Einfühlsamkeit nötig: Beratung für traumatisierte Flüchtlingsfrauen

Von: Stephan Johnen
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Die Mitarbeiterinnen des Migrantinnen-Netzwerks wollen dauerhaft eine erste Anlaufstelle für traumatisierte Flüchtlingsfrauen sein. Foto: Johnen

Kreis Düren. Die Verletzungen waren offensichtlich. An den Armen, am Rücken. Weil die junge Frau Opfer häuslicher Gewalt geworden war, wollte sie woanders wohnen. „Wie eine Maschine hat sie ihre Geschichte immer wieder erzählt, mir ihre Verletzungen gezeigt“, erinnert sich Tatjana Lukanowski, ehrenamtlich tätige Beraterin des Migrantinnen-Netzwerks gegen häusliche Gewalt, an das erste Gespräch mit der zweifachen Mutter.

Sie habe gespürt, dass dies nicht die ganze Geschichte war, blickt Tatjana Lukanowski auf das erste Treffen mit der Flüchtlingsfrau zurück. Erst nach mehreren Sitzungen fasste die junge Frau, die aus einem afrikanischen Staat nach Deutschland geflüchtet war, Vertrauen in die Beraterin, begann zu erzählen. Von einem Überfall, bei dem sie als 17-Jährige in der Wohnung der Eltern vergewaltigt worden war und schwanger wurde. Von ihrer Mutter, die sie mit ihrem Baby nach Italien geschickt hatte. Von einem Mann, den sie dort kennenlernte und der anfing sie zu schlagen, als sie erneut schwanger wurde. Sie musste wieder fliehen, dieses Mal mit zwei Kindern, verfolgt von einem Mann, der ihr bis an die Rur folgte.

„Sie kam mit einer technischen Frage zu mir. Als ich später ihre ganze Lebensgeschichte gehört habe, habe ich die junge Mutter mit ganz anderen Augen gesehen. Ich habe verstanden, was sie bewegt“, sagt Tatjana Lukanowski. Anders als Narben auf der Haut sind Verletzungen der Seele nicht immer offen sichtlich. Hilfe und Unterstützung bekam die Mutter vom Migrantinnen-Netzwerk.

Acht Frauen mit Migrationshintergrund, die 13 Sprachen sprechen, sind ehrenamtlich im Migrantinnen-Netzwerk tätig, das vom gemeinnützigen Verein „Goldrute“ gefördert und unterstützt wird. Sie bieten Gespräche an, hören zu, vermitteln Hilfsangebote, Arzttermine und Gespräche bei Psychologen und Behörden. Das Netzwerk arbeitet dafür mit vielen anderen Vereinen, Beratungsstellen und Organisationen zusammen.

Die Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingsfrauen ist seit sechs Monaten ein weiterer Schwerpunkt. Das Netzwerk hat sich beim Landesministerium für Gesundheit und Emanzipation um ein Projekt beworben und den Zuschlag erhalten. Derzeit bewirbt sich das Netzwerk für eine Verlängerung der Förderung über das Jahresende hinaus. Die Erfahrung, die die Mitarbeiterinnen im Rahmen der Arbeit mit Opfern häuslicher Gewalt gemacht haben, kommen der Arbeit mit Flüchtlingsfrauen, die Krieg, Verfolgung und Flucht erlebt haben, zugute. Ebenso die Fortbildungen, die die Beraterinnen absolviert haben.

„Wir sind stolz darauf, als qualifizierte Ehrenamtliche am Projekt teilnehmen zu können“, sagt Dr. Jadigar Kesdoan, Vorsitzende des Vereins „Goldrute“. Das Netzwerk arbeitet mit mehreren Kooperationspartnern zusammen, darunter auch „Frauen helfen Frauen“ in Düren und Jülich. „Viele Flüchtlingsfrauen, die Opfer von Gewalt geworden sind, sprechen nicht von sich aus über ihre Erfahrungen. Unsere Arbeit braucht Zeit, um Vertrauen aufbauen zu können“, berichtet Ronak Aziz.

Die 59-Jährige weiß aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, auf der Flucht zu sein. Vor 18 Jahren kam sie aus dem Irak nach Deutschland. Heute möchte sie anderen Menschen helfen, sich zurechtzufinden, ein Vorbild zu sein, sie möchte Brücken bauen. „Es hilft ungemein, wenn man die gleiche Sprache spricht“, sagt sie. Benötigen die Mitarbeiterinnen einmal Hilfe, springt der Dolmetscherdienst des Kommunalen Integrationszentrums ein.

Bislang hat sich das Netzwerk um 57 traumatisierte Flüchtlingsfrauen aus 16 Ländern gekümmert, es fanden 131 Beratungen statt, bilanziert Koordinatorin Nermin Ermis. „Unsere Arbeit endet nicht nach der Erstberatung. Sie beginnt gerade erst“, findet Jadigar Kesdoan. Die Integration sei eine der wichtigsten Aufgaben der Zukunft.

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