Turnhallen sollen nur eine „temporäre Notlösung“ sein

Von: Jörg Abels
Letzte Aktualisierung:
11098756.jpg
Knapp 300 interessierte und besorgte Bürger informierten sich aus erster Hand bei Bürgermeister Hermann Heuser und seinen Kollegen über die Flüchtlingssituation in der Gemeinde Niederzier. Foto: Abels

Niederzier. 224 Asylbewerber leben aktuell in der Gemeinde Niederzier. Die Übergangsheime sind komplett belegt, 31 Wohnungen und zwei Häuser hat die Kommune bereits angemietet. Obwohl die Kapazitäten damit ausgeschöpft sind, weil weiterer Wohnraum auf dem freien Markt kaum mehr zu finden ist, muss die Gemeinde wöchentlich 15 bis 20 weitere Flüchtlinge aufnehmen.

„Wie wollen Sie denn, wenn es bei dieser Quote bleibt, bis zum Jahresende noch 180 Menschen unterbringen?“ Auf diese berechtigte Frage eines besorgten Bürgers konnte Bürgermeister Hermann Heuser am Mittwochabend bei einer Infoveranstaltung zur Flüchtlingssituation keine Antwort geben. „Ich kann ihnen nicht sagen, ob und wie wir das schaffen“, betonte Heuser vor rund 300 Bürgern in der Gesamtschule. Der Ankauf überteuerter Immobilien und die Beschlagnahme von leerstehendem Wohnraum komme für ihn nicht infrage. Woche für Woche 20 neue Flüchtlinge aufzunehmen, „ist für eine Gemeinde unserer Größenordnung fast eine ‚Mission Impossible‘“.

Deshalb hat auch Heuser – wie 214 seiner Kollegen in NRW – einen Brandbrief an Bundeskanzlerin Angela Merkel, Vizekanzler Sigmar Gabriel und NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft unterschrieben. „Wir haben zum Ausdruck gebracht, dass ein weiterhin massiver und in einem erheblichem Maße auch unkontrollierter Zustrom von Flüchtlingen nicht mehr verkraftbar ist, weil so gut wie alle verfügbaren Unterbringungskapazitäten erschöpft sind“, berichtete Heuser.

Er forderte schnelle und unbürokratische Sofortmaßnahmen zur Entlastung der Kommunen. „Wir brauchen dringend eine Atempause.“ Die Unterbringung in Turnhallen oder Bürgerhäusern dürfe allenfalls eine temporäre Notlösung sein, auch um die Akzeptanz in der Bevölkerung nicht zu gefährden. Ausschließen aber kann auch Heuser ein solches Szenario für die kommenden Monate nicht. Denn er ließ keinen Zweifel daran, dass es eine humanitäre Pflichtaufgabe sei, für eine menschenwürdige Unterbringung der Menschen zu sorgen.

Die Gemeinde hat zwar einen Notfallplan erarbeitet, ob der aber ausreicht, kann aktuell niemand sagen. „Wir hoffen, dass uns die Plätze in den Notunterkünften in Düren und Jülich auf unser Kontingent angerechnet werden“, erklärte der Bürgermeister auf Nachfrage unserer Zeitung.

Maximal 80 Flüchtlinge könnten in den kommenden Wochen vorübergehend im ehemaligen Kasino der Sophienstiftung untergebracht werden, danach müsste die Turnhalle der Grundschule Niederzier (50 Plätze) in Anspruch genommen werden. Bis die ersten der fünf vom Rat beschlossenen Holzhäuser (jeweils 50 Plätze) bezogen werden können, werden noch mindestens sechs bis acht Monate vergehen.

Die Planungen für die ersten beiden Gebäude, nördlich der Grundschule Ellen und östlich des Friedhofes in Hambach, laufen. Weitere Standorte sind am Feuerwehrgerätehaus Niederzier, auf dem Festplatz in Selhausen – ohne dass die Nutzung eingeschränkt werden müsste, wie Bauamtsleiter Dirk Lauterbach betonte, und östlich der Firma Brohl in Krauthausen vorgesehen.

Die Frage einer Bürgerin, wie die Gemeinde mit dem Familiennachzug bei anerkannten Asylbewerbern umgeht, beantwortete Sybille Haußmann, Leiterin des Integrationsamtes beim Kreis. Für die Unterbringung der Familien müssten die Kommunen nicht sorgen, betonte Haußmann. Sie machte auch deutlich, dass überall dort, wo es in den Schulen notwendig werde, zusätzliche Lehrer vom Land eingestellt würden, um die schulpflichtigen Kinder unter den Flüchtlingen zu unterrichten. Sie räumte noch einmal mit dem Vorurteil auf, dass Asylbewerber Arbeitsplätze wegnehmen. Flüchtlinge dürften nach einer Wartefrist nur dann eingestellt werden, wenn sich kein Deutscher oder EU-Bürger für die Stelle findet.

Hermann Heuser unterstrich, dass eine Beschäftigung ein wichtiges Instrument bei der Integration sei und verwies auf die positiven Erfahrungen im Bauhof der Gemeinde. Dort helfen seit Monaten viele Flüchtlinge gegen ein kleines Salär bei der Grünpflege und bei Unterhaltungsmaßnahmen.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert