„Frauen helfen Frauen“: Verein hilft bei Gewalt

Von: Katrin Fuhrmann
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Wenn Frauen häusliche Gewalt erleben und gedemütigt werden, verschweigen sie das häufig – aus Angst und Scham. Foto: stock/Westend61, Fuhrmann
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Sonja Waltl (l.) und Petra Müller setzen sich gegen Gewalt an Frauen ein.

Kreis Düren. Immer wieder schlägt Max Anna mit der flachen Hand ins Gesicht. Er stößt sie in eine Ecke des Schlafzimmers und tritt mehrmals auf sie ein. „Was mache ich nur falsch, dass er mich immer wieder schlägt? Habe ich es vielleicht verdient?“ Fragen, die sich Anna jeden Tag stellt. Bis zu dem Tag, an dem sie den Schmerz und die Demütigungen nicht mehr aushält und die Notbremse zieht. Sie zieht ins Frauenhaus.

Im Rahmen des weltweiten Tanzaktionstages gegen Gewalt an Frauen „One Billion Rising“ (eine Milliarde erhebt sich) wollen Sonja Waltl und Petra Müller vom Verein „Frauen helfen Frauen“ darauf aufmerksam machen, dass Gewalt an Frauen nicht erst jetzt ein Thema ist. „Nach den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln waren viele Menschen schockiert, was dort passiert ist. Ich glaube, dass vielen gar nicht bewusst ist, dass Gewalt an Frauen ein alltägliches Problem ist“, sagt Petra Müller, Vorstandsmitglied von „Frauen helfen Frauen“. Da viele Frauen, die misshandelt oder vergewaltigt werden, sich zurückziehen und mit niemanden über die Vorfälle sprechen, rücke das Thema häufig in den Hintergrund.

Die 34-jährige Anna hat den Absprung geschafft und ihr Schweigen gebrochen. Sie ist damit eine von wenigen Frauen, die häusliche Gewalt erfahren, und den Mut wagen, ihren Mann zu verlassen und einen Neustart wagen. „Die Dunkelziffer ist hoch. Rund 90 Prozent der Frauen bewahren Stillschweigen darüber, was ihnen widerfahren ist“, sagt Waltl, die seit 2009 im Frauenhaus arbeitet.

Anna beginnt im Frauenhaus, sich mit ihrer Situation auseinanderzusetzen. Sie fängt an, über ihre Ängste und ihre Scham zu sprechen. Der Austausch mit den anderen Frauen tut ihr gut. Sie versteht endlich, dass sie keine Schuld daran hat, dass ihr Mann sie geschlagen hat. Sie stellt fest, dass sie viel stärker ist, als sie immer geglaubt hat. Sie merkt schnell, dass sie etwas kann und in ihr so viel mehr steckt, als ihr Mann ihr eingeredet hat.

„Viele Frauen, die zu uns kommen haben einen Migrationshintergrund. Sie wissen nicht, dass sie ein Recht haben, gewaltfrei zu leben, weil sie es aus ihren Herkunftsländern und ihrer Kultur anders kennen“, erzählt Waltl. Männer mit Migrationshintergrund würden ihre Frauen häufig daran hindern, sich zu integrieren. Frauen hätten selten die Möglichkeit, eigenständig zu agieren. „Bei vielen Frauen fängt das Leben leider erst an, wenn sie ihre Männer verlassen haben“, sagt Müller. Seit 1991 arbeitet sie in unterschiedlichen Funktionen bei dem Verein und hat viele Erfahrungen sammeln können.

Im vergangenen Jahr wurden 41 Frauen im Dürener Frauenhaus aufgenommen. Mehr als 100 Frauen haben das Gespräch in der Beratungsstelle von „Frauen helfen Frauen“ gesucht. Zahlen die zwar nicht aussagekräftig sind, weil sie die vielen Frauen, die schweigen, nicht erfassen, aber die dennoch zeigen, dass Gewalt immerzu vorkommt.

„Es spielt keine Rolle, wie alt jemand ist, woher er kommt oder welche Religion er hat, Gewalt an Frauen ist zu jeder Zeit ein absolutes ‚No-Go‘ und darf in keinem Fall verschwiegen werden“, sagt Müller.

Sexuelle Nötigung, Vergewaltigung, Schläge oder auch psychische Demütigung – die Formen der häuslichen Gewalt seien vielfältig, aber alle in gleicherweise ein Tabuthema. Daher sei es wichtig, immer wieder darauf aufmerksam zu machen, dass Gewalt an Frauen ein Thema ist, dass es in jeder Stadt zu jeder Zeit gebe. Frauen dürften keine Scham oder Angst haben, sich zu öffnen und sich jemandem anzuvertrauen.

„Die Vorfälle in der Silvesternacht haben dazu geführt, dass die Öffentlichkeit auf das Thema aufmerksam geworden ist. Das Thema stand immer im Schatten. Es steht noch nicht im Licht, aber es tritt langsam hervor“, sagt Müller. Sie wünscht sich, dass auch Frauen, die in Harmonie mit ihren Männern zusammen leben, ihre Stimme für andere Frauen erheben.

Anna hat mittlerweile den Entschluss gefasst, nicht mehr zu ihrem Mann zurückzukehren. Sie will auf eigenen Beinen stehen und endlich ihr Leben genießen.

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