Medienkrise? Digitale Chancen nutzen statt über Gegenwart jammern

Von: Thorsten Pracht und Stephan Johnen
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AZ/AN-Chefredakteur Professor Bernd Mathieu (r.) diskutierte auf Einladung der Mittelstandsunion unter anderem mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Thomas Rachel, Geschäftsführer Bernd Ramakers, dem Kreisvorsitzenden Rolf Delhougne und seinem Stellvertreter Michael Hommelsheim, von rechts) über „Regionale Medien zwischen Print und digitaler Zukunft“. Foto: sj

Merode. Medienkrise? Sinkende Auflagen? Wer Trübsal erwartet hatte, wurde am Dienstag auf Schloss Merode eines Besseren belehrt. Auf Einladung der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU im Kreis Düren sprach Professor Bernd Mathieu, Chefredakteur von Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten, bei einem Kamingespräch über die Zukunft des Journalismus.

Wie ist die aktuelle Situation?

Eines stellte Mathieu gleich klar: „Ich möchte den Abend nicht dazu nutzen, den Journalismus der Zukunft mit dem Jammern über den Journalismus der Gegenwart zu beschreiben. Dazu besteht überhaupt kein Anlass.“ Durch den digitalen Bereich hätten die Medien neue Chancen erhalten. Auflagenrückgänge habe es schon immer gegeben. Der große Unterschied sei, dass der Rückgang heute nicht mehr durch neue Leser der gedruckten Zeitung kompensiert würde. „Meine Studenten an der FH würden nie auf die Idee kommen, eine gedruckte Zeitung zu lesen“, sagte Mathieu, der an der Fachhochschule Aachen als Dozent im Studiengang Media and Communications for Digital Business tätig ist.

Welche Herausforderungen bringen digitale Medien mit sich?

„Wir erleben eine Auflösung des Sender-Empfänger-Prinzips“, sagte Mathieu. Die Funktion des Journalisten als „Gatekeeper“, also des Schleusenwärters für Informationen, sei aufgelöst. Jeder könne sich jederzeit über jedes Thema informieren – und seinerseits die Rolle des Kommentators übernehmen. „Die Probleme von Medien und Parteien sind ähnlich gelagert: Das Vertrauen in tradierte Sender ist teilweise verloren gegangen – das betrifft Medien, Parteien, Gewerkschaften oder Kirchen“, erklärte Mathieu. Dabei zeigen Studien, dass die regionale Tageszeitung von den Deutschen immer noch als das vertrauenswürdigste Medium bewertet wird – weit vor dem Internet. Mathieu betonte: „Wenn sich jemand digital informiert, ist das völlig ok. Ich mache mir Sorgen um die Menschen, die sich überhaupt nicht mehr informieren.“

Wie hat der Zeitungsverlag Aachen auf die neue Ausgangslage reagiert?

Zunächst durch die Einführung einer sogenannten Bezahlschranke auf den Internetseiten. „Bis dahin war unser Online-Angebot kostenlos. Es kann nicht sein, dass gut recherchierte und mit einem gewissen Personalaufwand produzierte journalistische Inhalte einfach verschenkt werden“, sagte Mathieu. Einige Tausend Abonnenten sind mittlerweile für die kostenpflichtigen Inhalte registriert, teilweise als reine Online-Leser, teils in Kombination mit einem Print-Abonnement.

Zusätzlich kann jede Lokalausgabe seit vielen Jahren auch als E-Paper auf dem Computer zu Hause oder im Büro gelesen werden. Mit der digitalen Abendzeitung „Am Abend“ sei vor wenigen Monaten ein zusätzliches Produkt für Tablets an den Markt gegangen, das wochentags ab 19 Uhr abrufbar ist.

Den veränderten Anforderungen an modernen Journalismus trägt der Zeitungsverlag auch bei der Ausbildung seiner Volontäre Rechnung. „Wir haben diese Form der Multimedia-Ausbildung mit sehr renommierten Partnern entwickelt“, erläuterte Mathieu. So durchlaufen Jung-Journalisten diverse Stationen außerhalb des Aachener Medienhauses: Ob Westdeutscher Rundfunk, RTL-Journalistenschule, der TV-Sender Phoenix, die Redaktion von „Hart aber fair“, der Sender Antenne AC und das Zentrum für Europäische Politik Freiburg, Unternehmen und Hochschulen. „Unsere Leute sollen sehen, wie anderswo gearbeitet wird. Sie sollen wissen, was in der Region erforscht oder produziert wird“, sagte Mathieu. Der Effekt der Multimedia-Ausbildung sei ein deutlicher Anstieg der Bewerbungen guter Absolventen.

Wie sieht die Zukunft aus?

„Wenn wir die Reichweite unser gedruckten Ausgaben und des E-Papers addieren, haben wir nach wie vor eine beachtliche Reichweite“, zeigte Mathieu auf. Die gedruckte Zeitung sei weiter die stärkste Säule. „Aber heute gibt es noch andere Säulen, das war früher nicht so.“ Aufgabe sei es, auch in Zukunft zusätzliche Geschäftsfelder zu erschließen, um guten Journalismus finanzieren zu können: Leserreisen, Fortbildungen, Ticketverkauf oder die Vermarktung von Veranstaltungen. „Wenn die Verlage das intelligent machen, haben sie eine gute Perspektive“, schloss Mathieu.

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