie wir sie heute im Rheinland kennen, sind noch relativ jung, also frühestens mit Frühmittelalter entstanden“, erklärt Timo Bremer. Dem Projekt sind umfangreiche Vorarbeiten schon seit den 90er Jahren vorausgegangen.

Unter anderem mit Hilfe von Erkundungen auf frisch gepflügten Feldern, dichter Bodensondage und einem Netz von Bohrungen wurde erforscht, ob und wo es in Pier antike und mittelalterliche Siedlungen gegeben haben könnte. Außerdem wurden alte Funde noch einmal ausgewertet, beispielsweise wurde schon beim Bau der neuen Pierer Kirche in den 50er Jahren ein Gräberfeld „einer wie auch immer gearteten dörflichen Elite – die Klassifikation als Adel kennt man in dieser Zeit so noch nicht“ – erklärt Timo Bremer – aus der Merowinger-Zeit entdeckt.

Grundsätzlich nehmen die Archäologen heute an, dass „am Zwickel, wo Inde und Rur zusammenfließen eine siedlungsgünstige Fläche“ gelegen war, erläutert Bremer. Dennoch ist es schwierig, für den zu erforschenden Zeitraum Siedlungsnachweise zu finden. Das liegt unter anderem daran, dass nach dem Verfall der römischen Hochkultur ein Bevölkerungsschwund einsetzte und die Epoche der Merowinger (vom frühen 5. Jahrhundert bis 751 nach Christus) allgemein als „kultureller Niedergang“ eingestuft wird. Es herrschten Unterernährung, Armut und Krankheiten, nach der Landfrieden „Pax Romana“ zusammengebrochen war.

Es ist davon auszugehen, dass Orte wie Pier nur dünn besiedelt waren. Und vieles von dem, was einst vorhanden war – zum Beispiel Pfostenbauten und Grubenhäuser – ist insbesondere in den Hanglagen zum Flusstal hin „aberudiert“. „Wir wollen die Strukturen im Alltag des menschlichen Zusammenlebens verstehen“, erklärt Timo Bremer das Ziel des Forschungsprojektes.

Momentan untersucht eine Gruppe von Bonner Studenten im zweiten Semester im Rahmen ihrer ersten, sechswöchigen „Lehrgrabung“ einige Gräber aus der Merowinger-Zeit, die im Gegensatz zu den Funden unterhalb der Kirche eher dem „gemeinen Volk“ zuzurechnen sind. „Das lässt sich nur aufgrund von kleinen Unterschieden in der Bestattungsart und bei den Grabbeigaben vermuten“, sagt der wissenschaftliche Leiter. Als Grabbeigaben finden die Wissenschaftler im frühen Mittelalter beispielsweise Schmuck, Perlen, Keramikgefäße oder Waffen. Auch lässt sich vermuten, dass kleine Kinder in dieser Zeit gesellschaftlich keinen besonderen Stellenwert hatten. Dies legt die geringe Zahl an gefundenen Kindergräbern nahe.

Problem Grabräuber

Problematisch für die Archäologen ist immer, dass es Grabräuber gibt – antike wie moderne. „Es gibt fast kein Grab, das unberaubt ist“, konstatiert Bremer. Faktisch wurden die für damalige Zeit „wertvollen“ Beigaben schon kurze Zeit nach der Bestattung wieder dem Grab entnommen. Darüber hinaus existiert das Phänomen aber auch heute noch. „Wir dürfen hier absolut nichts offen liegen lassen – das ist am nächsten Tag weg“, ärgert sich der Archäologe über den Diebstahl von Kulturgut. Und das kann schon eine kleine Tonscherbe sein. Besonders haben es die Räuber aber auf gut erhaltene Keramikgefäße abgesehen, die die Forscher auch in Pier immer mal wieder finden und selbst beim erfahrenen Wissenschaftler Timo Bremer manchmal für regelrechtes Erstaunen.

„Das habe ich so auch noch nicht gesehen. Sehr ungewöhnlich für diese Zeit“, murmelt Bremer bei der Bergung eines Keramikkruges, den er spontan als Siegburger Keramik aus dem 14. Jahrhundert erkennt und sich über dessen Bleiglasur wundert. Denn Keramik und Glasur waren zu dieser Zeit noch getrennte Gewerke und das Glasieren eine im 15. Jahrhundert erst ausgereifte Technik.

Noch bis zum Jahr 2015 soll an der Tagebaukante weiter geforscht werden. So lange jedenfalls, bis der Bagger seine Schaufeln noch nicht ganz durch den Ort gegraben hat.

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