Pfarrer Schmidtlein: „Kirchenaustritte gehören zum Alltag“

Von: Sandra Kinkel
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Pfarrer Stephan Schmidtlein sagt, dass die Kirche sich in einem radikalen Schrumpfungsprozess befindet. Foto: Sandra Kinkel

Kreis Düren. Die Zahlen klingen dramatisch. Die Kirchenaustritte im Kreis Düren haben sich von 2012 bis 2014 nahezu verdoppelt. 2012 sind 516 Menschen aus der evangelischen und katholischen Kirche ausgetreten, im vergangenen Jahr waren es 968.

Was sind Ursachen für die vielen Austritte? Warum können sich die Menschen nicht mehr mit der Kirche identifizieren? Und welche Konsequenzen ziehen die Gemeinden daraus? Im Interview mit unserer Zeitung hat Pfarrer Stephan Schmidtlein, Vorsitzender des Presbyteriums der Evangelischen Gemeinde, diese und andere Fragen beantwortet.

Ist die eklatant gestiegene Zahl der Kirchenaustritte alarmierend oder haben Sie sich mittlerweile daran gewöhnt?

Stephan Schmidtlein: Ich muss leider sagen, dass die Kirchenaustritte mittlerweile zu unserem Alltag gehören. Wir haben die  Zahl  im Blick und festgestellt, dass  sie im letzten Jahr höher war. Allerdings kann die Evangelische Kirche im Kreis Düren keineswegs von einer Verdoppelung der Kirchenaustritte in den vergangenen zwei Jahren sprechen.

Warum nicht?

Schmidtlein: Im Jahr 2013 sind 165 evangelische Christen aus der Kirche ausgetreten, 2014 waren es 192. Wir haben also einen Anstieg gemerkt, es ist aber keine Verdoppelung.

Bedeutet das, dass die restlichen Kirchenaustritte alle von katholischen Christen sind?

Schmidtlein: Ja, wenn wir die absolute Zahl  von 968 Kirchenaustritten in 2014 sehen, können wir sagen, dass nur 20 Prozent davon, also 165, evangelische Christen sind. Weil es aber mehr katholische als evangelische Christen im Kreis Düren gibt, wird die Prozentzahl der Ausgetretenen nicht ganz so verschieden sein. Ich schätze, dass sie für die Evangelische Seite vielleicht halb so hoch war wie für die katholische.
Nochmal zu meiner Eingangsfrage: Sind die Zahlen alarmierend oder Normalität?

Schmidtlein: Weder noch. Gegenüber den 192 Kirchenaustritten stehen 32 Eintritte und 157 Taufen im vergangenen Jahr. Im gleichen Jahr hatten wir 216 Sterbefälle. Wenn sich das so fortsetzt, wird die Gesamtzahl  jedes Jahr um 200 Gemeindeglieder geringer. Das bedeutet, dass unsere Gemeinde alle fünf Jahre 1000 Mitglieder verliert und alle 15 Jahre so viele wie zu einem kompletten Gemeindebezirk gehören. Man kann schon sagen, dass wir uns in einem radikalen Schrumpfungsprozess befinden.

Woran liegt das?

Schmidtlein: In erster Linie am demografischen Wandel. Aber natürlich auch an den Kirchenaustritten. Auslöser war nicht so sehr die jüngste kritische Diskussion um die Kirche. Die hat, glaube ich, mehr die katholische Kirche getroffen. Als Auslöser werden häufiger finanzielle Gründe genannt. Wir haben beobachtet, dass ein Auslöser darin bestand, dass Gemeindemitglieder von ihrer Bank einen Brief erhielten, in dem sie darauf hingewiesen wurden, dass der Kirchensteueranteil, der sich auf die Vermögenssteuer bezieht, nun direkt abgeführt wird. Auch wenn nur ein kleiner Teil von gut situierten Kirchenmitgliedern davon betroffen ist und es sich auch nicht um eine neue Abgabe handelt, hatten viele den Eindruck, hier käme eine neue Belastung auf sie zu.

Machen Sie es sich da nicht ein bisschen zu einfach, Briefe von der Bank für Kirchenaustritte verantwortlich zu machen?

Schmidtlein: Ich sage nur, dass das ein Auslöser ist. Wer finanzielle Gründe zum Anlass für einen Kirchenaustritt nimmt, muss sich entweder in einer schwierigen finanziellen Situation befinden oder es ist ein Traditionsabriss da –  manchmal auch nur beim verdienenden Ehepartner. Vielen Menschen bedeutet Kirche einfach nichts mehr, sie wissen nicht, was sie damit zu tun haben sollten.

Warum ist Kirche für die Menschen nicht mehr attraktiv?

Schmidtlein: Das ist  eine Unterstellung. Kirche hat für die an Attraktivität verloren, die keinen Bezug zu ihr haben. Viele erleben Kirche im Elternhaus nicht mehr. Dann haben wir auch eine immer größere Dienstleistungsmentalität in der Gesellschaft. Die Leute sind nicht mehr einfach Teil einer Gemeinschaft, weil sie sich zugehörig fühlen, sondern sie werden irgendwo Mitglied, wenn sie einen unmittelbaren Nutzen davon für sich ziehen können. Auf der anderen Seit sehe ich aber auch, dass die Zahl von Menschen, die sich ehrenamtlich in unserer Gemeinde engagieren, kontinuierlich gestiegen ist.

