Kreis Düren - Die Weihnachtsgeschichte ist eigentlich ein Flüchtlingsdrama

Die Weihnachtsgeschichte ist eigentlich ein Flüchtlingsdrama

Von: Sandra Kinkel
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„Herbergssuche“ in Betlehem heißt diese Szene, die die Krippe in der Annakirche zeigt. ... Foto: Sandra Kinkel
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... So ähnlich wie Maria und Josef, die vor mehr als 2000 Jahren eine Unterkunft gesucht haben, ging es auch den Flüchtlingsfamilien Okoje aus Nigeria ... Foto: Sandra Kinkel
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... und Hamed aus Syrien ins Dürener Land gekommen sind. Im Dezember haben beide Familien eine Wohnung gefunden. Foto: Sandra Kinkel

Kreis Düren. 16 Mal hat Aicha Mirbach eine Absage bekommen. 16 Mal hat die ehrenamtliche Helferin des Asylkreises Langerwehe Vermieter angerufen, die eine Wohnung zu vergeben hatten. „Wenn ich dann irgendwann während des Telefonats gesagt habe, dass die Wohnung für eine syrische Familie sein soll, war das Telefonat ganz schnell beendet.

Manche haben sogar direkt aufgelegt.“ Beim 17. Mal hatte Frau Mirbach Claudia Reinartz am Apparat. Und die hat kein Problem damit, ihre Wohnung in Langerwehe an eine Flüchtlingsfamilie zu vermieten. „Ich finde, dass jeder eine Chance verdient hat“, sagt Reinartz. „Für mich gibt es keinen Grund, nicht an Flüchtlinge zu vermieten.“ Vor drei Wochen konnte Familie Hamed – Vater, Mutter und drei Kinder – in die neue Wohnung ziehen.

Genau genommen ist die (Weihnachts-)Geschichte von der Geburt Jesu Christi auch ein Flüchtlingsdrama: Maria, eine hochschwangere Frau, sucht unter großem Zeitdruck gemeinsam mit ihrem Mann Josef eine Herberge. Sie finden keine Unterkunft, am Ende kommt Jesus in einer Krippe in einem Stall auf die Welt.

Anas Hamed, der in Syrien ein Lebensmittelgeschäft betrieben und als Lkw-Fahrer gearbeitet hat, ist vor zwei Jahren mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg geflohen. Die Familie hat zuerst in einer Flüchtlingsunterkunft gelebt, dann in einer 35 Quadratmeter großen Wohnung. „Die neue, größere Wohnung“, sagt Anas Hamed, „bedeutet, dass wir noch einmal mehr angekommen sind. Für uns ist das unglaublich wichtig.“

Eigene Wohnung anmieten

Grundsätzlich dürfen Asylbewerber eine eigene Wohnung anmieten, wenn sie als Flüchtling anerkannt oder aufgrund eines Abschiebehindernisses geduldet sind. „Für Flüchtlinge“, sagt Job-com-Leiter Karl-Josef Cranen, „ist es insofern schwierig, eine Wohnung zu finden, als sie mit ihrer Anerkennung einer bestimmten Kommune zugewiesen werden und auch nur dort eine Wohnung mieten dürfen.“ „Wohnsitzregelungsverordnung“ heißt das im Amtsdeutsch. „Diese sogenannte Residenzpflicht“, sagt Ralf Lübben vom Verein „Nörvenich hilft“, „ist wirklich problematisch.

Es gibt zum Beispiel in Nörvenich nicht genügend Wohnraum. Vor allem fehlen Appartements für Einzelpersonen.“ Auch Paul Okoje und seine Familie, die aus Nigeria nach Deutschland geflohen sind, haben diese Schwierigkeiten am eigenen Leib gespürt. Zur Familie gehören neben Vater Paul noch Mutter Mary und die Kinder Emmanuel, Joeleh, Joenne und Baby John, das am 10. Dezember geboren ist. „Wir haben lange in einem zwölf Quadratmeter großen Zimmer in der Flüchtlingsunterkunft gelebt“, sagt Paul Okoje. „Das war sehr schwer. Dass wir jetzt eine größere Wohnung in Nörvenich haben, macht uns glücklich. Ich hatte die Hoffnung fast schon aufgegeben, ein neues Zuhause für mich und meine Familie zu finden.“

Ähnlich wie Aicha Mirbach hat auch Ralf Lübben die Erfahrung gemacht, dass „acht von zehn Vermietern nicht an Flüchtlinge oder Hartz-IV-Empfänger vermieten“ wollen. „Anfangs“, sagt Lübben, „habe ich noch versucht, mit den Leuten zu diskutieren, aber es hat keinen Sinn.“ Genau wie die Hameds aus Syrien wird auch Familie Okoje von einer Patin, nämlich von Silke Hetzel-Marquard, betreut. „Mir ist es passiert, dass ich mich von potenziellen Vermietern blöd anmachen lassen musste.

Sogar das Angebot, eine Bürgschaft zu übernehmen, hat nichts genützt.“ Vermieterin Claudia Reinartz hat dafür kein Verständnis. „In unserem Haus wohnen Menschen aus vielen verschiedenen Nationen. Das funktioniert gut. Und im Übrigen ist Hartz IV natürlich auch so etwas wie ein festes Einkommen.“ Karl-Josef Cranen von der Job-com ergänzt, dass es möglich ist, dass die anfallende Miete von Anfang an direkt von der Job-com an den Vermieter überwiesen wird. Cranen: „Die Resonanz von Vermietern, die eine Wohnung an Flüchtlinge vergeben haben, ist übrigens durchweg positiv. Wir hören oft, dass die Flüchtlinge sehr dankbar sind und es zu schätzen wissen, dass man sie mit der Bereitstellung von Wohnraum unterstützt.

Ein Stück Normalität

Diese Erfahrung hat auch Claudia Reinartz gemacht. Natürlich, sagt sie, gäbe es hin und wieder Probleme mit Mietern. „Aber die gibt es mit Deutschen genauso wie mit Ausländern.“ Für Reinartz ist es wichtig, dass sie mit Aicha Mirbach eine Ansprechpartnerin hat, falls es einmal Schwierigkeiten geben sollte. Reinartz: „Die Sprache ist natürlich ein Problem. Ansonsten gefällt es mir aber, wenn ich sehe, wie engagiert Familie Hamed ist. Die haben eine gute Perspektive.“

Für Familie Hamed und Familie Okoje bedeuten die neuen Wohnungen auch ein Stück Normalität. Die Erwachsenen gehen jeden Tag zum Deutschkurs, die Kinder in die Schule. Die beiden Väter wollen noch einmal neu anfangen und eine zweite Ausbildung machen. „Endlich können mich meine Freunde aus der Grundschule einmal besuchen“, sagt Emmanuel Okoje (8). „Wir haben jetzt genug Platz. Das finde ich schön.“

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