Verhinderung der Jagd oder gelebter Tierschutz?

Von: Gudrun Klinkhammer und Stephan Johnen
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Die Jäger sind sauer und fragen sich: Ist es bald mit der herkömmlichen Jagd vorbei? Foto: Gudrun Klinkhammer
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Diskutierten sachlich: Franz Josef Heinrichs, Josef Bellartz und Markus Schoeller (v.l.). Foto: sj

Kreis Düren. Verhärtete Fronten, emotionale Diskussionen und Schlagzeilen wie „Halali gegen Verbote“: Wenn in den vergangenen Monaten über die Pläne der NRW-Landesregierung für das neue Landesjagdgesetz berichtet wurde, ging es meist hoch her.

Am Mittwoch soll das Gesetz im Landtag verabschiedet werden. Wie blicken die Beteiligten in der Region auf die Gesetzerneuerung? Zu einem sehr sachlichen Gespräch trafen sich in unserer Redaktion Markus Schoeller, Vorsitzender der Dürener Kreisjägerschaft, Franz Josef Heinrichs, stellvertretender Vorsitzender des Tierschutzvereins, und der stellvertretende Kreislandwirt Josef Bellartz.

Herr Schoeller, die Jäger im Land sprechen von „ideologisch geprägter“ Gesetzgebung, der Jagdverband kündigt trotz Nachbesserungen der Landespolitik Klage an. Woher rührt die Kritik?

Schoeller: Zugespitzt formuliert: Ich befürchte, dass es mit der Jagd, wie wir sie kennen, bald vorbei ist. Änderungen im Jagdgesetz haben wir in der Vergangenheit immer mitgetragen, solange sie reale Verbesserungen für Mensch, Tier und Natur herbeiführten. Immer haben wir Jäger uns konstruktiv beteiligt. Was der Umweltminister jetzt aber vorgelegt hat, ist ein Sammelsurium von Verschlimmbesserungen und Ausdruck grundsätzlicher Missachtung der Menschen, der Natur und der Werte im ländlichen Raum. Der Minister und seine Mitarbeiter wollen uns das Jagen unmöglich machen. Ich bin enttäuscht, dass sich die SPD von den Grünen derart hat einspannen lassen. Viele versprochene Änderungen wurden nicht umgesetzt.

Können Sie Beispiele für Missachtungen der Jäger nennen?

Schoeller: Hinter dem Gesetz steht die Idee, dass wenn wir der Natur freien Lauf lassen, sie sich selbst regulieren wird. In diesem vermeintlichen Kreislauf fehlen aber der Bär und der Wolf. Viele Tiere haben keine natürlichen Feinde mehr. Im Rahmen der Hegepflicht kümmern sich Jäger in ihren Revieren um Populationskontrolle, die Gesundheit der Tiere und eine nachhaltige Bewirtschaftung. Je mehr Tiere – und darunter sind auch Raubtiere – beispielsweise von der Liste der Arten, die dem Jagdrecht unterstellt sind, gestrichen werden, desto unberechenbarer die Folgen. Von bislang 116 Tieren stehen künftig nur noch 26 auf der Liste der jagdbaren Arten.

Unberechenbare Folgen?

Schoeller: Nehmen wir den Luchs, der gestrichen wurde: In fünf bis zehn Jahren werden wir Jäger gebeten, die Population wieder zu verringern. Ein weiteres Problem könnte auf lange Sicht auch der Biber sein. Er hat nur den Menschen als Feind und wird sich ohne eine Populationskontrolle sehr stark ausbreiten.

Herr Heinrichs, teilen Sie die Einschätzung der Jäger?

Heinrichs: Grundsätzlich sind Jäger und Naturschützer keine Feinde, das möchte ich klar betonen. Für Tierschützer steht an oberster Stelle, dass das Tierschutzgesetz einzuhalten ist. Dieses legt fest, dass kein Wirbeltier ohne Grund getötet werden darf. Dies betrifft auch die Bedingungen der Jagd, das Verbot von Schrotmunition. Eine Verkleinerung der Liste der jagdbaren Arten ist in unserem Sinne.

Schoeller: Kein Jäger schießt sein Revier tot! Er übt sein Hobby im Einklang mit der Natur und mit Respekt vor der Schöpfung aus. Die Einschränkungen der Jagd und der Jagdzeiten jedoch bedeuten, dass Jäger zu Erfüllungsgehilfen des Ministeriums werden und nicht mehr ihrem Hobby nachgehen können. Wir werden in Zukunft nur noch dann gerufen, wenn das Wild droht, den Wald kahlzufressen. Welche Auswirkungen beispielsweise ein unkontrolliertes Wachsen der Wildschweinpopulation auf die Landwirtschaft hat, wird viele Menschen noch überraschen. In einem so dicht besiedelten Gebiet wie NRW gibt es auch andere Zwänge, auf die Jäger reagieren müssen. Das Wild ist schon vereinzelt in den Gärten der Städte angekommen.

