Plötzlich geraten Herz und Leben aus dem Takt

Von: Volker Uerlings
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Nicht erst seit dem Besuch in der alten Heimat Jülich geht es Lioba Werrelmann wieder gut, das sah vor drei Jahren ganz anders aus, als sie sich in den Fängen des Gesundheitssystems befand, sterbenskrank war und niemand recht wusste, wie man sie behandeln sollte. Darüber hat sie ein lesenswertes Buch geschrieben. Foto: Uerlings

Jülich. Lioba Werrelmann hatte es mit Ende 30 geschafft. Die gebürtige Jülicherin eilte als Hauptstadtkorrespondentin des Westdeutschen Rundfunks in Berlin vom Hintergrundgespräch mit der Kanzlerin zur Pressekonferenz über das Betreuungsgeld.

Sie erlebte die „berühmt-berüchtigte Spargelfahrt“ der SPD mit allen Parteigrößen, schilderte im Radio die Wahl von Bundespräsident Christian Wulff in drei Wahlgängen über zwölf Stunden. Und sie lebte nicht nur beruflich auf der Überholspur, sondern auch privat im angesagten Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Bis vor genau drei Jahren ohne jede Vorwarnung nichts mehr ging. Sie leidet an einer Krankheit, deren Bezeichnung bis heute nicht jedem Mediziner etwas sagt. Deshalb hat sie ein lesenswertes Buch geschrieben. Sie ist eine „EMAH“ – eine Erwachsene mit angeborenem Herzfehler und wäre beinahe gestorben.

In „Stellen Sie sich nicht so an!“ schildert sie, wie das – in ihrem Fall – Loch in der Herzwand Anfang der 70er Jahre sie von Geburt an in einer Sonderrolle zwängte, die gesamte Familie und vor allem die Eltern enorm belastete und es anfangs so aussah, dass sie kaum die Einschulung erleben würde. Sie wurde als Kleinkind damals operiert und „geheilt“. Inzwischen ist bekannt, dass doch recht viele behandelte Menschen später erneut schwer erkranken können.

Genau das ist Lioba Werrelmann passiert. Die heute 41-Jährige bekam heftige Herzrhythmusstörungen (Vorhofflattern, später -flimmern). Weil anfangs das Blut nicht verdünnt wurde, bildete sich direkt am Herzen ein gefährlicher Thrombus, der jederzeit einen Schlaganfall hätte auslösen können. Zudem blieb ihre Unverträglichkeit gegenüber einem bestimmten Typus von Betablockern – einem Medikament zur Rhythmusbegrenzung und Blutdruckminderung – lange unerkannt.

Und so war sie über Monate kaum in der Lage, mehr als einige hundert Meter zu gehen, Treppen zu steigen oder zu arbeiten. Als „EMAH“ gehört sie zu einer Gruppe, die bislang in kein Schema passt und mitunter von Kardiologen auf Kinderstationen behandelt wird, weil wenigstens dort Knowhow vorhanden ist. Aber zum Glück nicht nur dort. Lioba Werrelmann erlebte zwar eine Odyssee von Arzt zu Arzt, Klinik zu Klinik – „ich fühlte mich oft wie ein Sandsack, der rumgeschubst oder abgelegt wird“.

Letztlich endet ihre Geschichte aber gut. Sie wohnt und arbeitet inzwischen wieder im Rheinland, weil sie doch darauf achten muss, dass ihr Leben und ihr Herz im Rhythmus bleiben. Das geht unter den neuen Lebensumständen besser, dafür tut sie alles. Beim Besuch in der alten Heimat Jülich, wo sie vor zwei Jahrzehnten auch für diese Zeitung gearbeitet hat, sieht sie so aus, wie sie sich fühlt: gut und gesund.

Ihr Buch ist Anfang März erschienen und hat viele Betroffene berührt. „Ich bekomme täglich Mails. Ganz viele Leute schildern mir, dass es ihnen genauso ergangen ist oder ergeht“, berichtet sie. Ihr Ziel ist klar definiert: „Wenn die EMAH eine Lobby kriegen, wäre das prima.“ Denn nicht nur Ärzte müssen sich mit dieser „Spezies“ erst vertraut machen, auch die Krankenkassen, die bestimmte Probleme dieser wachsenden Gruppe, der 300 000 Deutsche mit angeborenem Herzfehler angehören, noch nicht gut genug kennen und gelegentlich die Bezahlung verweigern.

Nicht alles geschrieben...

Ihr Buch schildert die spannende Geschichte einer kämpfenden Frau, die sich nicht ihrem Schicksal ergibt. Da die Umschlaggestaltung klinisch wirkt, sieht „Stellen Sie sich nicht so an!“ ein wenig aus wie ein Fachbuch. In einer Kölner Buchhandlung hat Lioba Werrelmann ihren Erstling „zwischen Darm und Demenz“ gefunden. Aber es spricht sich herum, dass es eine literarische Schilderung ist, in der sie viel von sich preisgibt. „Ich habe mir das genau überlegt und nicht alles geschrieben“, sagt sie und lächelt.

Die Hörfunk-Korrespondentin aus Buchautorin – hat sich das abgezeichnet? Nicht sofort, sie schickte die ersten Manuskript-Seiten an drei Verlage und bekam von einem nach sechs Tagen eine Zusage. Dann legte sie erst richtig los und sagt heute: „Ich hätte nicht gedacht, dass ich so eine Lust am Erzählen habe.“

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