Zukunft von Tante-Emma-Laden in Rödingen ist ungewiss

Von: jago
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Inhaberin Heidi Hanusek (l.) s
Inhaberin Heidi Hanusek (l.) schätzt die freundliche Atmosphäre ihres modernen „Tante Emma Ladens”, in dem sich Kunden auf einen Plausch einlassen und Kinder auch mal auf Entdeckungstour gehen dürfen. Foto: Jagodzinska

Rödingen. Freunde ländlicher erinnern sich gerne an den im Brockhaus-Lexikon als „Kleines Einzelhandelsgeschäft” beschriebenen „Tante Emma Laden” der 1950er-Jahre.

Zwischen vollgepackten Regalen mit Gläsern und Tüten bediente die Inhaberin Tag für Tag ihre Kunden, auch Kleinstmengen wurden abgewogen, für die Kinder gab es oft ein Gratisbonbon. Für ein Gespräch über das, was im Dorf interessant war, war immer Zeit.

Moderne Einkaufszentren mit den genormten Filialen großer Handelsketten funktionieren vollkommen anders, vom betulichen Charme des vertrauten Lädchens ist nichts mehr übrig geblieben. Auch in der ländlichen Gegend sind die kleinen Einzelhandelsgeschäfte bis auf vereinzelte Bäckereien mit erweitertem Angebot von der Landkarte verschwunden. Nur in seltenen Fällen entdeckt man noch eins mit viel Tante-Emma-Potenuial, so wie in Rödingen „Unser Dorflädchen”.

Inhaberin Heidi Hanusek schildert, wie es begann: „Ich bin mit einer Freundin beim Hundespaziergang hier vorbeigekommen, damals war das eine ausgemusterte Tankstelle. Da machen wir was draus, war unsere spontane Reaktion. Das war die Geburtsstunde meines Dorf-Lädchens und des Dorf-Imbiss meiner Freundin, der allerdings inzwischen aufgegeben werden musste.”

Zu Beginn bestand das Lädchen-Angebot aus Geschenkartikeln, Zeitschriften, Tabakwaren und Süßigkeiten, hinzu kamen ein Fotoservice und die Lotto-Annahmestelle. „Die Kunden haben das Sortiment bestimmt. Was gefragt wurde, kam rein, nicht gängige Dinge wie die Geschenkartikel habe ich raus genommen”, erklärt Heidi Hanusek, wie es zur Zusammenstellung des aktuellen Bestands gekommen ist.

Natürlich wäre es absolut nicht durchführbar, beispielsweise 15 Sorten Katzenfutter wie im Supermarkt anzubieten. Maximal zwei verschiedene seien alleine schon auf Grund des Verfallsdatums machbar. Wirtschaftliche Zwänge verlangen Beschränkung. Anfangs kamen die Kunden überwiegend aus dem Dorf, inzwischen hat sich der Zuspruch verlagert. Der Anteil der Käufer aus den Nachbardörfern ohne eigene Geschäfte ist deutlich größer geworden. Viele durchfahrende Lkw-Fahrer, mit denen die Inhaberin inzwischen per Du ist, gehören zum festen Kundenstamm.

Kommt man auf das Dorf-Lädchen als Informationszentrale zu sprechen, schließt sich der Kreis in die Vergangenheit. „Wenn im Dorf irgend ein Gerücht die Runde macht, sagen sich viele Leute Dann gehe ich mal schnell ins Lädchen. Da erfahre ich, was los ist”, berichtet Heidi Hanusek mit einem Schmunzeln. Andere Gespräche entwickeln sich durch das zufällige Aufeinandertreffen von Kunden. Themen werden aufgegriffen, besprochen, bei einer Tasse Kaffee oder draußen auf dem Parkplatz vertieft.

„Meine liebsten Kunden sind Großeltern mit Enkeln. Die Senioren lassen sich meistens Zeit, und für die Kleinen ist ein Besuch im Lädchen sowieso immer etwas Besonderes. Hier dürfen sie sich unbeschwert umschauen. Das ist so etwas wie der Spielzeug-Kaufladen in echt.”

Ihre Zukunft sieht die Geschäftsfrau alles andere als rosig. „Ein Laden in dieser Größenordnung kann mit den Verkaufspreisen der Großabnehmer nicht konkurrieren”, führt sie an. Zudem habe das Anspruchsdenken der „mittlere Generation” sich stark verändert. Ist ein Artikel einmal nicht vorrätig, weil zufällig gerade vorher zwei Kunden diesen gekauft haben, werde direkt geschimpft.

Hanuseks sehr interessante Beobachtung: „Insgesamt macht es den Eindruck, als ob die Leute unzufriedener sind. Die Bewältigung der Alltagsprobleme verlangt wohl mehr Energie und irgendwo wird ein Ventil für den Frustabbau gesucht.” Auch wenn das Ende des Rödinger Dorf-Lädchens in naher Zukunft nicht zu befürchten ist, ist ein Fortbestand nach dem Abschied von Heidi Hanusek mehr als fraglich. Passend dazu ihre Einschätzung mit Blick auf die kommerziellen Möglichkeiten: „Wenn die Lotto-Annahmestelle nicht wäre, hätte ich den Laden wahrscheinlich schon dicht gemacht.”

Wenn der letzte Kunde gegangen sein wird und das Dorf-Lädchen seine Pforten für immer schließt, dann wird etwas fehlen im Dorfleben der Gemeinde Titz. Sei es nur der Treffpunkt, an dem man zufällig Freunde oder Bekannte trifft, oder sei es der Reiz eines stetig wechselnden Angebots. Täglich könnte etwas im Angebot fehlen oder neu sein.

„Nur Red Bull muss immer vorrätig sein”, sagt Heidi Hanusek lachend zum Abschluss des Gesprächs und denkt dabei an das unkomplizierte Kaufverhalten der jungen Leute aus dem Dorf.
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