Antibiotika: Viele Verschreibungen sind fragwürdig

Von: Daniela Mengel-Driefert
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Greifen wir zu schnell zu Antibiotika? Eine Studie der Krankenkasse DAK untersucht diese Frage und kommt zu dem Schluss, dass 30 Prozent der Verordnungen fragwürdig sind. Foto: dpa

Kreis Düren. Antibiotika: Teufelszeug- oder Segen? Die Verordnung wird zunehmend kritisch gesehen, auch von den Experten aus dem Kreis Düren. Jüngst veröffentlichte die DAK-Gesundheitskasse einen sogenannten Antibiotika-Report 2014 und macht auf eine deutliche Über- und Fehlversorgung in Deutschland aufmerksam.

Die Folgen seien dramatisch, immer häufiger entwickeln Bakterien Resistenzen. Dadurch werde die Gesundheit von Patienten im Krankenhaus gefährdet. Es bestehe die Gefahr, dass Antibiotika nicht mehr wirken, Infektionen wieder zur tödlichen Gefahr werden könnten. Die DAK bezieht sich in ihren Aussagen auf eine Analyse von Arzneimittel-, Diagnose-, und Krankenhausdaten. Zusätzlich wurden 3100 Menschen zu ihrem Umgang, zu ihrer Einstellung und Wissen zum Thema befragt.

Risiko der Resistenzbildung

Nahezu 30 Prozent der Antibiotika-Verordnungen seien mit Blick auf die Diagnose fragwürdig gewesen, geht aus dem Report hervor. 40 Prozent der Befragten sind der Meinung, Antibiotika helfe auch bei Virusinfektionen. 75 Prozent erwarten eine Verordnung bei Erkältungskrankheiten, die allerdings zu 80 bis 90 Prozent von Viren verursacht werden. In diesen Fällen wirken Antibiotika nicht. Im Gegenteil, das Risiko der Resistenzbildung nimmt zu. 25 Prozent der Patienten wünschen ein Rezept, um schneller gesund für den Job zu werden. 11 Prozent hören eigenständig mit der Antibiotika-Einnahme auf, reduzieren die Dosis, wenn es wieder besser geht. Das schadet eher, als es nutzt.

Die DAK warnt, eine unkritische Verordnungspraxis werde zur Gefahr für die Gesundheit. Arzneimittelexperte Professor Gerd Glaeske fordert: „Wir brauchen ein kritisches Bewusstsein bei den Ärzten im Umgang mit Antibiotika. Dann werden Patienten in der Praxis besser aufgeklärt und die Mediziner müssen keine Zugeständnisse machen, die therapeutisch gar nicht nötig sind. So können fragwürdige Verordnungen vermieden werden.“ Mit einer Informationskampagne möchte die DAK sensibilisieren.

Die Barmer GEK stellt ebenfalls eine Zunahme der Antibiotika-Verordnungen im Zeitraum von 2011 bis 2013 fest und bezieht sich auf Zahlen der Geschäftsstellen in der Region, Aachen, Düren, Herzogenrath, Geilenkirchen, Jülich, Simmerath, Stolberg, Eschweiler und Heinsberg. Um rund 6,7 Prozent habe die tägliche Antibiotika-Dosis zugenommen. Dr. Michaela Sauerbier, Apothekerin der Barmer GEK Nordrhein-Westfalen, gibt Tipps zur Vermeidung von Antibiotika-Resistenzen. So rät sie, auf Hygienemaßnahmen zu achten, wie mehrmals tägliches, gründliches Händewaschen, die Verwendung und die Entsorgung von Einmaltaschentüchern. Liegt eine Antibiotika-Verordnung vor, solle das Medikament, wie vom Arzt verordnet, eingenommen werden.

Dr. Hubertus Koenen, Gesundheitsverbund Jülicher Land, bestätigt, dass Antibiotika-Verordnungen mit Vorsicht vorgenommen werden sollen. Die DAK-Studie treffe zum Teil zu, er sei dankbar und offen dafür, die Ärzte seien bemüht, angemessen und vernünftig mit Antibiotika umzugehen, unterliegen zudem einer Fortbildungspflicht. Allerdings betont Koenen: „Ist ein Risiko im Raum, muss man auch den Mut haben, Antibiotika einzusetzen. Wenn sie einen schwerkranken Patienten haben, kann es auch schnell zu spät sein.“

Eine Grippe reagiere nicht auf Antibiotika, sie könne aber zu einer Lungenentzündung führen, dann sei der Einsatz notwendig. Der Patient solle sich allerdings von dem Glauben trennen, Antibiotika könne prophylaktisch eingenommen werden. „Das ist falsch.“ Wichtiger sei, Sport zu treiben, auch Saunagänge helfen. Es mag seltsam klingen, aber die hygienischste Art der Schleimentsorgung sei, den Naseninhalt hochzuziehen und runterzuschlucken. Taschentücher sollten nur einmal benutzt werden.

Dr. Norbert Schnitzler, Leiter des Gesundheitsamtes Kreis Düren, hält eine kritische Verordnungspraxis für bedeutend. Entsprechende Leitlinien existierten bereits für alle häufigen Infektionen. Doch wäre es wichtig, dass sich auch an diese Leitlinien gehalten wird. Das Gesundheitsamt organisierte für die niedergelassenen Ärzte mehrfach Veranstaltungen zu diesem Thema.

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