Burg Vogelsang: Der fatalen Faszination der NS-Zeit nachspüren

Von: Katharina Isabel Franke
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Andrea Nepomuck und Stefan Wunsch hoffen, dass die finanziellen Probleme die wissenschaftliche Arbeit und die vielfältigen Bildungsangebote auf Burg Vogelsang nicht beeinträchtigen. Foto: Katharina Isabel Franke

Vogelsang. Von Bauchaos und Finanzierungslücken ist die jüngste Diskussion um Vogelsang geprägt. Besteht vor diesem Hintergrund die Gefahr, dass der wissenschaftliche Dienst, der ebenfalls in Vogelsang arbeitet, zu kurz kommt? Im Gespräch mit der Lokalredaktion kamen Stefan Wunsch, wissenschaftlicher Leiter, und Andrea Nepomuck, von der Bezirksregierung abgeordnete Studienrätin, zu Wort.

In der letzten Zeit erscheinen immer wieder Berichte über Baumaßnahmen und damit verbundene Probleme. Über Bildungsprogramme und Wissenschaft spricht keiner.

Stefan Wunsch: Das öffentliche Interesse an der Baustelle ist absolut verständlich, zumal es ja ein öffentlicher Auftrag – von Bund, Land bis hin zu den Gesellschaftern von Vogelsang IP – ist, hier Bildungsangebote zu schaffen.

Das ist das eine, das andere ist: Wozu setzen Sie einen solchen Ort ein? Was kann ich da machen?

Stefan Wunsch: In meinen Augen bedeutet Bildungsarbeit, Vogelsang sowohl als Lernort als auch als kultur-touristischen Ort zu nutzen, fundierte Informationen und sehr gute Bildungsprogramme anzubieten. Ob Einzelbesucher oder Gruppe, Bildung ist unser Kernzweck. Andrea Nepomuck: Meines Erachtens ist der Auftrag des Ortes die historisch-politische Bildungsarbeit.

Es geht um die spezifische Geschichte und die Geschichte der damals handelnden Menschen, zugleich erzählt der Ort auch sehr viel über das Heute und über uns. Unsere Bildungsarbeit ist nicht beliebig – und um sie auszubauen und diesen Ort für noch mehr Menschen als Lernort attraktiv zu machen, werden ja auch die Baumaßnahmen durchgeführt. Bedauerlich, wenn nun genau an der Bildung gespart werden sollte.

Was zeichnet die Bildungsarbeit in der ehemaligen Ordensburg aus?

Stefan Wunsch: Vogelsang ist ein besonderer Lernort. Es ist keine Gedenkstätte, sondern ein ”Täterort„. Gedenkstätten sind sehr wichtig, aber Vogelsang legt komplementäre Perspektiven nahe. Andrea Nepomuck: Der Ort zeigt die fatale Attraktion des Nationalsozialismus. Und wir wagen in der Bildungsarbeit, den NS-Tätern des Nationalsozialismus quasi „auf Augenhöhe“ zu begegnen. Dieser Teil gehört zur Geschichte des Nationalsozialismus dazu. Wir spüren nach, was diese fatale Attraktion damals für ganz normalen Menschen war, welche Bedürfnisse sie hatten. Genau das führt zu einer ”positiven Verunsicherung„. Man bringt sich selbst mit ins Spiel und beginnt, Fragen zu stellen.

Dadurch kann historisch-politisches Lernen hier auch einen besonderen Ansatz verfolgen. Stefan Wunsch: Wir machen hier keinen Geschichtsunterricht, sondern wenden uns durch den Blick auf individuelles Handeln damals wie heute gegenwärtigen Fragen zu: ”Wie will ich Gesellschaft und Zusammenleben demokratisch gestalten?„ Schüler etwa bringen hier als Transfer von sich aus die Flüchtlingsproblematik oder die Frage nach Rassismus, Antisemitismus oder Ausgrenzung mitten in unserer Gesellschaft auf.

Wie wichtig ist dieser Ort für die Region? Ist es wichtig, dass die Menschen, die hier leben und aufgewachsen sind, auch erfahren, was direkt vor der Haustür passiert ist?

Stefan Wunsch: Unbedingt, für die Eifel ist es wichtig, dass man sich damit auseinandersetzt. Vogelsang ist eines der größten Bauwerke der NS-Zeit, und das mitten in der Heimat. Menschen aus der Region fanden hier Arbeit, NS-Funktionäre, Ordensjunker und Adolf-Hitler-Schüler kamen aus anderen Regionen hierher in die Eifel. Zugleich ist es wichtig zu verstehen, dass die Nationalsozialisten mit Vogelsang die Region durchdringen wollten und gezielt eine Plattform für ihre Ideologie schaffen konnten. Andrea Nepomuck: Unsere Bildungsprogramme werden in der Tat regional und überregional von Schülerinnen und Schülern, Studierenden und Erwachsenen nachgefragt, auch aus unseren Nachbarländern.

