Kleiner Waffenschein: Nachfrage auch an der Rur gestiegen

Von: Stephan Johnen
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Die Auswahl an Schreckschusspistolen ist groß. Wer sie führen möchte, muss einen Kleinen Waffenschein haben. Foto: imago/Lars Berg
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Gerhard Bliersbach ist Diplom-Psychologe. Foto: Johnen
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Kriminalhauptkommissar Dietmar Schorn. Foto: Johnen

Kreis Düren. Gründe, sich eine Schreckschusspistole zuzulegen, mag es viele geben. Angst vor einem Überfall, vor dem Unbekannten, ein Gefühl der Unsicherheit auf öffentlichen Plätzen und Straßen. „Ich wage aber zu bezweifeln, dass Schreckschusspistolen und Pfefferspray die Welt zu einem sichereren Ort machen“, sagt der Psychologe Gerhard Bliersbach, der viele Jahre in der LVR-Klinik Düren gearbeitet hat, im Gespräch mit unserer Zeitung.

Die zunehmende Aufrüstung der Zivilgesellschaft betrachtet er mit Sorge. Allein im Kreis Düren wurden bis Ende September 616 Anträge auf einen sogenannten Kleinen Waffenschein bei der Polizei gestellt. Wer eine Schreckschusspistole im Alltag führen möchte, muss diese Genehmigung besitzen. Seit den Übergriffen auf der Kölner Domplatte in der Silvesternacht ist die Nachfrage nach dem Kleinen Waffenschein auch an der Rur gestiegen. Dramatisch sogar.

„Menschen haben Angst“

Seit Verschärfung des Waffengesetzes im Jahr 2003 wurden im Kreis Düren 858 Kleine Waffenscheine ausgestellt. Dass davon alleine 616 im laufenden Jahr beantragt wurden, kann kein Zufall sein. „Die Menschen haben Angst“, sagt Gerhard Bliersbach. Angst vor einem Kontrollverlust, Angst vor einer bedrohlichen Situation, die zunächst nur als „Entwurf einer Möglichkeit“ bestehe. Die Frage, ob die Welt tatsächlich gefährlicher geworden ist, spiele im Prinzip oft gar keine Rolle mehr. Es gehe vielmehr um gefühlte Bedrohungen, ja vielleicht sogar Fantasien. „Defensive Fantasien, leicht mörderisch getönt“, sagt Bliersbach.

„Wir alle träumen davon, als Retter aufzutauchen, wenn jemand in einer Notsituation ist, wie in einem alten Western“, übertreibt der Psychologe ganz bewusst etwas. Dennoch stecke hinter der Anschaffung einer Schreckschusswaffe vielleicht der Wunsch, wieder die Kontrolle zu erlangen, niemals zum Opfer zu werden, vielleicht sogar Rache zu üben. Soweit die Theorie, die Fantasie.

„Es ist aber eine sehr naive Vorstellung, einen Angreifer mit einer Schreckschusspistole auf die Knie zwingen zu können und eine brenzlige Situation kontrollieren zu können“, warnt der Psychologe vor falschen Rückschlüssen. „Jede Waffe, die ins Spiel kommt, mischt die Karten neu“, sagt er. Selbst die Situation eines Überfalls sei zunächst offen – niemand müsse verletzt werden. „Was aber passiert wohl, wenn plötzlich jemand eine Waffe zieht, die nicht ohne Weiteres als Schreckschusspistole zu erkennen ist?“, fragt Bliersbach.

Die Chance auf Deeskalation jedenfalls sei damit verspielt. Statt mehr Sicherheit gebe es mehr Unsicherheiten. „Die britischen Streifenpolizisten sind nicht ohne Grund unbewaffnet“, sagt der Psychologe. „Das Fehlen einer Waffe trägt oft schon zur Konfliktlösung bei.“ Es gebe andere Möglichkeiten, sich zu verteidigen, auf eine Notsituation aufmerksam zu machen und Hilfe zu holen als der Einsatz von Schreckschusspistolen, sagt Gerhard Bliersbach.

In dieses Horn stößt auch Dietmar Schorn vom Kriminalkommissariat Kriminalprävention der Kreispolizeibehörde. „Treten Sie in einer bedrohlichen Situation selbstbewusst auf, machen Sie mit lautem Schreien auf sich aufmerksam“, sagt Schorn. Bewährt hätten sich auch „Schrill-Alarm-Geräte“, die nach einer Aktivierung im Notfall laute Töne ausstoßen. „Öffentlichkeit herstellen“, nennt der Kriminalhauptkommissar das. Zeugen sollten umgehend den Notruf wählen und nach Möglichkeit eingreifen. „Aber auch gute Beschreibungen von Tätern helfen uns weiter“, bittet Schorn darum, dass sich Zeugen bei der Polizei melden. Dies geschehe noch zu selten.

Vom Einsatz von Schreckschusspistolen oder Pfeffersprays rät Dietmar Schorn generell ab. „Schreckschusswaffen täuschen eine Sicherheit vor, die Wirkung ist aber nicht kalkulierbar“, sagt er. Jede Unsicherheit in der Handhabung könne zudem fatale Folgen haben. Der Einsatz von Abwehrsprays ziehe, wenn Personen verletzt werden, auch ein Ermittlungsverfahren nach sich.

„Ich empfehle allen Menschen, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und angesichts von bedrohlich wirkenden Gruppen oder Personen lieber einen längeren Weg in Kauf zu nehmen oder die Straßenseite zu wechseln“, rät Schorn. „Verlassen Sie sich auf Ihr Bauchgefühl“, rät er. Sinnvoll seien auf jeden Fall Selbstverteidigungs- und Selbstbehauptungskurse. „Ausgebildete Trainer der Polizei begleiten zum Teil solche Kurse“, erklärt der Kommissar.

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