Der Informations-Junkie: Wolfang Spelthahn

Von: Ingo Latotzki
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Landrat Wolfgang Spelthahn in einem kleinen Pflanzengarten am Kreishaus. Foto: Ingo Latotzki

Kreis Düren. 1999, als Wolfgang Spelthahn zum ersten Mal gewählt wurde, war er einer der jüngsten Landräte in Deutschland. Heute ist er einer der dienstältesten – und das mit 52 Jahren. Spelthahn hätte nichts dagegen, wenn das so bleibt. Am 13. September steht er wieder zur Wahl. „Es wäre sehr schmerzlich, wenn ich meinen Platz räumen müsste“, sagt er.

An diesem Vormittag sitzt er in seinem Büro im Kreishaus und sieht rüber zum Stadthallen-Grundstück. Der bisherige Blick auf die Ruine habe ihn fast depressiv werden lassen, hat er vor Monaten gesagt. So weit ist es nicht gekommen. Der 50er-Jahre-Bau ist dem Erdboden geleichgemacht, es gibt mittlerweile ziemlich konkrete Pläne für ein Hotel, Büroräume und den Bau eines Kongresszentrums.

Spelthahn kennt diese Pläne, er hat das Projekt federführend mit angestoßen. Aber er redet nicht über die Pläne. Noch nicht. Er habe gelernt, sagt er. Früher hätte er die Details wahrscheinlich bereitwillig erzählt. Ohne sich groß abzustimmen, im Alleingang. Damit macht man sich nicht nur Freunde. Heute stimme er sich ab und versuche, alle Beteiligten mitzunehmen, sagt er. Deshalb bleiben die Pläne für die Entwicklung des Stadthallengrundstücks erst einmal in der Schublade.

Spelthahn ist ruhiger geworden. Vielleicht auch gelassener. Er selbst sagt, er arbeite heute effizienter als früher, nehme sich mehr Zeit für Gespräche. Er habe Fehler gemacht, wollte anfangs manchmal zu schnell mit dem Kopf durch die Wand. Damals, 1999, „wollte ich den Kreis Düren binnen Wochenfrist reformieren“. Dabei „tritt man schon mal einem vors Schienbein“.

Lange ist ihm, meist hinter vorgehaltener Hand, nachgesagt worden, in Wahrheit wolle er seinen Landratsjob als Sprungbrett nutzen, um in Düsseldorf oder Berlin in einem Ministerium einen führenden Posten zu bekleiden. „Stimmt nicht“, sagt Spelthahn heute. Er wolle gestalten. Und entscheiden. Das geht als Landrat besser, als als Staatssekretär, zum Beispiel. Er könne „Zusagen machen und die auch einhalten“, sagt er. Deshalb ist er nach wie vor der höchste politische Repräsentant des Kreises Düren und in Personalunion Chef der Dürener Kreisverwaltung.

Dass er wieder antreten würde, war nicht klar. Spelthahn stand vor gut zwei Jahren vor Gericht, weil ihm vorgeworfen wurde, einem ehemaligen Geschäftsführer der kreiseigenen Wirtschaftsförderungsgesellschaft mehr Geld bewilligt zu haben als ihm zustand. Spelthahn wurde nicht verurteilt, er ist nicht schuldig, das Verfahren endete mit einem Vergleich. „Ich stand damals am Pranger“, sagt er.

Eine schwere Zeit sei es gewesen, für ihn, aber vor allem auch für seine Familie. Nicht alle in seiner Partei, der CDU, standen zu ihm, diplomatisch formuliert. Spelthahn sagt heute: „Ich weiß jetzt, auf wen ich mich verlassen kann – und auf wen nicht.“ Er tritt wieder an, weil er seit einiger Zeit wieder spüre, wie „motiviert ich bin“. Er habe Ideen und „immer noch diese Neugierde“. Vor allem darauf käme es an: Neugierig zu bleiben. Wer nicht mehr neugierig ist, sei alt, sagt der Landrat.

Freitags gehe er oft einkaufen. Seine Frau hat einen Vollzeitjob bei einer Versicherung, da mache er die Runde und fahre zum Supermarkt, zum Discounter. Er wisse, was ein Pfund Butter koste. Spelthahn will trotz seines Rund-um-die-Uhr-Jobs den Bezug zum normalen Leben nicht verlieren. Er hat sieben Patenkinder. Mit ihnen unternehme er viel, so bleibe er am Ball, was angesagt ist – und was nicht. Als ausgewiesener Bayern-Fan hat er einem seiner Patenkinder und sich sogar eine Dauerkarte für Viertligist Alemannia Aachen gekauft. „Der Kontakt zu den Kindern hält lebendig“, sagt er, so wisse er, welche Filme angesagt seien und welche Musik.

Spelthahn sieht sich als Informations-Junkie. Morgens um sechs checkt er die gängigen Online-Portale von Politik bis Wirtschaft. Aber auch das Bunte ist seine Sache. Er weiß, wer das Dschungelcamp gewonnen und auf „Youtube“ mehr als 20 Millionen Klicks hat. Sonntags abends will er ungern gestört werden. Sonntags abends ist „Tatort“-Zeit. Spelthahn gefallen amerikanische Serien wie „Homeland“, er liest am liebsten Biografien und würde man ihn bei Günther Jauchs „Wer wird Millionär?“ als Telefon-Joker engagieren, würde er sein Wissen in Geschichte, Literatur und Film anbieten. „Ich bin breit interessiert“, sagt er.

Die Energiewende, eine präventive Jugend- und Sozialpolitik, die Neuausrichtung des Öffentlichen Personennahverkehrs im Kreis Düren und „eine weitere finanzielle Konsolidierung des Haushalts“ seien wichtige Aufgaben für die nächsten Jahre. Dass er sich und den Kreis auf einem guten Weg sieht, überrascht nicht. Sein Herausforderer Peter Münstermann (SPD) wird das anders beurteilen, ebenso wenig überraschend.

Über zu wenig Arbeit kann sich Spelthahn sicher nicht beklagen. Seit einiger Zeit hat er zum Ausgleich einen Cross-Trainer zu Hause, außerdem schwimmt er. Seine sportlichen Aktivitäten könnten umfangreicher sein, sagt er, und betont, es liege nicht an mangelnder Zeit. Das sei immer eine Ausrede. Zeit hat man nicht, man nimmt sie sich. Er versuche, eine gesündere Balance zwischen Job und körperlicher Fitness hinzubekommen. Noch sei Luft nach oben. In seinem Schrank hängen Anzüge verschiedener Größen, von 56 bis 58/60, sagt er. Mal geht es rauf, mal runter mit seinem Gewicht, über das er offen redet. „Ich kämpfe gegen die Pfunde“, sagt er.

Jetzt, im Wahlkampf, wird er sicher auch nicht so oft auf sein neues Fahrrad steigen. Zu viele Termine. Gespräche, Reden, Auftritte. Vielleicht danach, nach dem 13. September. Gleich, ob er wieder gewählt wird oder auch nicht.

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