Winter im Camp Jülich Frage der Kleidung

Von: Volker Uerlings
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Lerngemeinschaft auf der Merscher Höhe: Frauen aus dem Irak und dem Iran und ein Mann aus Syrien gehen nach dem Deutsch-Kurs noch einmal alles durch. Foto: Uerlings
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Auf dem Weg zum Unterricht: Sabine Günnel erklärt einem Bewohner des Camps auf der Merscher Höhe, ob er die richtigen Unterlagen dabei hat.

Jülich. Der Winter ist natürlich eine Frage der Kleidung. Im Flüchtlingscamp Jülich hat er am Wochenende sichtbar Einzug gehalten: Die Zeit der ganz dicken Jacken, der Mützen und Handschuhe ist angebrochen. Montagvormittag bei minus 5 Grad Celsius trugen allerdings nicht alle entsprechende Schuhe.

Ein Bewohner der Erstaufnahmeeinrichtung trug beim Handy-Telefonat Flip Flops – und wie sich das gehört: ohne Socken. Er war allerdings eine Ausnahme. „Die Macht der Gewohnheit“, sagt Sabine Günnel, Leiterin der Einrichtung auf der Merscher Höhe, die vom Deutschen Roten Kreuz betrieben wird.

Am 28. Dezember kamen die ersten Gäste an. Inzwischen sind 130 Menschen temporär in der Zeltstadt zu Hause. „Es können jederzeit neue kommen“, erklärt die Leiterin. Sie hat große Erfahrung, weil sie schon in zahlreichen Einrichtungen international für das DRK gearbeitet hat. „Der verlangsamte Zustrom ist nach meiner Meinung der Witterung geschuldet. Wir rechnen damit, dass es im Frühjahr wieder mehr Menschen werden.“

Die noch geringe Bewohnerzahl hat ihre Vorteile. Die Asylsuchenden haben mehr Raum, aber auch das Team der Roten Kreuzes – etwa 40 Kräfte – ist nicht gleich bis zum Anschlag belastet. Alles kann sich einspielen. Die wichtigste Erkenntnis des Wochenendes: Alle Heizungen funktionieren.

In den überregionalen Statistiken ist meist davon die Rede, dass alleinreisende junge Männer den größten Teil der Flüchtlinge ausmachen: bis zu 80 Prozent. In Jülich ist das aktuell anders. Nach Informationen von Sabine Günnel sind die Familien in der Überzahl, junge Männer ohne Begleitung gibt es etwa 20. „Wir sind sehr zufrieden. Die Menschen sind entspannt und fühlen sich wohl.

Die Sozialangebote werden sehr gut angenommen“, lautet Günnels erstes „Betriebs-Resümee“. Hierzu zählen Deutsch- und Mathematikunterricht, die Spielmöglichkeiten im Kinderzelt, aber auch Aktivangebote wie Tischtennis und Kicker. Niemand im Betreiber-Team hätte es vorab für möglich gehalten, dass ein Angebot sehr viele weibliche Flüchtlinge in den Bann zieht, aber „Stricken für Anfänger“ ist der Renner.

Wie überall, wo sich fremde Menschen zurechtfinden müssen, sind klare Erklärungen besonders wichtig. „Natürlich gibt es immer Konflikte zwischen einzelnen Nationalitäten, die bleiben bei uns aber verbal, weil die Sozialbetreuer gleich zur Stelle sind.“ Als Beispiel nennt sie „traditionelle“ Animositäten zwischen Menschen aus Syrien und Afghanistan, die in Europa nicht so bekannt sind. Beide Nationalitäten kommen im Jülicher Camp zusammen – und miteinander aus.

„In Zusammenarbeit mit der Jülicher Moschee haben wir zuletzt das erste Freitagsgebet angeboten. Der Zulauf war groß, und die verschiedenen Nationalitäten haben zusammen gebetet“, berichtet Sabine Günnel. Erfreut ist sie natürlich auch, dass es nach Angaben der Polizei, die ein waches Auge auf das Camp wirft, bislang „zu keinen Zwischenfällen mit unseren Flüchtlingen in Jülich gekommen ist“. „Und hier oben war auch nichts.“ Negative Reaktionen sind der Campleiterin des DRK „ausschließlich anonym in den sozialen Medien begegnet“.

Viele Menschen aus Jülich und Umgebung helfen auf der Merscher Höhe. „Sie engagieren sich. Das reicht von Studentinnen, die Deutschunterricht geben, bis hin zu Rentnern, die die Kleiderkammer betreuen. Es kommt zu einem regen Austausch“, freut sich Günnel über die Akzeptanz.

Die Flüchtlinge werden mit zahlreichen Informationen „gefüttert“, die sie aber wissbegierig aufnehmen: über Mülltrennung, deutsche Sanitärstandards oder auch nun die karnevalistischen Traditionen. Das reicht bis zu tagesaktuellen Neuigkeiten. Die Bewohner haben die Vorfälle in Köln in der Silvesternacht natürlich in den Medien verfolgt. Sabine Günnel erinnert sich: „Sie grenzen sich deutlich ab. Die einhellige Aussage war: Das sind nicht wir.“

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