Was genau möchten sie vermitteln?

Stefan Wunsch: Wie sieht Erinnerungskultur aus, wenn Gesellschaft sich stetig verändert? Die vierte Generation nach dem Nationalsozialismus stellt eigene Fragen an die Geschichte, wir leben in einer vielfältigen Migrationsgesellschaft. Die Auseinandersetzung mit der unbeantwortbaren Frage, ”Was hätte ich vielleicht getan? Wie hätte ich gehandelt?„ führt zu einer Kernfrage des Aushandelns der Gegenwart: Wie will ich unser Miteinander heute gestalten?

Gute historisch-politische Bildung, die zum Diskurs anregt und essentielle Fragen aufwirft, setzt hier wesentlicheImpulse. Andrea Nepomuck: An einem Ort, der in Stein gehauen, Diskurse unterbinden wollte, stellen wir kritische Fragen. Diskussion, Kritik und Selbstreflexion waren hier einst nicht erwünscht, jetzt umso mehr.

Wer nimmt an Ihren Bildungsprogrammen teil?

Andrea Nepomuck: Schülerinnen und Schüler aller Schulformen kommen zu hierher, Gymnasien, Realschulen und auch Berufskollegs. Regelmäßig kommen Schülerinnen und Schüler aus Schleiden, Euskirchen, Stolberg oder Aachen. Wir haben somit als Lernort eine hohe Bedeutung in der Bildungslandschaft. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten hier eigenständig, erkunden mit Lernbegleitern Gelände und Geschichte; sie sollen ihre Frage stellen können.

Die Lernenden müssen nicht vorbereitet sein, müssen nichts „können“, hier wird niemand abgefragt, sondern hier sollen erste Schritte zum Thema „Holocaust“ und Nationalsozialismus gewagt werden. Stefan Wunsch: Auch mit Universitäten arbeiten wir zusammen. Studierende zum Beispiel des Lehramtes oder der Geschichte kommen zu uns oder Multiplikatoren. Die Zahlen sprechen für sich: Rund 300 Programme, Studientage und Projekttage mit Schulen pro Jahr, von denen wir stets ein gutes Feedback erhalten, von Lehrkräften wie von den Lernenden. Wir haben neun Bildungspartner unterschiedlicher Schulformen, fünf weitere in Vorbereitung, und zwar weit über die Region hinaus.

Andrea Nepomuck: Wir werden damit auch modernen Ansprüchen von Schule gerecht. Schule öffnet sich immer mehr, der Einbezug außerschulischer Partner wird mehr und mehr gestärkt. Auch die Lehrpläne verlangen dies. Und wir als Lernort können Schule einiges bieten. Wir sind ein ganz lebendiger und zukunftszugewandter Ort.

Welche Angebote gibt es für Erwachsene?

Stefan Wunsch: Sie können sich derzeit das Gelände erschließen und Führungen mitmachen, 35 hervorragende freiberufliche Referenten führen diese mit rund 25 000 Besucherinnen und Besuchern im Durchschnitt jährlich durch. Jede Führung hier ist politische Bildung. Dazu können Erwachsene auch Seminare bei uns belegen, das wird die Akademie Vogelsang IP weiter vertiefen. Künftig möchten wir auch intergenerationell arbeiten.

Viele Erwachsene buchen unsere Programme: Betriebsausflug, Wandergruppe, Geschichtsverein, Bundeswehr, Polizei, interessierte Gruppen und Einzelpersonen usw. Und bald gibt es die Dauerausstellung „Bestimmung: Herrenmensch. NS-Ordensburgen zwischen Faszination und Verbrechen.“

Was genau erwartet das Publikum in dieser Ausstellung?

Stefan Wunsch: Ein neuer Blick auf die Geschichte der Ordensburg. Neben dem ”authentischen„ Ort als großes Exponat sozusagen zeigt die Ausstellung dann Vieles, was man bisher noch nicht kennt – zeitgenössische Fotos, Filme, Objekte und Texte. Wir laden die Besucher ein, sich einmal zuzutrauen, den damaligen Akteuren zu begegnen, zu analysieren, welche Praktiken man in Vogelsang erlernte, und schließlich, sich mit dem menschenverachtenden Handeln von „Herrenmenschen“ im Osten auseinanderzusetzen. In der Ausstellung lernen wir auch Perspektiven der Opfer kennen.

