Zauber von Musik und Poesie aus dem Dunkel

Von: Simone Dolfus
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Sabine Nikolaus (li.) trug mit klarer Stimme Gedichte vor. Foto: Dolfus

Jülich. Ein besonderer Zauber lag auf der Lesung, die im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Jülich liest” stattfand. In der Stadtbücherei lauschten rund 30 Zuhörer Worten, von denen spürbar eine intensive Kraft ausging. Besonders gut nachempfinden ließ sich dieses Gefühl, wenn man die Augen schloss.

Denn das Besondere an dieser Lesung war, dass die Referenten allesamt blind oder stark sehbehindert waren. Mitglieder des Blinden- und Sehbehindertenvereins Düren nahmen den 200. Geburtstag von Louis Braille zum Anlass, die von ihm entwickelte Blindenschrift und ihre vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten vorzustellen und aus Texten vorzulesen, die in dieser aus sechs Punkten zusammengesetzten Schrift verfasst sind.

Noten erfunden

Michael Bernecker, ehrenamtlicher Mitarbeiter des Vereins, führte durch den Abend. „Das Geniale an Louis Braille ist, dass er nicht nur das Alphabet, sondern auch die Noten erfunden hat”, erläuterte Bernecker. Die Braille-Schrift sei „universell”: Sie dient nicht nur zur Darstellung von Buchstaben, sondern beispielsweise auch von Noten, Zahlen, chemischen oder mathematischen Formeln und wird für alle wichtigen Sprachen der Welt angewendet.

Allerdings hat die Darstellungsweise der punktförmigen Erhebungen auf Papier einen eklatanten Nachteil, wie die Mitglieder des Blindenvereins nicht nur berichteten sondern auch anschaulich zeigen konnten: Die Braille-Schrift braucht deutlich mehr Platz als geschriebene Buchstaben.

Ein kleines Beispiel verdeutlicht dies: Die Einheitsübersetzung der Bibel ist für Sehende ein einziges, etwas dickeres Buch. Verfasst in der Blindenschrift handelt es sich indes um ein Werk mit 47 Bänden! Entsprechend groß waren demnach auch die Textvorlagen, welche die Vorlesenden an diesem Abend benutzten.

Es lasen Maria Herrmann, Helga Krings, Sabine Nikolaus, Christian Kappler und Lothar Schubert. Die Texte reichten von heiter bis nachdenklich, von Lyrik bis Prosa. Ob eine heitere Episode aus Siegfried Lenz Roman „So zärtlich war Suleiken”, Erich Kästners satirische Erzählung „Das Märchen von der Vernunft” oder das Gedicht von der Wühlmaus - das Publikum zeigte sich begeistert. Große Heiterkeit herrschte auch bei der selbst verfassten Geschichte von Lothar Schubert „Thunfisch in Gemüse”. Aber auch leisere und nachdenklichere Töne wurden angeschlagen.

Alle Lesenden hatten eines gemein: Sie trugen die Worte mit unglaublicher Deutlichkeit, wunderbarer Betonung und perfektem Spannungsbogen vor. Wie Michael Bernecker erklärte, sei trotz der mittlerweile vorhandenen akustischen Hilfsmittel wie Hörbücher das selbstständige Lesen die Form des „höchsten Genusses” für die Sehbehinderten.

Für akustischen Genuss sorgte der ebenfalls sehbehinderte Heinrich Enns am Klavier und Katharina Töfs an der Geige. Sie ließen anspruchsvolle Werke von Johann Sebastian Bach erklingen. Der Blindenverein hatte zudem Anschauungsmaterial zur Braille-Schrift mitgebracht wie einen Zollstock, Medikamentenpackungen, eine Braille-Schreibmaschine und Stadtpläne.

Für die Stadt Düren existiert bereits ein Stadtplan „zum Fühlen”, für Jülich ist er in Arbeit. Die Produktion einer solchen Karte ist extrem aufwändig und teuer. Ohne Sponsoren könnte sich der Blindenverein ein solches Angebot gar nicht leisten. „Wir hoffen, dass wir den Stadtplan bis zum Dezember fertig kriegen”, so Lothar Schubert zum Stand der Dinge.
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