Windkraftriesen: Bürgerinitiative bringt Protest vor

Von: Otto Jonel
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Aufmerksam verfolgten sowohl die Mitgleider des Stadtentwicklungsausschusses (links) als auch die Gutachter, Planer und Investoren dem Argumentationsbogen der Hottorfer Bürgerinitiative gegen die Windgiganten vor dem Ort. Foto: Jonel

Linnich. Wenn schon keine denkwürdige, so war es zumindest eine bemerkenswerte Anhörung. Im Ton ruhig. In der Stimmungslage unaufgeregt und in der Argumentation erkennbar um Vermeidung von Polemik bemüht, rollten die Vertreter der Bürgerinitiative Hottorf in der Aula der Linnicher Realschule ihre Kausalkette ab, die Glied für Glied gegen die Errichtung von 200 Meter hohen Windkraftanlagen nur einen Kilometer vom Dorf entfernt sprechen sollte.

Dass in Hottorf nach Bekanntwerden der Pläne zur Ausweisung einer Windkraftkonzentrationszone Körrenzig/Kofferen/Hottorf sechs Windräder mit einer Höhe von 200 Meter in der Flügelspitze quasi aus dem Stand 100 Unterschriften gegen das Vorhaben gesammelt wurden, hatte letztendlich zu dieser Anhörung geführt.

Vor Investoren, unter anderem die Stadtwerke Aachen AG (STAWAG), Gutachtern und var allem dem für die Stadt Linnich tätigen Projektmanagement VDH, vertreten durch Hans-Otto von der Heide, kam die Bürgerinitiative Hottorf bei ihrer mehr als anderthalbstündigen Präsentation gleich auf den Punkt. „Wir wollen einen Mindestabstand zu geplanten Windkraftanlagen von 1500 Metern. Wir wollen eine Höhenbeschränkung bis zur Flügelspitze auf maximal 150 Meter. Wir wollen Ausgleichsflächen in der Umgebung des Eingriffs, das heißt am Ortsrand der Dörfer und nicht irgendwo in einem Ausgleichspool.”

Die Vorstellung ihrer Argumente hatten sich einige Mitglieder der Bürgerinitiative, moderiert von Bernward Fladung, untereinander aufgeteilt. Und der Bogen wurde weit gespannt. Plakativ und beeindruckend wirkten die Fotomontagen, die Ausmaß und Wirkung von 200 Meter hohen Windkraftanlagen in nur einem Kilometer Entfernung vom Ortsrand verdeutlichen sollten. Zum Größenvergleich wurden die Hottorfer Kirche und der Kölner Dom herangezogen. Erstere überragt ein solcher Windriese um das Dreifache, und der weltbekannte Dom bleibt ebenfalls gut 40 Meter unterhalb der Windradflügelspitze.

Niemand sei gegen Windkraft an sich, betonten die Sprecher der BI mehrfach. Aber es gebe angesichts der bereits bestehenden Windparks bei Körrenzig und der Stadt Erkelenz an der Stadtgrenze keine Notwenigkeit zur Erweiterung der Windkraftkonzentrationszonen und damit zur Erhöhung der Belastung für die Bürger. Unter den zusätzlich geplanten 16 Windkraftanlagen - alle sind höher als 150 Meter - ragen die sechs Hottorfer mit ihren 200 Meter Höhe buchstäblich heraus. Mit diesen Anlagen werde ein Tabubruch vollzogen. Derlei Anlagen seien in NRW noch nie genehmigt worden. Zudem, führte BI-Sprecher Johannes Brandt an, sollte nach einem Erlass des Landesumweltministers Remmel bislang unberührte Gebiete wie Hottorf weiterhin unberührt bleiben.

Abgesehen davon, dass die Windhöfigkeit ausgerechnet in dem Teilbereich Hottorf als schwach einzustufen sei, warnet Johannes Brand von der Initiative: „Wenn Investoren erst einmal Tür und Tor geöffnet wird, werden künftig nur noch solche Anlagen gebaut und der Altbestand auf diese Höhe ertüchtigt.”

Versuchslabor Dorf

Neben einer kurzen Abfolge von Beispielen, die spektakuläre Schadenfälle von Windkraftanlagen dokumentierten, widmete die Bürgerinitiative dem Lärmgutachten einen besonderen Stellenwert. Besonders kritisiert wurde der Umstand, dass es für die Windkraftanlagen des Typs REpower 3.2M dazu zählt die 200-Meter-Version „noch keine schalltechnischen Messberichte” existieren. Beate Langeneckhardt: „Das Gutachten basiert auf Prognosen, das heißt unsere Dörfer werden zum Versuchslabor.”

Da Sicherheitszuschläge nicht in ausreichendem Maße eingerechnet und Unsicherheitsfaktoren nicht berücksichtigt worden seien, zudem der Infraschallproblematik als nicht gegeben angenommen werde, komme die BI zu dem Urteil: „Das Lärmgutachten ist unbrauchbar.”

Was Lärm bedeutet, führe Toningenieur Stefan Ebert dem Publikum in der Aula vor. Er ließ das 40-Dezibel-Rauschen eines Geschirrspülers über die Lautsprecher laufen und erklärte: „Das werden Sie an drei, vier tagen ind er Woche im Dorf haben.” Und gegen den tieffrequente Infraschall der 200-Meter-Giganten nütze es auch nichts, die Fenster zu schließen: „Der dringt durch die Wände.”

Beindruckend schließlich war die Liste der „medizinischen Auswirkungen”, die Bernward Fladung anführte, unter anderem gestützt auf Erfahrungen der Bürger des belgischen Ortes Estinnes, die im Schatten der 200-Meter-Anlagen leben. Die Palette reiche von Schlafstörung über Ohrgeräusche (Tinnitus) bis hin zur Verstärkung von bestehenden Erkrankungen wie Herzbeschwerden. Durch Infraschall könnten schwerste Erkrankungen ausgelöst werden. Mit der „Warnung vor etwas, von dem wir heute nicht wissen, was es mit uns machen wird”, kam die Bürgerinitiative zu der Schlussfeststellung: „Dieser Windkraftplanung fehlt das Augenmaß.”

Die dichte Präsentation rief nur eine kurze Reaktion des Projektmanagments VDH und des Schallgutachters Volker Gemmel. Während von der Heide das Engagement der Bürger ausdrücklich lobte, in einem Atemzug aber auch erwähnte, das die Skihalle Neuss trotz einer Vielzahl von Bürgereinwändungen doch gebaut worden sei, verwahrte sich Gutachter Gemmel gegen den Vorwurf, etwaige Sicherheitszuschläge nicht berücksichtigt zu haben. Ausführliche Stellungnahmen zu den Vorhaltungen der Bürgerinitiative sagte Gemmel schriftlich zu.

Und auch diese Zusage erhielten die BI und alle Einwender: Ihre Bedenken, so von der Heide, würde im weiterer Verfahren berücksichtigt.

Die Anregungen der Hottorfer Bürgerinitiative werden nun abgearbeitet. Er sagte zu, sich der Ausschuss vermutlich in der Sitzung am 12. Dezember „mit der Frage von Abstand und Höhe müsse, bevor wir im Verfahren weitermachen”.
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