Kreis Düren/Aldenhoven - Aldenhoven: Keinen Boden mehr unter den Füßen

Aldenhoven: Keinen Boden mehr unter den Füßen

Von: Ingo Latotzki
Letzte Aktualisierung:
Boden weggebrochen Aldenhoven
Ein Anwohner steht vor einem Krater, nachdem der Boden weggebrochen ist. Grund sind Luftschutzstollen in einer Tiefe von zehn Metern. Wer kommt nun für den Schaden auf? Foto: Archiv

Kreis Düren/Aldenhoven. An einem Sommertag vor drei Jahren stehen Anwohner der Siersdorfer Straße in Aldenhoven vor ihrem Teich und müssen feststellen, dass 25.000 Liter Wasser versickert sind. Die Fische sind tot. Auf einer Fläche von 2,5 mal 2,5 Metern ist der Boden eingebrochen, das betroffene Ehepaar rätselt, wie das passieren konnte. Außerdem ist die Terrasse eingestürzt.

Heute ist längst ist bekannt, dass in einer Tiefe von zehn Metern über sechs Grundstücke hinweg ein Luftschutzstollen aus dem Zweiten Weltkrieg verlief. Damit war auch erklärt, wie es 2012 weiter dazu kommen konnte, dass sich nach einem kräftigen Gewitterregen ein zwei Quadratmeter großer und vier Meter tiefer Krater öffnen konnte und ebenfalls einen beträchtlichen Schaden an Häusern anrichtete.

Damals reagierte der Kreis Düren, „nachdem sich niemand zuständig fühlte“, wie Wolfgang Spelthahn am Donnerstag sagt. Der Landrat bestellte Kies und gab den Auftrag, die aus dem Jahr 1943 stammenden Schächte zu füllen, „um Gefahren abzuwenden“, wie er betont. 120.000 Euro überwies der Kreis damals an den Unternehmer, der die Erdarbeiten vornahm.

Noch heute geht es aber darum, wer für die Summe aufkommen muss. Zunächst sah es so aus, als würden sich der Kreis und die Gemeinde Aldenhoven den Betrag teilen, später sah die Gemeinde keinen Grund mehr dazu, der Kreis erklärte sich bereit, die volle Summe zu begleichen.

Eigentlich wollte der Kreistag am Mittwochabend genau so entscheiden. Das tat er aber nicht.

Zwischenzeitlich hatten die Bürgermeister von Aldenhoven und Inden einen Brief an die Kreisverwaltung verschickt, in dem sie rechtliche Schritte ankündigen für den Fall, dass der Kreis die Kosten übernimmt. Ralf Claßen (CDU) und Jörn Langefeld (parteilos) sehen weder ein Verschulden beim Kreis Düren noch bei der Gemeinde Aldenhoven. Für die beiden Bürgermeister sind die Anwohner selbst haftbar zu machen, weil es unter den Anwohnern bekannt gewesen sein müsste, dass unter den Grundstücken der Stollen verläuft, sagt Ralf Claßen am Donnerstag dieser Zeitung. Damit müssten die Besitzer der Grundstücke auch zahlen. „Wir können das nicht anders regeln“, sagt Claßen.

Über die Kreisumlage

Die beiden Bürgermeister sind auch dagegen, dass der Kreis allein die Summe von 120 000 Euro aufbringt, weil alle 15 Kommunen des Kreises das Geld letztlich über die Kreisumlage aufzubringen hätten. Gegenüber den Kreistagsmitgliedern machten Claßen und Langefeld deutlich, dass sie sich dem „Anfangsverdacht der Untreue als zu prüfender Tatbestand“ ausgesetzt sähen, wenn sie entschieden, dass der Kreis zahlt. So formuliert es Jörn Langefeld in seinem Brief an den Kreis.

Schließlich ginge es um es um öffentliche Finanzmittel. Weder er noch sein Kollege Claßen sehen eine „rechtliche Grundlage“, dass der Kreis für den Schaden kommt.

Landrat Spelthahn sieht vor allem den „humanitären Aspekt“. Den Menschen hätte damals schnell geholfen werden müssen, es sei Gefahr in Verzug gewesen. Sie hätte zu Recht Angst gehabt, dass noch mehr passiert. Für den Landrat steht deshalb auch die Frage, ob und wem bekannt war, dass unter den betreffenden Grundstücken ein Stollen verläuft, nicht im Vordergrund. Dass die heutigen Besitzer gewusst haben, dass unter ihren Eigenheimen „diese Gefahr schlummert“, kann sich Spelthahn nicht vorstellen. „Wer würde auf so einem Grund sein Haus bauen?“ In einer rechtlichen Bewertung durch eine Kanzlei heißt es, eine „freiwillige Teilübernahme der Kosten durch den Kreis“ sei empfehlenswert.

Aldenhovens Bürgermeister Claßen ist der Meinung, dass die jetzigen Hauseigner sich zumindest an die Vorbesitzer halten müssten. Es habe Vermerke der damaligen Bergbaubetreiber mit entsprechenden Hinweisen gegeben. Zudem soll es ein Schreiben des Eschweiler Bergwerkvereines EBV vom April 2009 geben, in dem ein Bauherr in der Siersdorfer Straße darauf hingewiesen wird, dass sein Grundstück „eventuell über einem möglicherweise nicht verfüllten Luftschutzstollen liegt, so dass ein standfester Baugrund gegebenenfalls nicht vorliegt“.

Recht und Gesetz

Er habe sich an Recht und Gesetz zu halten, sagt Aldenhovens Bürgermeister Claßen, und könne deshalb nicht anders entscheiden, überdies müsse er die klamme Finanzlage seiner Gemeinde im Blick haben. Für Landrat Spelthahn wäre die Übernahme der Kosten ein „Akt der Solidarität“ im Kreis. Der Fall sei „ziemlich einmalig“. Wer könne damit rechnen, dass er „noch Lasten aus dem Zweiten Weltkrieg unter seinem Haus hat“. Früher wäre der Bund dafür aufgekommen, heute nicht mehr, deshalb spricht Spelthahn von einer „Rechtslücke“, in die die Anwohner geraten seien.

Alle Fraktionen des Kreistags hätten die Finanzierung über den Kreis mitgetragen. Empört bis erbost reagierten sie mit großem Unverständnis, als sie von den Briefen der beiden Bürgermeister erfuhren. Der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Raoul Pöhler, ein Aldenhovener, kündigte seinerseits rechtliche Schritte an. Er ließe sich nicht erpressen, sagte er.

Am 22. Dezember wird es nun ein Gespräch zwischen dem Kreis und den betroffenen Anwohnern geben, um nach Lösungen zu suchen. Sie werden vermutlich eine Zahlungsaufforderung erhalten. Landrat Spelthahn kann sich vorstellen, dass danach Gerichte bemüht werden. „Der Fall wird uns noch lange beschäftigen“, sagt er, womöglich noch viele Jahre.

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