Die Stunde Null: Erinnerungen an den Bombenangriff vor 70 Jahren

Von: Sarah Maria Berners und Jörg Abels
Letzte Aktualisierung:
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„Wir können sehr froh sein, in einem friedlichen Land zu leben“, sagte Luke Koeppe, der beim Forum unserer Zeitung in der Marienkirche mit anderen Schülern aus Düren und Jülich über Zeitzeugenprojekte an den Schulen sprach. Foto: Abels/Berners
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Ordneten die Ereignisse historisch ein: Redakteur Stephan Johnen (v.l.), Dr. Horst Walraff, Guido von Büren und Redakteur Volker Uerlings.
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Die Zeitzeugen Rudi Schlusche und Marga Papewalis.

Düren/Jülich. „Es brannte rechts, es brannte links, es brannte überall, aber wir haben einen Weg gefunden und überlebt“, berichtete Marga Papewalis. Gerade noch wollte das junge Mädchen Bekannten vom Dach des Kinos an der Wirtelstraße aus die Stadt zeigen, da sah sie am blauen Himmel des schönen Herbsttages die ersten von 474 britischen Kampfflugzeugen auf Düren zusteuern und flüchtete.

„Wir haben uns auf den Boden geworfen und gebetet.“

Rudi Schlusche aus Jülich, der wie die 83-Jährige den verheerenden Bombenangriff des 16. Novembers 1944 in Düren erlebte, war von der Druckwelle einer ersten Detonation in einen Splittergraben geschleudert worden und erinnerte sich an ein Geräusch, das wie ein Lanz Bulldog klang. Das Gesicht auf den Boden gepresst fuhr aber kein Traktor an ihm vorbei. Um ihn herum schlugen Hunderte Bomben ein. „Dann war plötzlich Ruhe. Aber es war noch lange nicht vorbei. Dann kam die Welle der Brandbomben.“

Schmerzliche Erinnerungen

Rund 600 Zuhörer verfolgten am Montagabend beim Forum unserer Zeitung „Die Stunde Null“ in der Marienkirche gebannt und zum Teil sichtlich bewegt die Ausführungen der Zeitzeugen, die sich im Gespräch mit unseren Redakteuren Volker Uerlings und Ingo Latotzki an die Bombardierung Dürens vor 70 Jahren erinnerten. Die Schilderungen der Zeitzeugen und die zuvor von Achim Konejung, Autor des Films „You enter Germany“ über die Schlacht im Hürtgenwald, präsentierten Luftaufnahmen von der Zerstörung Dürens berührten die Menschen im Publikum tief. Bei vielen älteren Zuhörern wurden schmerzliche Erinnerungen wach. Erinnerungen an Menschen, die den Krieg nicht überlebt haben, und Erinnerungen an die großen Ängste, die sie auszustehen hatten.

Die Bombardierung kam für die meisten Dürener vollkommen überraschend. Während das im November 1944 in der Nähe der Front liegende Jülich zum Teil bereits geräumt war, sei die Evakuierung Dürens für den 18. November geplant gewesen, nannte der Dürener Historiker Dr. Horst Walraff gegenüber Redakteur Stephan Johnen einen Grund, warum die Zahl der Opfer des Luftangriffs in Düren mit 3000 dreimal so hoch war wie in Jülich.

Mit Guido von Büren aus Jülich und Achim Konejung ordnete Wallraff die „Operation Queen“, wie die Alliierten den Luftangriff auf Düren, Jülich und Heinsberg nannten, in den Gesamtzusammenhang der Kriegsereignisse im Herbst 1944 ein. Der Vormarsch der Alliierten war sechs Monate nach der Landung in der Normandie im Hürtgenwald ins Stocken geraten.

Mit den Luftangriffen sollte einer neuen Offensive Richtung Rhein der Weg geebnet werden. Es sei Kriegstaktik der Royal Air Force gewesen, die Innenstädte mit einem Bombenteppich zu belegen. Ein Schicksal, das neben Düren und Jülich auch viele Städte am Niederrhein ereilt habe. Dass bei den Angriffen auch Zwangsarbeiter ums Leben gekommen sind, wertete von Büren als besondere Tragik, hätten die Alliierten irrtümlicherweise die Baracken der Zwangsarbeiter an den Industrieanlagen falsch eingeschätzt und für Soldatenunterkünfte gehalten. Viele Menschen verloren ihr Leben, anderen ihre Heimat.

„Ich besaß nur noch die Kleider, die ich am Leib trug“, berichtete Marga Papewalis, die zuerst in Hoven, dann in Merzenich Unterschlupf fand, bevor sie mit der Räumung Dürens am 19. November nach Thüringen evakuiert wurde. Rudi Schlusche, der seinen Vater im Bombenhagel verlor, versuchte, sich nach Jülich durchzukämpfen, kam aber zunächst nur bis Krauthausen, wo er auf einen Lkw-Fahrer stieß, der Verletzte nach Düren bringen wollte. Da wurde ihm klar: Jülich hat es genau so schwer getroffen. In Lich-Steinstraß sah er seinen Bruder wieder, ehe es auch für die Brüder wenige Tage später zur evakuierten Mutter ins Siegerland ging. „Ich habe es 14 Tage lang nicht geschafft, meiner Mutter zu sagen, dass unser Vater tot ist.“

Als die Russen nach Thüringen eindrangen, kehrte Marga Papewalis zurück nach Düren. Beim Anblick der vollkommen zerstörten Stadt war sie fassungslos: Ich hätte mir nie vorstellen können, dass alles wieder aufgebaut werden konnte. Auch die Schlusche-Brüder kehrten schnell zurück, wurden entlaust und fanden in einer Garage eine erste Bleibe. „Ernährt haben wir uns von Eingemachten, das wir in Kellern fanden“, erzählte Rudi Schlusche.

Es sind Erinnerungen, die beide nicht loslassen und alljährlich im November wieder wachwerden. „Es ist, als würde man die Ereignisse noch einmal erleben“, berichtete Marga Papewalis und spannte abschließend den Bogen in die Gegenwart: „Ich kann nicht verstehen, dass die Menschen immer noch nicht gewillt sind, etwas mehr Frieden auf die Welt zu bringen. Es ist eine wunderschöne Welt und die muss man erhalten.“

Um aus der Vergangenheit zu lernen, befassen sich Dürener und Jülicher Schüler in Zeitzeugenprojekten – auch in der Freizeit – mit der Geschichte ihrer Heimat. „Diese Erzählungen sind ergreifend. Sie verdeutlichen uns, dass so etwas nie wieder passieren darf. Meine Generation kann sich glücklich schätzen, in einem friedlichen Land zu leben. Das ist auch heutzutage nicht selbstverständlich“, sagte Luke Koeppe vom Gymnasium Zitadelle.

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