Falsche Identität auch im Kreis Düren alltägliches Problem

Von: Guido Jansen
Letzte Aktualisierung:
13829189.jpg
Die Sicherheitslücke ist geschlossen: Ein Ankunftsnachweis ist gebunden an das Erfassen der Fingerabdrücke. Foto: dpa

Kreis Düren. Die Namen der Beteiligten sind im Folgenden verändert. Trotzdem geht es um Identitäten. Um mehrfache Identitäten, die Asylsuchende in Deutschland möglicherweise haben. 14 hatte der Attentäter von Berlin, Anis Amri, der im Dezember mit einem gekaperten Lastwagen in einen Weihnachtsmarkt gerast war und zwölf Menschen ermordet hat.

Ein sogenannter Gefährder mit mehreren Identitäten, wie Amri einer war, ist laut Polizei in der Aachener Region nicht bekannt. Das hat eine Nachfrage unserer Zeitung ergeben. Allerdings beschäftigen Mehrfach-Identitäten bei Asylsuchenden die Behörden im Moment immer häufiger. Das bestätigen die Polizei – und der Kreis Düren. Eine Statistik dazu hat das Ausländeramt des Kreises bisher zwar nicht erfasst. Aber: „Bei uns ist das im Moment Alltag“, sagt Dezernent Dirk Hürtgen.

Hürtgen nennt zwei Gründe, die Asylsuchende dazu bringen, bei ihrer Identität zu betrügen. „Entweder will man mehrfachen Leistungsbezug, oder man will einen anderen Aufenthaltstitel erzielen“, erklärt Hürtgen. Menschen haben also mehrere Identitäten, weil sie entweder an mehreren Orten Geld von den Ämtern abgreifen wollen. Oder sie geben sich beispielsweise als Syrer aus, obwohl sie Marokkaner sind, um ihre Chancen auf eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhöhen. Beides ist strafbar, aber laut Polizei derzeit keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit.

Wer saß im Taxi?

Trotzdem hat die Bluttat von Berlin einen Taxifahrer aus dem Jülicher Land zum Nachdenken gebracht. „Ich habe mich nach Berlin oft gefragt, wer damals immer bei mir im Taxi gesessen hat“, sagt B. gegenüber unserer Zeitung. Damals, das war bis vor zwei Jahren. Da hat B. mehrmals im Monat einen Mann mit dem Taxi gefahren. Der Fahrgast, nennen wir ihn S., hatte ein sogenanntes Mobilticket für Bus und Bahn, einen Beförderungsausweis vom Amt, der monatlich neu ausgestellt werden muss. Abends, wenn die Verbindungen nicht mehr zustande kommen, zahlt das Amt auch ein Taxi. „Als Fahrer füllt man dann einen Fahrauftrag aus, der mit dem Amt abrechnet wird. Der Fahrgast muss unterschreiben. Deswegen kann ich mich gut an S. und seinen Namen erinnern. Er ist oft mit mir gefahren.“

Deswegen hat B. ihn auch wiedererkannt, als S. im November mit zwei anderen Männern versucht hat, im größeren Stil in einem Jülicher Supermarkt zu klauen. B. rief die Polizei, allerdings hätten die drei Männer fliehen können.

Im Dezember laufen sich B. und S. wieder über den Weg, B. informiert die Polizei, die kann S. danach aufgreifen. Dass B. später als Zeuge gehört werden würde, war ihm bewusst. „Ich dachte, dass die Sache damit erledigt ist. Schließlich war für mich klar, wer S. ist. Aber das war erst der Anfang.“

Die zwei Männer, die die Polizei unter den Namen S. kannte, kamen als Täter nicht infrage. Auch die Fotos passten nicht. Der Polizist habe ihm dann noch das Foto des Mannes gezeigt, der im Dezember nach seinem Hinweis geschnappt worden sei. Das war der Mann, den B. als S. kannte, allerdings hatte er in der Polizeiakte einen anderen Namen. Seitdem hat der Mann, der mutmaßlich aus Marokko stammt, doppelten Ärger: wegen Ladendiebstahls und wegen der falschen Identität.

Zwei Gründe kann es heute noch für solche doppelten Identitäten geben. Die Kreispolizeibehörde teilte mit, dass es vorkomme, dass Asylsuchende erkennungsdienstlich behandelt werden, dabei vorgeben, keine Dokumente bei sich zu haben und einen falschen Namen nennen. Dieser Name ist dann bei der Polizei gespeichert. Bis das Gegenteil bewiesen ist, ändert sich daran nichts.

Eine Art Daten-Sicherheitslücke hat es während der großen Flüchtlingswelle 2015 gegeben. Laut Dirk Hürtgen vom Kreis Düren seien die Behörden damit beschäftigt gewesen, dafür zu sorgen, dass jeder ein Dach über dem Kopf hat. Das Registrieren habe nicht wasserdicht funktioniert, weil die Zeit gefehlt habe, Fingerabdrücke zu nehmen. „Es gibt Menschen, die das genutzt haben“, sagt Hürtgen heute.

In Düren-Gürzenich gibt es eine Flüchtlingsnotunterkunft im ehemaligen Bundeswehr-Munitionsdepot. 2015 seien Menschen, die über die Balkanroute gekommen seien, direkt von Salzburg nach Gürzenich gebracht worden. Sie seien erfasst worden, ohne Fingerabdruck, und wenige Tage später waren sie weg. Der Verdacht liegt nahe, dass sie sich an einem anderen Ort erneut registriert haben könnten, unter anderem Namen.

Sicherheitslücke geschlossen

Mittlerweile ist die wegen der fehlenden Fingerabdrücke entstandene Sicherheitslücke geschlossen. Heute wird jeder, der einreist, komplett erfasst. Und die versäumten Fingerabdrücke im Kreis Düren seien laut Hürtgen bis September eingeholt worden. Das ist nicht ohne Folgen geblieben. Denn seit alles wieder über Fingerabdrücke und eine Europa-weite Datenbank läuft, fallen die Mehrfach-Identitäten auf. Bei der Ausländerbehörde des Kreises sei das Alltag geworden. „Entweder stellen wir dann eine Strafanzeige, oder das Sozialamt macht das“, erklärt Hürtgen. Oder die Behörde übergibt die Unterlagen an die Verwaltung am aktuellen Aufenthaltsort des Verdächtigen.

Dass Fälle wie die 14 Identitäten des Anis Amri heute noch einmal neu entstehen können, schließt Hürtgen aus. Der Berlin-Attentäter habe eine Lücke im System ausgenutzt, und zwar „mit massiver krimineller Energie“. Die Lücke sei geschlossen. Eine Garantie sei das nicht. Aber die häufigen Fälle von nachgewiesenem Betrug derzeit bewiesen, dass das System greift.

Ob das mulmige Gefühl verschwindet, dass B. im Bezug auf seinen damaligen Fahrgast beschlichen hat, vermag er nicht zu sagen. „Es war immer beruhigend, zu wissen, wen man da im Auto sitzen hat. Dass das möglicherweise häufiger nicht der Fall war, gibt mir doch zu denken“, sagt er.

Ein Vergehen, das ausschließlich bei Asylsuchenden zu finden ist, sei der Versuch der Täuschung mit falscher Identität laut Polizei übrigens nicht. Vor allem mehrfach belastete Straftäter mit deutschem Pass legten sich häufig falsche Identitäten zu.

Leserkommentare

Leserkommentare (3)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert