Der letzte Schnitt des „Seniors“: Salon Kück schließt

Von: Jörg Abels
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Gottfried Kück und sein Sohn Franz-Josef verabschieden sich Ende des Monats von ihren Kunden. Der „Senior“ greift seit 75 Jahren zu Kamm und Schere, sein Sohn auch bereits seit 1964. Foto: Abels

Oberzier. „Wer soll Ihnen die Haare schneiden?“ Wenn Stammkunden im Friseursalon Kück auf diese Frage mit „der Senior“ antworten, ist nicht etwa Franz-Josef Kück gemeint, der den 1928 eröffneten Familienbetrieb in dritter Generation leitet.

Für die alteingesessenen Oberzierer ist der 67-Jährige nur „d‘r Jong“. Mit „Senior“ ist sein Vater Gottfried gemeint, 88 Jahre alt, immer gut gelaunt, immer zu einem Späßchen aufgelegt.

Seit 75 Jahren greift Gottfried Kück Tag für Tag zu Kamm und Schere. Ans Aufhören hat er nie gedacht. Auch nicht, als sein Sohn mit Ehefrau Sigrid im Jahr 2000 offiziell den Salon übernahm. „Ich hab's den Kindern immer gerne zur Seite gestanden“, betont Gottfried Kück, „und mich gerne bei der Arbeit mit den Menschen unterhalten“.

Doch damit ist in wenigen Tagen Schluss. Ende des Monats verabschiedet sich der Familienbetrieb nach 89 Jahren mit Dank von seinen Kunden. Eine Ära geht zu Ende. Generationen von Oberzierern hat die Familie Kück die passende Frisur verpasst, keinen modischen Trend ausgelassen. „Aber es geht weiter“, beeilt sich Gottfried Kück zu sagen, auch wenn sein Sohn beruflich einen anderen Weg eingeschlagen hat. In Inden/Altdorf hat der 67-Jährige Nachfolger gefunden, die – das war ihm wichtig – die beiden verbleibenden Angestellten in Oberzier übernehmen werden, und die er in den ersten Wochen auch noch ein wenig unterstützen will.

„Das wird nicht einfach“, räumt der Senior mit Blick auf die kommenden Abschiedstage mit ein wenig Wehmut in der Stimme ein. „Ich werde vermissen, aber auch vermisst werden.“ Das steht für ihn fest. Verständlich, gibt es doch Oberzierer, die sich ihr ganzes Leben lang nur von Gottfried Kück die Haare haben schneiden lassen. „Der eine oder andere hat schon gefragt, was er denn jetzt machen solle“, berichtet der 88-Jährige.

Angefangen hat für Gottfried Kück alles mitten im Zweiten Weltkrieg. Als junger Fetz ging er seinem Vater Josef 1942 als 13-Jähriger erstmals zur Hand. „Wer sich anfangs von mir rasieren ließ, brauchte nichts zu bezahlen“, erzählt der Senior und muss selber lachen. Er musste miterleben, wie das Haus am heutigen Dorfplatz von einer Bombe getroffen wurde, die bis in den Keller durchschlug, aber zum Glück nicht detonierte. Und er kann sich noch gut daran erinnern, dass Kunden in dieser Zeit zum Rasieren Seife und Handtuch mitbringen mussten, oder dass ein US-Soldat mal mit Zigaretten bezahlt hat.

Als sein Vater 1953 verstarb, übernahm Gottfried Kück mit seiner Frau Gertrud, die daraufhin die Meisterprüfung ablegte, den Salon. Schnell war auch klar, dass Sohn Franz-Josef beruflich in die Fußstapfen der Eltern treten würde, zunächst aber in anderen Salons Erfahrung sammelte, seinen Meister machte, bevor er schließlich 2000 den elterlichen Betrieb übernahm. Dass seine Frau Sigrid vor nunmehr auch 51 Jahren als Lehrling in den Salon Kück kam und bis heute die „gute Seele“ des Betriebs ist, wie ihr Mann betont, ist bezeichnend für den Zusammenhalt in dem Familienbetrieb. Über die Jahrzehnte wuchs die Zahl der Kunden immer weiter – selbst aus Nideggen und aus dem Raum Erkelenz fand so mancher den Weg nach Oberzier –, so dass der Salon mehrfach erweitert werden musste.

„Ich hab noch viel von meinem Sohn lernen können“, räumt der 88-jährige Senior rückblickend ein, auch wenn er heute immer noch lieber zu Kamm und Schere als zur Maschine greift. „Gerade in unserem Handwerk lernt man halt nie aus und muss sich immer wieder auf neue Trends einstellen“, betont Gottfried Kück. Und deshalb sind es bis heute nicht nur Stammkunden, die sich gerne in die Hände des „Seniors“ begeben.

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