Glocke der Kirche St. Cyriakus muss schweigen

Von: Burkhard Giesen
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Die Glocke der katholischen Kirche St. Cyriakus muss nach einer Beschwerde nachts schweigen. Foto: Burkhard Giesen

Niederau. „Cyriakus vocar“ ist der Name der Glocke, die am 14. November 1948 in der Niederauer Pfarrkirche geweiht wurde. Gestiftet wurde sie direkt nach dem Krieg von der St. Cyriakus-Schützenbruderschaft. „Vocar“ leitet sich vom Lateinischen ab, bedeutet „Der Rufer“.

Fast 70 Jahre lang hat die elf Zentner schwere Glocke treu ihren Dienst erfüllt und zur vollen Stunde gerufen. Das tut sie jetzt nicht mehr, zumindest nicht in der Zeit zwischen 22 Uhr abends und 7 Uhr morgens. Der Grund: Ein Bürger aus Niederau hat sich über die nächtliche Ruhestörung beschwert.

„Die Zeiten ändern sich. Inzwischen beschweren sich Menschen auch über das Läuten einer Glocke“, sagt Pfarrer Ernst-Joachim Stinkes, der allerdings selbst für ein nächtliches Schweigen von Kirchenglocken ist und das Thema nicht sonderlich spannend findet. „Es lohnt sich nicht, sich über solche Dinge zu streiten. Es gibt dringendere Probleme in der Welt“, sagt der Pfarrer, der durchaus Verständnis dafür hat, wenn sich jemand durch den nächtlichen Stundenschlag gestört fühlt. „Wer im Schichtdienst arbeitet, wird vielleicht seine Ruhe haben wollen“, sagt er, während er gleichzeitig auch die Bürger verstehen kann, die sich darüber ärgern, dass eine jahrzehntelange Tradition aufgegeben wird.

Unsere Leserin Gerda-Marie Fackeldey zum Beispiel: „Ich habe kein Verständnis für den die beschwerdeführenden Anwohner. Das Stundenläuten ist doch nicht erst im letzten Jahr eingeführt worden“, schreibt sie uns. „Wer in Niederau aufgewachsen ist, kennt das Läuten von frühester Kindheit an. Wer zugezogen ist, hat doch gewusst oder musste angesichts des Kirchturms wissen, dass ein nächtliches Stundenläuten stattfindet. Ich betrachte deshalb die Beschwerde über das Stundengeläut als Ausleben eines gewissen Egoismus auf Kosten der meisten Bewohner Niederaus, die nun die liebgewonnene Stundenschläge vermissen. Nicht das Stundengeläut ließ sie wach werden, sondern das nunmehrige Schweigen der Glocken lässt die Leute aufwachen“, betont Frau Fackeldey.

Und die rechtliche Grundlage? Im Jahr 1992 hat sich das Bundesverwaltungsgericht mit einem ähnlichen Fall auseinandergesetzt und einen Geräuschpegel von 60 Dezibel als Grenzwert für den nächtlichen Stundenschlag einer Glocke festgelegt – orientiert an der „Technischen Anleitung zum Schutz gegen Lärm“.

Tradition spielt da keine Rolle, wie die Richter in ihrer Begründung feststellten: „Allein unter Berufung auf die ‚traditionelle Präsenz‘ der Kirche, die sich im regelmäßig wiederkehrenden Glockenzeitschlag ausdrückt, kann jedenfalls heute den Nachbarn zur Nachtzeit kein stärkerer Lärm angesonnen werden, als sie nach der allgemeinen Schutzwürdigkeit des von ihnen bewohnten Gebiets üblicherweise hinzunehmen hätten.“

Das weiß auch Gerda-Marie Fackeldey: „Rechtlich gesehen mag das Verlangen nicht zu beanstanden sein“, betont sie und hat auch Verständnis dafür, dass die Pfarrgemeinde kein teures Schallschutzgutachten in Auftrag gibt und sich nicht auf einen Rechtsstreit einlassen will. Dass aber ein einzelner Bürger die nächtliche Ruhe erzwingen konnte, ärgert sie dennoch: „Einer von knapp 2500 Bewohnern Niederaus fühlt sich in seiner Nachtruhe gestört. Wenn das nicht eine satte Mehrheit ist, die diesen ‚Glexit‘ verlangt hat“, merkt sie nur resignierend an.

Vielleicht hilft da nur, dass Schweigen der Glocke ähnlich gelassen zu sehen wie Pfarrer Stinkes: „Für mich ist das ein banaler Streit. Die Welt brennt mehr.“

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