Nehmen Sie mit den Menschen, die austreten, Kontakt auf?

Schmidtlein: Ja, sie bekommen von uns in der Regel einen Brief, in dem wir sie nach den Gründen für den Kirchenaustritt fragen. Zehn bis 20 Prozent antworten. Nur wenige äußern gezielte Kritik.

Enttäuscht Sie das?

Schmidtlein: Ich möchte es einmal so formulieren: Wenn Menschen aus begründeten Erfahrungen aus der Kirche austreten, kann ich daraus etwas lernen und damit besser umgehen. Fakt ist, dass die Beziehung zu den Menschen wichtig ist und dass wir diese noch stärker aufnehmen müssen als das früher der Fall war.

Wie wollen Sie die Leute denn erreichen, die aus der Kirche ausgetreten sind oder keine Beziehung zu ihr haben?

Schmidtlein: Wir erreichen sie zum Beispiel über Tauf- oder Hochzeitsgottesdienste, wo Leute dabei sind, die sonst nicht in die Kirche kommen. Diese Gottesdienste wirken, wenn sie Atmosphäre ausstrahlen, verständlich, lebendig und menschenfreundlich sind.  Außerdem erreichen wir viele durch unsere starke sozialdiakonische Arbeit, mit der sie sich identifizieren und bei der sie zum Teil mitmachen.

Und das ist auch okay?

Schmidtlein: Völlig okay. Der Glaube hat doch immer zwei Seiten: das unmittelbare Erleben von religiösen Gefühlen und das gemeinsame Tun.

Führt das Wegbrechen von Gemeindemitgliedern eigentlich auch zu finanziellen Schwierigkeiten?

Schmidtlein: Auf Dauer ja. Durch die gute Konjunkturlage sind unsere Kirchensteuermittel aber im vergangenen Jahr noch gestiegen. Was uns Probleme bereitet, sind landeskirchliche Umlagen für die  Versorgungskasse und die Tatsache, dass die Evangelische Kirche im Rheinland auf ein kaufmännisches Buchungswesen umgestellt hat. Das bringt zum Beispiel mit sich, dass wir jetzt für unsere Gebäude neben einer Instandhaltungspauschale auch Abschreibung für den Werteverlust einstellen. Das wirkt sich auf die liquiden Mittel aus, die wir brauchen um Personal zu bezahlen oder Projekte zu finanzieren. Das bringt Gemeinden in echte Schwierigkeiten.

Heißt das, dass die Evangelische Kirche sich ähnlich wie die katholische von Gebäuden trennen muss?

Schmidtlein: Vieler Orts ja. Hier in Düren denken wir  nicht darüber nach. Wir haben nur fünf Gemeindezentren bei neun Pfarrbezirken.

Sie haben es selbst angesprochen: Jedes Jahr sterben rund 200 Gemeindemitglieder. Überhaupt wird der demografische Wandel sich nicht positiv auf Ihre Mitgliederzahlen auswirken. Was tun Sie, um gezielt Jugendliche anzusprechen?

Schmidtlein: Wir haben unsere Jugendarbeit intensiviert und andere Kommunikationswege, also neue Medien wie Facebook oder Whats-App aktiviert. Problematischer als die Jugendlichen sind für uns die jungen Erwachsenen. Düren ist keine Hochschulstadt, zur Ausbildung oder zum Studium sind viele einfach weg

Die Zahl der Kirchenaustritte steigt, gleichzeitig ist zu beobachten, dass die Menschen Sehnsucht nach einem spirituellen Angebot haben. Warum finden die meisten das nicht bei den Amtskirchen?

Schmidtlein: Einige kommen  schon zu uns zurück, und wir verzeichnen sogar einen leichten Anstieg der Gottesdienstbesucher. Es gibt aber die Tendenz, dass Menschen in einer immer komplizierter werdenden Gesellschaft, überschaubare Gemeinschaften mit einfachen Antworten suchen. Wir verlieren auch Gemeindemitglieder an freikirchliche Gemeinschaften. Da gibt es viel weniger Mitglieder, die man alle kennen kann, feste Regeln, an die man sich halten muss und vorgefertigte Antworten. Eine Flucht vor der Kompliziertheit des Lebens und des Miteinanders ist aber nicht unser spiritueller Weg. Für uns ist der Glaube immer eine Auseinandersetzung mit dem Leben wie es eben ist, und darin etwas Befreiendes, Hilfreiches, Aufrichtendes.

Wo sehen Sie die Evangelische Gemeinde zu Düren in 20 Jahren?

Schmidtlein: Immer noch hier. In 20 Jahren wird unsere sozialdiakonische Arbeit ein wichtiges Standbein der Gemeinde sein. Vielleicht haben wir vier Pfarrstellen weniger als heute. Es wird eine überschaubarere Anzahl von Menschen geben, die als Kerngruppe die Glaubenstraditionen aufrecht halten.

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