Über die Arbeit einer Nachlasspflegerin

Von: Carsten Rose
Letzte Aktualisierung:
13969225.jpg
Für das Amtsgericht unterwegs: Die Nachlasspflegerin Monika Frings-Hein sucht nach Erben, wenn Verstorbene ein (kleines oder großes) Vermögen hinterlassen. Rechtspfleger Michael Mertens beauftragt sie. Foto: Rose

Kreis Düren. Es ist noch nicht lange her, dass Monika Frings-Hein einen Lottogewinn abgeholt hat. 11,80 Euro waren es, keine große Summe. Es ist aber irrelevant, ob es 1180 oder 1.180 000 Euro gewesen wären, behalten dürfte sie das Geld nicht, denn sie hat den Schein aus beruflichen Gründen eingelöst.

Sie ist Nachlasspflegerin. Der kleine Lottogewinn ist bei einem ihrer Fälle mit ins Erbe geflossen.

Die 55-Jährige ist studierte Rechtspflegerin und macht den Job seit mehr als zehn Jahren. In dieser Zeit hat Monika Frings-Hein etliche Wohnungen durchsucht, Familiengeschichten gehört, Lebenswege nachgezeichnet. Sie bekommt bis zu fünf neue Fälle im Monat, meist arbeitet sie an 50 parallel, mindestens drei, vier Monate lang, manchmal bis zu fünf Jahre. Ihre Erfahrungen, sagt sie, hätten sie toleranter und respektvoller gemacht. „Man persönlich hört auf, bestimmte Lebensformen zu bewerten. Aber das ist ja auch nicht mein Job.“

Was Frings-Hein damit meint, kann man sich vorstellen, wenn sie von ihrem Arbeitsalltag erzählt. Sie wird vom Amtsgericht Düren beauftragt, den Nachlass eines Verstorbenen zu verwalten, wenn kein direkter Erbe bekannt ist. Etwa 100 Fälle muss das Amtsgericht jährlich bearbeiten, sagt Michael Mertens aus der Abteilung für Rechtspflege. Frings-Hein ist in diesen Fällen eine der Ersten, die die Wohnung des Toten betritt. Man kennt die Szenen aus Krimis: Handschuhe anziehen, Schubladen öffnen, Dokumente aufspüren, Testamente suchen – sie kennt auch das Gefühl, von ungeöffneten Briefen überschüttet zu werden, die aus einem Schrank fallen. Ein Indiz für Schulden. Täglich passiere das aber nicht.

„Als Erstes suche ich ein Foto, damit ich ein Gesicht vor Augen habe“, sagt Frings-Hein, die über Verträge, Versicherungen und andere Dokumente das zu vererbende Vermögen bestimmt. Hat ein Verstorbener nicht viel oder gar Schulden hinterlassen, lehnen die Verwandten in der Regel ihren Anspruch ab. Bei Schulden nimmt Frings-Hein mit den Gläubigern des Verstorbenen Kontakt auf, um mit dem Verkauf beispielsweise von Grundstücken ausstehende Kredite so gut es geht zu tilgen. Wenn die verstorbene Person zur Miete gewohnt hat, ist der Vermieter für die Räumung verantwortlich, die 2000 bis 3000 Euro koste. Dank des Vermieterpfandrechts darf er das Inventar verkaufen und quasi verrechnen. Hauptaufgabe von Frings-Hein ist dann, Verträge und Versicherungen des Toten zu kündigen.

Wenn sie ein Vermögen (inklusive Immobilien oder Autos) beziffert hat, aber zunächst kein Erbe bekannt ist, geht die Puzzlearbeit los – und das sei heutzutage schwieriger als früher. „Die Familienverbände sind häufig nicht mehr so eng“, sagt Frings-Hein. „Ich bin froh, wenn ältere Menschen ein Telefonbuch geführt oder Karten aufbewahrt haben. Oder ich frage bei Nachbarn nach, von wem derjenige oft Besuch hatte.“ Mit diesen Infos beginnt die Recherche nach Erben – und bei jedem Einzelnen muss Frings-Hein zuhören. „Ein Leben wird in 20 Geschichten erzählt, und jeder versucht, seine Position möglichst positiv darzustellen.“

In 90 Prozent würde sie bei vermögendem Nachlass die rechtmäßigen Erben finden. Wenn nicht, erbt der Staat – aber nur positives Vermögen. Die größte Summe, die sie verwaltet hat, lag bei gut 1,5 Millionen Euro.

Am schönsten – und am einfachsten – sei es, sagt die Nachlasspflegerin, wenn Familien weitestgehend intakt seien. Sie ist froh darüber, dass es bei ihr persönlich so sei. Einmal habe eine Tochter ein sechsstelliges Erbe ihres Vaters ausgeschlagen, weil sie zu Lebzeiten kein Verhältnis zu ihm hatte. Frings-Hein erzählt, dass es in ihrem Beruf auch auf Fingerspitzengefühl ankomme. „Man sieht viel, aber gibt nicht alles weiter, man stößt schon auf manche ,Geheimnisse‘.“

Es sei auch ihr Anspruch, die „letzten Dinge im Sinne des Verstorbenen mit Würde und Respekt“ abzuwickeln. Monika Frings-Hein übergibt also auch gefundene Fotoalben an Verwandte, die ein Erbe ausgeschlagen hätten oder gesagt haben, das Verhältnis zum Verstorbenen sei nicht intakt gewesen. Frings-Hein nennt es einen „versöhnlichen Abschluss mit schönen Funde“.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert