Zerstörung Jülichs: Zitadellen-Schüler interviewen Zeitzeugen

Von: hfs.
Letzte Aktualisierung:
7410210.jpg
Sechs Jülicher hatten beim Geschichtsprojekt im Gymnasium Zitadelle Eindrucksvolles zu erzählen: Dr. Peter Nieveler, Peter Hellmanns, Werner Becker, Dr. Heinz Wirth, Joseph Krott, Karl-Heinz Chardin. Foto: hfs.
7410211.jpg
Im Interview: Zeitzeuge Karl-Heinz Chardin beantwortet die Fragen der Zitadellen-Schüler. Foto: hfs.
7410047.jpg
Nach dem verheerenden Luftangriff am 16.11.1944 lag Jülich in Schutt und Asche. Die vielen Punkte sind Bombentrichter. Foto: Bildarchiv Museum

Jülich. „Ich habe gebetet und mich gefragt, ob ich mit Einschlafen den Erstickungstod nicht bemerken würde.“ Unter meterhohem Schutt lag Werner Becker lebendig begraben. Der Keller, in dem er mit anderen Personen Schutz vor den Bomben der Alliierten gesucht hatte, war eingestürzt. Hoffnung, gerettet zu werden, hatte er nicht.

„Ich hatte mit meinem Leben abgeschlossen“, berichtet er nun als 83-jähriger über den 16. November 1944 seinen Zuhörern. Im Vorfeld des 70. Jahrestages der Zerstörung Jülichs sind das Schülerinnen und Schüler des Jülicher Gymnasiums Zitadelle, die im Rahmen des Projektkurs Geschichte mit Werner Becker und fünf weiteren Zeitzeugen Interviews zum Thema „Jülich 1944-1947“ führen. Auf dieses Projekt haben sie sich seit dem letzten Sommer vorbereitet.

Wo waren sie am 16. November 1944? Eine Frage, deren Beantwortung Karl-Heinz Chardin (Jahrgang 1932), Dr. Heinz Wirth (1927), Werner Becker (1931), Peter Hellmanns (1922), Joseph Krott (1934) und Dr. Peter Nieveler (1935) gedanklich schlagartig zurückversetzt an jenen schicksalhaften Novembertag 1944, als Hunderte amerikanische und englische Flugzeuge einen regelrechten Bombenteppich über die altherwürdige Herzogstadt legten und sie nahezu vollkommen zerstörten.

„Wir haben uns bewusst für diesen Tag entschieden, denn schließlich war es in der Geschichte der Stadt ein Ende und ein Anfang zugleich. Das Thema hat uns im Geschichtsunterricht nachhaltig beschäftigt“, erklärt Lehrer Dirk Neumann das Entstehen des Projektkurses, der übrigens auch Thema sein wird auf einer europäischen Veranstaltung im Sommer diesen Jahres im niederländischen Arnheim. Sechs Schüler des Gymnasiums Zitadelle sind dabei, um über ihr Projekt aus Jülich zu berichten. Die Zeitzeugeninterviews sind elementarer Bestandtteil.

Die Schülerinnen und Schüler fanden in den sechs Herren jene Zeugen, die mehr oder weniger direkt Betroffene waren und die Stunde Null, wie sie Peter Hellmanns beschrieb, erlebten. Für ihn, den ältesten Zeugen, war das der 25. November, denn da kehrte er mit seiner Mutter aus der Evakuierung zurück. „Es begann der Aufbau. Eine Welle der Hilfsbereitschaft machte sich breit, Kompensationsgeschäfte waren an der Tagesordnung“, beschrieb der Jülicher den Aufbau.

Als alle die Ärmel hochkrempelten, war „das Leben der Jülicher Bürger durch die Pflege von sozialen Kontakten geprägt“, berichtet Dr. Heinz Wirth. Das sei Solidarität aus der Situation gewesen. Peter Hellmanns und Heinz Wirth stellten heraus, dass der Wiederaufbau maßgeblich durch tatkräftige Hilfe der Frauen bewerkstelligt wurde. „Aber dass Frauen in Gruppen eingeteilt wurden oder dass dies sogar organisiert wurde, daran kann ich mich nicht erinnern“, meinte Hellmanns auf eine entsprechende Schülerfrage nach den sogenannten Jülicher Trümmerfrauen.

Von Wirth: „Wir Jülicher wollten damals so schnell wie möglich aus den Trümmern raus, wollten wieder eine neue Stadt, von der ich heute begeistert bin.“ Es falle ihnen nicht schwer, über die damalige Zeit zu berichten, meinten beide. „Wir sind dankbar, dass wir beim Aufbau dabei waren, sind stolz, was aus dieser Stadt geworden ist.“

Werner Becker legte dar, dass der Krieg aus der Sicht eines damals 13-Jährigen für ihn ein einziges Abenteuer gewesen sei. Dieser Junge wurde aus dem eingestürzten Haus von einem Bekannten auf wundersame Weise gerettet und berichtete von vielen toten Italienern, die zu Schanzarbeiten in Selgersdorf und Altenburg zwangsverpflichtet worden waren.

„Braut sich was zusammen...“

Betroffen verfolgten die aufmerksamen jungen Leute die Schilderungen des 82-jährigen Karl-Heinz Chardin. „Nur mit Klauen haben wir die Evakuierung überlebt“, berichtete er. „Denn wir waren nicht willkommen, obwohl wir in der Nähe von Bielefeld bei Verwandten untergekommen waren.“ Zwei Tage vor dem folgenschweren Angriff hatte er mit Mutter und Geschwister auf „Befehl“ des Vaters – „es braut sich etwas über Jülich zusammen“ – die Stadt verlassen.

„Danach war Kohldampf schieben angesagt“, umschrieb Chardin die schwere Zeit. Joseph Krott erlebte als Zehnjähriger den Angriff von Mersch/Pattern aus, sah, wie seine Heimatstadt in Schutt und Asche gelegt wurde. Heinz Wirth, der damalige Flakhelfer, war in Liblar bei Erftstadt stationiert. „Wir konnten von dort die Flammensäule am Horizont sehen, wussten wohl nicht, ob Düren oder Jülich so brannte.“

Dr. Peter Nieveler war am Tag der Zerstörung nicht in Jülich. „Ich war kein direkt Betroffener, denn zu dieser Zeit waren wir in Bitterfeld evakuiert“, berichtete der Jüngste aus der Zeitzeugenrunde. Nieveler freute sich wie alle Zeitzeugen, „dass es junge Menschen gibt, die sich für die Geschehnisse von damals interessieren. Das ist keine Selbstverständlichkeit.“ Peter Hellmanns dankte den Interviewern: „Ihr alle habt mir imponiert.“

Für die Gelobten brachte es Gymnasiastin Kimberley auf den Punkt: „Es ist etwas ganz anderes, die Geschehnisse von damals aus erster Hand zu erfahren. Geschehnisse, die mehr als nachdenklich machen, die bewegen, die einen innerlich aufwühlen.“ Als Dankeschön für die Unterstützung des Geschichtsprojekts lud die Klasse zu selbst gebackenem Kuchen, Kaffee und Tee ein. In gemütlicher Runde, wobei der 16. November 1944 trotzdem ein Thema blieb.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert