Jülich - Zehn Mal Gretchenszene aus Goethes „Faust“

Zehn Mal Gretchenszene aus Goethes „Faust“

Von: Hilde Viehöfer-Emde
Letzte Aktualisierung:
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Zehn mal die Gretchenszene in der Zitadelle mit Anja Klawun und Thomas Luft. Foto: Emde

Jülich. Theaterspaß rund um die Gretchenszene aus dem „Faust“ von Johann Wolfgang von Goethe im Pädagogische Zentrum (PZ) des Gymnasiums Zitadelle: Die zweite Vorstellung der Theaterreihe der Stadt Jülich wurde dem Saisonthema „Lachen“ mehr als gerecht. Beim Gastspiel der Münchener Truppe Theaterlust wurde viel und laut gelacht.

Für Theaterfreunde war das Stück von Lutz Hübner ein besonderer Leckerbissen. Rankte sich das Geschehen doch um die Thematik wie Regisseur und Schauspieler mit Originaltexten umgehen, wie sie diese interpretieren und sie auf der Bühne umsetzen.

Schachtel mit Schmuck

Wir alle kennen die sogenannte „Kästchenszene“ aus Faust eins. Gretchen ist verwirrt, verunsichert. Sie kommt in ihr Haus, die Sicherheit gebende Mutter ist nicht da. Sie findet das Schächtelchen mit dem Schmuck, das Faust und Mephisto ins Zimmer gelegt haben. Das Schicksal nimmt seinen Lauf und geht damit als Schlüsselszene in die große Dramenliteratur ein. Dem Bedürfnis der Zuschauer, die auf eine klassische Umsetzung der Szene hofften, wurde die erste Spielszene gerecht, in der Anja Klawun die Gretchenszene wie bekannt und gewohnt sprach, spielte und sang.

Mit großem schauspielerischem und komödiantischem Talent setzen die beiden Schauspieler Anja Klawun und Thomas Luft dann allerdings die dramaturgisch sehr abweichenden Interpretationen verschiedener Regisseure und Schauspieler um. Zehnmal kehrt die Szene wieder, zehnmal neu installiert von unterschiedlichsten Schauspielern und Regisseuren.

Der „Schmerzensmann“ erwartet sinnliche Schwüle, Herumwälzen auf dem Boden(notfalls auch mit Knieschonern) und will alles „fleischlich“ umsetzen. Er will den Schmerz sehen und hören, die Gier beim Anblick des Schmuckes erleben.

Ganz anders das „Tournee-Pferd“. Laissez-faire ist das Motto. In schönstem hessischem Dialekt, als fetter Theatervertreter mit hohem Blutdruck und Cognacbedarf sieht der Regisseur die Proben vergleichbar einem Dämmerschoppen. „Wenn man´s im Blut hat, spielt ´s sich von selbst“, nach diesem Motto reicht ihm ein vergnügt im Walzertakt tanzendes Gretchen, dem man nur mal aufmunternd auf den Allerwertesten klatschen muss. Die Szene wird zur Posse. Eine Paraderolle für Thomas Luft.

Anja Klawun verkörperte die engagierte, ehrgeizige Anfängerin, die nicht zu bremsen ist und vor lauter Eigeninitiative und Eifer die eigentliche Szene vernachlässigt. Historische Details und Deutungen sind ihr wichtig, prallen aber an ihrem als Provinzler gescholtenen Regisseur ab.

Einfaches wegstreichen aller Elemente der Szene ist die Methode des Streichers, die Szene wird totdiskutiert und auf die Bezeichnung für Faust „toller Mann“ reduziert.

Die Diva gab Anja Klawun als unzufriedene bestimmende Besserwisserin, der keiner das Wasser reichen kann. Sie reklamiert alles und verlässt den „Saftladen“ am „Arsch der Welt“.

Deftigste Fäkalsprache beherrscht die Probe des sexistischen Regisseurs, der mit Requisiten und Darstellungen der Faustszene eine neue Bedeutung geben will.

Der Zuschauer begegnet noch der Intellektuellen, die nur über die Rollen philosophiert und die szenische Darstellung völlig negiert. Anja Klawun zeigte in dieser Szene größtes schauspielerisches Talent. Auch der Hospitant mit seiner naiven Bewunderung für das Theater, für das er einen Erfahrungsschatz aus Schulaufführungen aufzuweisen hat, durfte nicht fehlen.

Einen Querschnitt durch die Probenarbeit mit verschiedensten Typen der Sparte Schauspieler und Regisseure bot dieses Theaterkabarett „Gretchen 89ff“ in einer gelungenen Inszenierung.

Feuerwerk der Komik

Das Schauspielerduo fasste in der Schlussszene noch einmal die verschiedenen Spielszenen als „Doppeltes Gretchen“ agierend in einem Feuerwerk der Komik zusammen. Anja Klawun und Thomas Luft boten einen Theaterabend, bei dem Stück, Schauspielkunst und Humor bei weitem die Erwartungen übertrafen. Riesenapplaus und Begeisterungsrufe spiegelten die Freude der Zuschauer an diesem Theaterabend wieder.

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