Während es im Unterschied zu Gedenkstätten hier am Ort keine deutschen Massenverbrechen gab, sind viele Männer, die hier geschult worden sind, zu Tätern in den damals besetzten „Ostgebieten“ geworden. Wie sahen ihre Handlungsspielräume dort aus? Was genau taten sie? Andrea Nepomuck: Die Ausstellung erzählt von den Menschen, die hier waren: von Biografien, Traditionen, Körperkult und Sport, vom Alltag in Vogelsang. Und auch die Frauen, die zu Hunderten hier zum Beispiel in der Küche arbeiteten, soll man kennenlernen. Wir möchten mit der Dauerausstellung niemanden belehren, sondern Neugierde schaffen, eine Fragehaltung ermöglichen.

Die Ausstellung wird also auch die Bildungsarbeit beeinflussen?

Stefan Wunsch: Ja. Die Ausstellung wird durch vertiefende Bildungsangebote und Führungen erschlossen. Und sie wird durch den Blick auf die Akteure auch den Blick auf das Bauwerk verändern. Andrea Nepomuck: Mit diesen neuen Programmen erhalten wir ein ganz spezifisches Profil im Bildungsbereich. Dabei möchten wir alle ansprechen, jung, alt und egal welche Vorbildung. Dieser Ort geht jeden etwas an, nicht nur historisch interessierte Menschen. Jeder und Jede ist willkommen.

Was machen sie noch neben der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Studenten und Erwachsenen? Woran arbeiten sie noch?

Stefan Wunsch: Wir sind eng in unterschiedlichste Netzwerke eingebunden, in pädagogisch-didaktische, wissenschaftliche, kulturelle. Einige Beispiele von vielen: Wir sind Kooperationspartner von ”Schule ohne Rassismus„ und Mitglied im Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorte in NRW. Wir kooperieren mit den Jüdischen Gemeinden Nordrhein, wir sind Projektpartner der Initiative Kulturrucksack NRW, wir leisten Präventionsarbeit gegen Rechtsextremismus.

Wir forschen, befragen Zeitzeugen, bereiten Publikationen, Wechselausstellungen, Lesungen oder Theaterprojekte vor. Andrea Nepomuck: Die Impulse und Ideen aus diesen vielfältigen Netzwerken nehmen wir auch wieder in die Bildungsarbeit auf. Wir sind also eine Art Scharnier zwischen aktueller Forschung und denjenigen, die Bildungsprogramme nutzen.

Wovor hat man als Wissenschaftler und Studienrätin im Moment Angst? Gibt es Sorgen?

Stefan Wunsch: Mir macht es Sorgen, Programme, die sehr gut ankommen, eventuell nicht mehr durchführen zu können, sodass gerade die, die so gerne mit uns arbeiten, die Leidtragenden sind. Man macht ein Bildungsprogramm nicht zum Spaß, sondern für die Teilnehmenden. Der Ort ist nicht nur für Tourismus gedacht, sondern auch zum Lernen und zum Diskurs. Die Kürzungen könnten zudem leider wertvolle Projekte wie internationale Jugendbegegnungen oder Veranstaltungen zum Thema Menschenrechte betreffen. Andrea Nepomuck: Für mich ist das eine gesamtgesellschaftliche Frage.

Wie wollen wir unsere heutige Gesellschaft gestalten? Eine kritische Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart ist dringend notwendig, gerade hier, an dieser ehemaligen NS-Ausbildungsstätte. Wenn dies durch wegfallende Bildungsprogramme nicht mehr möglich sein sollte, wäre das eine große vertane Chance. Den Auftrag, den wir gegenüber diesem ”Täterort„ haben, könnten wir dann nicht mehr umsetzen. Das macht mir Angst.

Was wünscht man sich für Vogelsang in solch schweren Zeiten?

Stefan Wunsch: Ich wünsche mir viele Besucher, die sich mit Ausstellung und Ort auseinandersetzen. Ich hoffe auf viele ganz verschiedene Menschen, die beginnen, sich selbst Fragen zu stellen, die nach Hause gehen und auf ein vielfältiges demokratisches Miteinander hinwirken. Dafür setzt der Ort ganz wesentliche Impulse. Andrea Nepomuck: Noch mehr Erwachsene, noch mehr Kinder und Jugendliche, die diesen Ort als „bunten Ort“ gestalten.

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