Herr Bellartz, welche Rolle spielen Jäger für die Landwirtschaft?

Bellartz: Wer einmal Wildschweine im Mais hatte, kann diese Frage beantworten: Eine Wildbestandsregulierung ist wichtig, um Wildschäden zu reduzieren beziehungsweise zu vermeiden. Aufgabe der Jäger ist es auch, kranke Tiere aus dem Bestand zu holen. Ich befürchte, dass sich die Tollwut wieder ausbreiten könnte. Werden die Rechte der Jäger weiter beschnitten, kann ich mir vorstellen, dass viele ihre Flinte ins Korn schmeißen. Ich weiß nicht, ob dann in Zukunft Berufsjäger bestellt werden müssen.

Herr Heinrichs, welche Änderungen im Gesetz begrüßen Sie?

Heinrichs: Die Verbesserung des Tierschutzes im neuen Gesetz ist generell begrüßenswert. Dazu gehört das Verbot der Jagd im Tierbau, das Verbot des Schrotschusses, Verkürzungen der Jagdzeiten und das Verbot, Jagdhunde an flugunfähig gemachten Enten auszubilden. Das Jagdwesen in Deutschland wird unserer Meinung nach aber wichtigen Grundsätzen des Tierschutzes weiterhin nicht gerecht. Ob jeder Jäger, der ohne eigene Jagd nur als Gast bei den Jagden teilnimmt, dies auch nach dem Begriff der Hege macht, ist zu bezweifeln.

Welche Pluspunkte verteilen die Jäger?

Schoeller: Wir sind erfreut, dass die Pläne, die Jagdsteuer wieder einzuführen, vom Tisch sind. Wir halten es auch für sinnvoll, die dreijährigen Abschusspläne beim Rehwild wegfallen zu lassen und stattdessen je nach Situation und Bedarf vorzugehen. Auch so lässt sich der Wildbestand gut regulieren. Wir verstehen aber nicht, warum die Jagdhundeausbildung nicht mehr an mit Manschetten vorübergehend flugunfähig gemachten Enten stattfinden darf. Die Hunde haben die Aufgabe, verletzte Tiere schnell und sicher zu finden. Ein Verbot der Ausbildung ist eine Verschlechterung des Tierschutzes.

Apropos verletzte Tiere: Wie stehen Sie als Jäger zu Schießnachweisen?

Schoeller: Fakt ist, dass schlechte Schützen keine Zukunft als Jäger haben. Und Jäger sind entgegen aller Vorurteile auch keine schießwütigen Menschen. Jeder Schuss muss sitzen, damit das Tier nicht leidet. Daher sind auch wir Jäger dafür, die Schießtüchtigkeit regelmäßig zu überprüfen.

Besonders oft diskutiert wurde das Abschussverbot von Katzen außerhalb von Siedlungen...

Bellartz: Dieser Punkt ist stark emotional aufgeladen. Als Hofbesitzer freue ich mich darüber, dass Katzen fleißig Mäuse jagen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass Katzen Raubtiere sind, die auch mal Singvögel jagen.

Heinrichs: In den vergangenen sechs Jahren wurden nach Erhebungen von Tierschutzorganisationen in den Ländern Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und dem Saarland über 100.000 Katzen und etwa 700 Hunde von Jägern erschossen. Eine unvorstellbare Zahl.

Schoeller: Schwarze Schafe gibt es überall, aber ich kenne keinen Jäger, der auf eine Katze zielen würde, die ein Halsband trägt. Eine Katze, die mäuselt, ist aber auch nicht das Problem. Die verwilderten Katzen sind das Problem.

Und da hilft der Abschuss?

Heinrichs: Nein. Die Schuld trägt nicht das Tier, sondern meist der Mensch. Wilde Katzen werden gefüttert, sie vermehren sich, und in einem harten Winter leiden die Tiere, wenn die Futterquelle versiegt. Problematisch sind auch Industriebrachen und Friedhöfe. Dort werden streunende Katzen von Passanten gefüttert, denen die Tiere Leid tun, die aber nichts dagegen unternehmen, deren Vermehrung zu unterbinden. Seit Jahren fordert der Tierschutzverein eine Kastrationspflicht für Katzen. In sieben Kommunen des Kreises wurde sie eingeführt. Wir kastrieren aktuell 140 bis 200 Tiere pro Jahr im Tierheim. Eine einheitliche Regelung für das Kreisgebiet ist die einzige Chance, die Probleme zu mindern. In diesem Punkt hätten wir gerne mehr Unterstützung.

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