Niederzier - Nach dem Tagebau Hambach: „Wir werden Visionen entwickeln müssen“

Nach dem Tagebau Hambach: „Wir werden Visionen entwickeln müssen“

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Noch einige Jahre werden sich die Schaufelradbagger im Tagebau Hambach in die Erde wühlen. Aber was kommt danach? Langsam müssen die Planungen beginnen.
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Niederziers Bürgermeister Hermann Heuser (SPD).

Niederzier. Voraussichtlich bis zum Jahr 2045 wird RWE im Tagebau Hambach Braunkohle abbauen. Aus Sicht von Niederziers Bürgermeister Hermann Heuser (SPD) ist es daher höchste Zeit, sich mit der Planung der Tagebau-Folgelandschaft zu beschäftigen, abgestimmt mit allen Anrainerkommunen und auf Augenhöhe, wie er im Gespräch mit DZ-Redakteur Jörg Abels betont.

Herr Heuser, Montagabend treffen sich auf Burg Obbendorf in Hambach Mitglieder aller Stadt- und Gemeinderäte der Anrainerkommunen des Tagebaus Hambach und der Kreise Düren und Rhein-Erft, um einen symbolischen Startschuss zur gemeinsamen Gestaltung der Tagebaunachfolgelandschaft zu setzen. Warum jetzt schon?

Heuser: Wir alle spüren derzeit, dass die Energiewende in Deutschland Fahrt aufgenommen hat. Es ist deshalb höchste Zeit, dass wir uns analog zum Indeland abstimmen, wie das Umfeld des Tagebaus Hambach gestaltet wird. Ich werbe bereits seit drei Jahren dafür, dass sich die Anrainerkommunen zusammensetzen. Nach zwei informellen Gesprächsrunden kam aber der Wunsch meiner zwei mittlerweile ausgeschiedenen Kollegen aus Elsdorf und Kerpen, das Thema auf die Zeit nach der Bürgermeisterwahl 2015 zu vertagen, damit sich ihre Nachfolger einarbeiten können. Das ist jetzt der Fall.

Wie könnte die Zusammenarbeit aus Ihrer Sicht aussehen?

Heuser: Wir wollen am Montagabend einen Prozess starten, an dessen Ende idealerweise ein sich immer weiterentwickelnder Masterplan steht, der wirtschaftliche und landwirtschaftliche Aspekte ebenso aufgreift wie städtebauliche und touristische, beispielsweise in Form einer Inwertsetzung der Sophienhöhe und der späteren Seenlandschaft.

Ohne einen gemeinschaftlichen Ansatz aller Kommunen, der beteiligten Kreise, der Landes- und Bezirksplanungsbehörden, des Bergbautreibenden und natürlich der Menschen und der Wirtschaft in der Region wird der Strukturwandel nicht gelingen. Ich spreche von einer Zusammenarbeit auf Augenhöhe und mit großem Vertrauen.

Wie soll das in der Praxis aussehen? Wird es analog zum Indeland eine Entwicklungsgesellschaft geben?

Heuser: Nach dem symbolischen Startschuss sollten wir im Kreise der Bürgermeister so schnell wie möglich auf der Ebene der Fachverwaltungen ein „Team Hambach“ mit Experten aus unseren Rathäusern ins Leben rufen, die bis Jahresende konkrete Vorschläge erarbeiten, die Grundlage der Beratungen in den jeweiligen Räten sein sollen.

Welche Rechtsform die neue Struktur haben wird, ob GmbH oder Planungsverband, ist noch vollkommen offen. Klar muss auf jeden Fall sein: Wir werden finanzielle Ressourcen einbringen müssen, um Personal mit einer eigenen Geschäftsstelle einstellen zu können. Dabei erwarte ich auch eine Beteiligung des Bergbautreibenden.

Obwohl die Zeit der sprudelnden Gewinne bei RWE vorbei ist?

Heuser: Wir haben in ersten Gesprächen positive Signale der Unterstützung erhalten.

Warum muss es überhaupt eine neue Struktur geben? Mit der Indeland GmbH und der Innovationsregion Rheinisches Revier (IRR) gibt es ja bereits zwei Organisationen, die den Strukturwandel in der Region begleiten.

Heuser: Die Indeland GmbH jetzt auf den Tagebau Hambach auszuweiten, wäre aus meiner Sicht auch mit Rücksicht auf die Rhein-Erft-Kommunen nicht angemessen und sinnvoll. Die Rahmenbedingungen sind teils andere. Nicht nur, dass der Hambacher See mit wie heute geplant rund 4000 Hektar drei- bis viermal größer als der Indener See werden wird.

Es sind Kommunen aus gleich zwei Kreisen involviert. Und die Interessen der westlichen Anrainer sind schon heute teils andere als die der östlichen. Die erfolgreich wirkende Indeland GmbH kann uns als Vorbild dienen, wir werden aber unsere eigenen Strukturen erarbeiten müssen. Ich bin überzeugt, dass wir in den kommenden 20 bis 25 Jahren viele spannende Prozesse erleben werden.

Und welche Rolle kann dabei die IRR spielen?

Heuser: Die IRR soll als Dachorganisation im Auftrag der Landesregierung das gesamte Rheinische Revier im Auge behalten, die Bemühungen vor Ort an den drei Tagebauen Hambach, Inden und Garzweiler unterstützen, koordinieren, dass nicht drei Mal die gleichen Ideen vorangetrieben werden, und dafür sorgen, dass die gesamte Region für die Menschen interessant wird und bleibt.

Was könnten Sie sich rund um den Hambachsee vorstellen?

Heuser: Wir benötigen Gewerbe-, landwirtschaftliche und Wohnbauflächen, was schon in den kommenden Jahren bei der weiteren Verfüllung und Tagebauumfeldgestaltung berücksichtigt werden muss. Noch sollten wir zum Beispiel beeinflussen, ob der See 3500 oder 4000 Hektar groß wird. Diese Chance müssen wir nutzen. Letztlich geht es vordringlich um die Schaffung neuer Arbeitsplätze, die mittel- und langfristig in der Braunkohle wegfallen.

Und darüber hinaus?

Heuser: Wir werden Visionen entwickeln müssen, etwa zu den Themen „Wohnen am See“ oder „Energetische Nutzung des Sees“, die allesamt spannend sind. Wichtig wird auch sein, dass wir alte Verkehrsverbindungen zwischen dem Kreis Düren und dem Rhein-Erft-Kreis, etwa entlang des nördlichen Seeufers, wiederherstellen.

Gehört dazu auch ein Bruder des „Indemanns“, sprich ein weithin sichtbares Erkennungsmerkmal?

Heuser: Auch wir werden eine weithin sichtbare Landmarke benötigen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass einmal ein für Besucher begehbarer, ausrangierter Schaufelradbagger als eine Art Industriedenkmal das Eingangsportal zum Hambachsee prägen wird, in Sichtweite der Sophienhöhe, verbunden mit einem kleinen Museum, in dem sich künftige Generationen über die Historie des Braunkohleabbaus, des Tagebaus Hambach und die Entstehung der Sophienhöhe informieren können.

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